Montag, 21. November 2016

Herbst, verlass mich nicht! - Riotkuchen mit Kürbis.


Wir drehen eine Runde durch Hinterkaffhausen. Das heißt: Ich drehe. Das Kind lässt sich auf dem Bobbycar hinter mir herziehen wie Dresden-Touristen auf diesen unsäglichen Altstadt-Pferdekutschen-Touren. Ähnlich zufriedener Gesichtsausdruck.
Auf Höhe Ortsausgang plötzlich... die erste Weihnachtsdekoration im Fenster. Nee, echt jetzt? Ich überschlage eilig die Tage im Kopf. Noch 9 Tage bis zum ersten Dezember. Eine ganze Woche bis zum ersten Advent. Draußen Sonnenschein und neun Grad plus, ein milder Wind weht bunte Blätter auf den Gehweg.
Auf Instagram backen alle schon Plätzchen. Und wir? Kürbiskuchen.

Und zwar nicht irgendeinen und nicht allein für Kinderbauch und die Dehnungsstreifen-Leinwand.
Sondern ein "No Pegida"-Kuchen für all jene Menschen hinter dem Lautsprecherwagen, die allmontäglich rechtspopulistischen Thesen entschieden widersprechen. Die eine Plattform bieten, auf der es möglich ist zu zeigen, dass Dresden mehr kann als "Merkel muss weg!!!1elf". Nämlich bunt sein. Und vielfältig.
In ihrer Freizeit. Engagiert und motiviert. Mit bewundernswerter Durchhaltekraft, nur bisher leider ohne Kuchen. Letzteres sollte sich ändern, finde ich!




Deko-Vorschlag mit Lebensmittel-Goldglitter. Impliziert Wichtigkeit. Und Wertschätzung! Und irgendwie auch... äh, smash capitalism, eat all the profits. Oder so.



Kein Kuchen ist ein besserer Demo-Kuchen als dieser! Nur, Obacht bei der Zerteilung in Fingerfood-ToGo-Häppchen für den hungrigen Antifaschisten: Umgotteswillen kein Messer mit auf die Demo! Aber ein Pizzaroller, der geht voll klar. Just saying.


Donnerstag, 17. November 2016

Lied des Tages.

Und ich kann den Wahnsinn verstehen,
sieht sich an uns satt,
wie er selbst sich fast blamiert.
...
Und ich habe kein Problem,
zitternd und bewegt,
nur man selbst macht sich verrückt.

Das Leben ist schön,
die Zukunft fängt an,
die Sonne scheint,
und ich weiß, warum sie lacht,
weil sie weiß, dass ich es genauso kann.


Und das Leben ist schön,
die Zukunft ist dran,
die Sonne scheint,
ich weiß, dass ich lachen kann,
ich geh an, was ich angehen kann.

Und ich hab vieles schon gesehen,
vielmehr ungewollt,
und so bin ich der ich bin.
....


 Und die Tage sind gezählt,
alles ist vergänglich,
jeder weiß, dass das so ist.

Und ich frag mich,
was mir fehlt,
man ich bin lebendig,
hab mich selbst dabei vermisst.
....


Und ich mach Seifenblasen,Welten spiegeln sich,
und zerplatzen aus dem Nichts.

Und ich zertrümmere teure Vasen,
und dann klebe ich sie für dich,
unserer Liebe Angesicht.
....


Das Leben ist schön,die Zukunft fängt an,
die Sonne scheint,
und ich weiß warum sie lacht,
weil sie weiß, dass ich es genauso kann.

Und das Leben ist schön,
die Zukunft ist dran,
die Sonne scheint,
und ich weiß, dass ich lachen kann,
und ich komm an, wenn ich loslassen kann.


Samstag, 12. November 2016

Schenken macht Freude.

Eigentlich wollte ich über etwas anderes bloggen. Was mit basteln. Vom Frühling, angestaubte Fotos auf der Festplatte. Öffne die Blogger-Dashboard-Oberfläche und sehe meine Statistik explodieren. 900 Aufrufe an einem Tag. Oh la la. Entscheide darum ganz spontan, meine kurzzeitig hohe Reichweite für Werbung zu nutzen. Da müsst ihr jetzt durch. Sorrynotsorry.


Kennt ihr schon "Weihnachten im Schuhkarton"? Das ist eine Aktion des christlichen Werks "Geschenke der Hoffnung", eine Organisation für benachteiligte Kinder, Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe.
Nach eigener Angabe verteilen die Mitarbeiter schon seit 1993 Weihnachtsgeschenke-Päckchen an benachteiligte Kinder zwischen zwei und 14. Diese Päckchen, genauer: mit Geschenkpapier beklebte Schuhkartons, werden von vielen vielen Menschen im deutschsprachigen Raum jedes Jahr im November gepackt und zu zentralen Abgabestellen in der Nähe gebracht. Von dort finden sie ihren Weg in Länder, die wir spontan als "arm" bezeichnen würden: Bulgarien, Rumänien, Slowakei, Weißrussland, aber auch Namibia, Kambodscha, ...

Warum? Aus christlicher Nächstenliebe, aus Wertschätzung. Für einige Kinder ist der Schuhkarton das erste Weihnachtsgeschenk, das sie überhaupt erhalten, weil ihre Eltern sich Geschenke nicht leisten können. Es geht dabei nicht um den materiellen Wert der Sachen im Karton, sondern darum, den Kindern und deren Familien zu zeigen, dass wir an sie denken. Dass sie uns in unserer ekelhaften westeuropäischen Wohlstandblase nicht egal sind, sondern geliebt und wertgeschätzt.

Möglicherweise hat das für einige nun einen komischen esoterisch-missionarisch-dogmatischen Beigeschmack, arbeitet die Aktion doch mit christlichem Hintergrund und mit örtlichen Kirchgemeinden zusammen. Aber darum geht es nicht. Ja - vielleicht ist der Anspruch da, die eigentliche Bedeutung von Weihnachten in die Welt zu tragen. Freude schenken steht dennoch im Vordergrund:
"Weihnachten ist ein christliches Fest – deswegen ist es für uns selbstverständlich, dass eine Weihnachtsgeschenkaktion wie „Weihnachten im Schuhkarton“ in den christlichen Kontext eingebettet ist. Doch ebenso wichtig ist es uns, dass die Päckchen unabhängig von Religion, Konfession oder Herkunft verteilt werden. Wir sind der Überzeugung: Gottes Liebesangebot gilt jedem Menschen."
So schreibt die Aktion auf ihrer Website. Und damit haben sie recht!

(c) Geschenke der Hoffnung
Wie geht das jetzt genau?
Auch dafür gibt es eine genaue Anleitung auf der Website:

Screenshot
Das Einkaufen der Geschenke macht ungefähr so viel Spaß wie Lebkuchen backen. Es ist wunderbar. Seit mehreren Jahren ziehe ich durch die Regale und suche aus. Verwerfe. Suche neu. Habe den Karton im Arm und übe mich in effektiver Platzausnutzung. Stelle mir dieses Kind vor, wie es den Deckel anhebt. Wie es mit den Buntstiften im Malblock malt. Wie die rosa Spangen in dunklem Haar glitzern...
Mein Herz tanzt.

Was kann rein? Von jedem etwas. Und zwar:

  • noch nicht gewaschene Kleidung, wie Badesachen, Handschuhe, Pullover, Socken usw.
  • Kuscheltiere
  • Waschkram: Cremes, Shampoo (auslaufsicher verpackt), Haarschmuck, Handtuch, Kamm, Zahnpasta,...
  • Spielzeug
  • originalverpackte Süßigkeiten, die mindestens bis März des Folgejahres haltbar sind
  • Schulmaterialien wie Bunt-/Bleistifte mit Anspitzer und Radiergummi, Blöcke, Füller mit Patronen
Verboten sind dagegen folgende Dinge:
  • Gebrauchtes, zum Beispiel Kleidung - klar, wir wollen alle gern neue, schöne Geschenke bekommen
  • Lebensmittel, ausgenommen der Süßigkeiten. Die müssen aber folgenden Kriterien entsprechen: Schokolade ohne stückige Füllungen (Nüsse, Smarties und so Gedöns) und auch keine Gelierstoffe wie in Gummibärchen und Kaubonbons
  • Seife und Flüssigkeiten, die leicht auslaufen (Seifenblasen)
  • Medikamente und Vitaminbrausetabletten
  • Zerbrechliches
  • scharfe, spitze und andere gefährliche Gegenstände (Schere, Werkzeuge, Messer)
  • batteriebetriebene Gegenstände 
  • Spielkarten (Skat)
  • angstauslösende Dinge wie Kriegsspielzeug, Hexerei- und Zaubereiartikel
  • Literatur jeder Art - schon aus Sprach-Gründen
  • Bargeld
Nachzulesen und idiotensicher erklärt ist aber alles auch nochmal hier.


Meine liebsten Lieblingsmädchen und ich haben dieses Jahr gemeinsam gepackt, für einen Jungen zwischen 10 und 14 Jahren. 
Kostenpunkt mit Spende: Um die 40 €.
Ja, das ist viel. Vor allem als Studentin. Und Alleinerziehende. Aber das ist auch schön. Es ist befreiend. Es macht Sinn. Für 40 € kann ich mehrere Konzerte besuchen, viel Kuchen im Café essen, meinem Kind das hundertausendste Kinderbuch oder das millionste Auto kaufen, viel Bier trinken.
Ich kann aber auch jemandem ein Geschenk machen. Jemandem, der nicht eigentlich schon alles hat und "weil man das eben so macht an Weihnachten". Sondern jemandem, dem ich wirklich und aufrichtig Freude machen will. 

Ich glaube fest daran, dass es doch irgendwen oder -was gibt, dass auf uns runtergrinst und jeden von uns mag. Ohne Unterschied. Also haben wir uns hier unten auch alle lieb - macht doch Sinn! Oder nicht?

Egal ob und was ihr nun also glaubt - ich würde mich riesig freuen, wenn ihr auch in den kommenden drei Tagen noch schnell im Schuhladen um die Ecke nach dem Abfall fragen geht.
Spread the word!

Montag, 7. November 2016

Heyho let's fortschritt... (Nicht)Schmardfon-Story, Teil Zwei.


...hallo Kapitulation.

Mein shift ist da. Mein Smartphone.

Und das kam so:

"Wenn mir das Handy hier mal kaputt geht, dann kauf ich genau das gleiche wieder! Oder... halt ein Fairphone. Das ist mir schon wichtig. So ein modulares Handy, bei dem man jedes Teil noch ersetzen kann, statt das Handy wegzuwerfen" - O-Ton ich. Immer. In Gruppen von Freunden und Bekannten, in Gesprächen mit fremden Menschen (Im Club: "Haste WhatsApp?" - "Ich hab kein Smartphone!", ihr erinnert euch?)

Mission "gleiches Handy wieder" scheitert an hohen Preisen und schlicht der Nicht-Verfügbarkeit. Mission Fairphone  ist ein finanziell aussichtsloses Unterfangen. 500 € für ein Smartphone, dessen Akku auch nur einen Tag hält, der Display die Distanz Klo bis Fliesen nur unter Risiko übersteht...? Mehr als eine Monatskaltmiete. Nö.

Was mir an einem Smartphone (oder generell an technischen Geräten, aber eben nun speziell an so einem "Wegwerf-Verschleißteil" wie es das Smartphone leider geworden ist) nicht schmeckt, ist folgendes:
  • Kinderarbeit, zum Beispiel von Siebenjährigen in kongolesischen Minen unter lebensgefährlichen Bedingungen, um Kobalt abzubauen. Dieses ist für den Bau von Handy unerlässlich.
  • massive Rohstoffverschwendung, zum Beispiel von seltenen Erden. Die buddeln kaum bezahlte Arbeiter in Afrika unter extrem schweren körperlichen Bedingungen aus dem Boden. 
  • Highend-Geräte, zusammengebaut von Lohnarbeitern in Fernost. In Sweatshop-Atmosphäre zum Hungerlohn, exklusive Arbeitsschutz vor giftigen Stoffen und Dämpfen.
  • "Immer kürzere Gebrauchszeiten sorgen für einen rapiden Anstieg des Elektroschrotts – weltweit! Doch was passiert damit? Allzu oft landen unsere ausgedienten Elektrogeräte auf den weltweiten Müllkippen, wo Giftstoffe die Umwelt verschmutzen und wertvolle Rohstoffe wie Gold, Silber oder Indium ungenutzt vergraben werden. Die Folgen für Mensch und Natur sind verheerend." - zitiert aus einem guten Überblicksartikel.
Das schon erwähnte Fairphone zeigt, dass es auch anders geht. Leisten kann ich mir das nicht. Ein gebrauchtes Smartphone? Wie nahezu der gesamte Inhalt meines Kleiderschranks eine Rebellion gegen das Wegwerfen? - "Die und die Apps laufen nicht mehr, dazu müsstest du ein neues iOS haben und das Handy ist zu alt für ein Update."

Schließlich und endlich finde ich genau das, was ich mir vorgestellt habe. Wenn schon Smartphone, dann mit Anspruch. Und Garantie.
Ein Shiftphone. Warum?


Das StartUp des kleinen Unternehmens ist noch sehr jung. Und die Fairphone-Bezüge ganz deutlich zu erkennen.

Es verspricht mir genau das, was ich will:
"Wir achten darauf, dass bei der Fertigung niemand ausgenutzt wird: Faire Löhne und Arbeitszeiten, keine Kinderarbeit sowie gute Arbeitsbedingungen sind für uns selbstverständlich. Unsere Phones sind frei von Konfliktmaterialien wie z.B. Coltan."

...schreibt die Website. Außerdem kommt dieses Telefon (nicht komplett, aber immerhin) aus Deutschland. Shift ist eine deutsche Firma, das hat irgendwie einen regionalen Beigeschmack. Auch wenn das natürlich ein wenig Selbstbetrug ist. Zumindest versichert die Firma, dass "die Arbeiter [in China] eine Arbeitszeit von 8 Stunden am Tag" haben - und nicht, wie üblich, 12 bis 14.

Außerdem: 
"Es ist uns wichtig, dass ihr lange etwas von euerm SHIFT habt: Der Speicher ist erweiterbar und der Akku einfach zu tauschen. Evtl. Reperaturen sind günstig. Aber ihr dürft auch selbst Hand anlegen: Wir versorgen euch mit Teilen und Tutorial-Videos. Die Garantie verfällt nicht, wenn ihr das Gerät aufschraubt oder rootet."

Das Shift-Smartphone ist zumindest im Ansatz modular aufgebaut. Ich kann Teile ersetzen, statt das ganze Gerät wegzuwerfen. Und es ist strahlungsarm. Für den einen oder anderen sicher auch wichtig.

Im Internet google ich nach Testberichten und Rezensionen. Nur eine schlechte ist dabei. Ja, komplett fair ist das Telefon wohl nicht. Aber, schreibt Utopia: "Man kann Shiftphones hier kritisieren, sollte aber bedenken: Faire Elektronik ist ein komplexes Unterfangen, an dem sich bislang nur ganz wenige versuchen. Selbst das Fairphone ist hier noch lange nicht perfekt."

Ein User kommentiert:
"Was ich bei Shiftphone sehe ist ein Kompromiss zwischen Fairness und Kaufpreis.
Wer heute startet und noch kein Full HD Display anbietet wird es erheblich schwerer haben sich im Markt auffällig zu platzieren. Auch ein zu schwacher Akku setzt einen zurück. Kein LTE bzw. 4G...
[...]
Eine brauchbare Kamera nützt wenig wenn das Display schon da nicht mehr ordentliche Ergebnisse liefern kann. 1280×720 Bildpunkte dürften am Markt kaum noch ein starkes Kundenbegehren bewirken. Dann wohl eher im unteren Preissegment. Das hat aber nichts mit Investition in die Zukunft zu tun."
Ich stöhne. Ist das nicht Jammern auf hohem Niveau? Muss mein Handy denn einen HD-Display haben? Braucht mensch das? Will ich ein Gerät ohne Kinderarbeit oder hoch aufgelöste Youtube-Clips? Wie schnell muss mein Internet wirklich sein? Hat die intensive Recherche nicht Zeit bis zum heimischen PC oder dem W-LAN im Café? Habe ich keine einzige Zehntelsekunde übrig, um mich während des Wartens auf eine Internetseite kurz auf meine Atmung zu konzentrieren?
In was für einer kranken, krass anspruchsvollen und abgehobenen Welt leben wir eigentlich?

Shiftphone antwortet mit dem subtilen Mittelfinger. Hinten auf meinem nichtzugroßundnichtzukleinen Shift4. Feier ich. Über alle Maßen!



Ich besitze es nun seit 3 Tagen. Und ich freue mich. Ja - es ist ein Smartphone. Ja, ich rufe damit mitten in der Nacht aus Versehen meine Ex-Schwiegereltern an, obwohl ich das gar nicht will.
Aber... ja, es ist irgendwie auch schön, dazu zu gehören. Ich verfluche dich, Familienchat-Gruppenzwang.
Ich brauche kein schnelles Internet, kein hoch aufgelöstes Display, keine tolle Handykamera. Ich brauche ein bisschen mobile Erreichbarkeit, ein wenig GPS und Musik... und das Gefühl, in ein junges, vielversprechendes StartUp investiert zu haben, dass einen Beitrag zur Problemlösung leistet und meine Ideen schon umsetzt, damit ich mir trotz allem immer noch treu bleiben kann. Mit 224 Euro.

Hallo Fortschritt. Hallo 21. Jahrhundert. Hier bin ich.

Bye, bye Love... (Nicht)Schmardfon-Story, Teil Eins.

Ich verlasse das letzte Seminar des Tages kurz nach 18 Uhr. Nur nochmal pullern. Ich stehe gerade am Waschbecken, als in meiner Manteltasche mein Handy vibriert. Und vibriert. Hört gar nicht mehr wieder auf. Trockne die Hände am Kleid, will den Anruf entgegen nehmen. Aber es ist kein Anruf. Das Display blinkt weiß. Schwarzweißschwarzweißschwarzweiß. Dazu vibriert das Telefon. Durchgängig, in der öffentlichen Toilette im Seminargebäude. Wie Sexspielzeug.
Ich bin erstaunlich ruhig dabei. Kein spontaner Anfall von Mobiltelefonverlustängsten. Ohne über das Warum nachzudenken, stecke ich es dorthin, wo ich es herausgeholt habe. Bin einfach zu müde. Interessiert mich nicht.
Als ich das Auto erreiche, vibriert meine Manteltasche immer noch. Und immer noch, als ich eine halbe Stunde später das Kind bei seinem Papa einsammele. Und immer noch, als ich daheim die Wohnungstür aufschließe. Und immer noch, als ich das Kind schon lange ins Bett gebracht habe. Räume gerade die Spühlmaschine aus - da ist es plötzlich still. Auch das Blinken hat aufgehört. Display schwarz. Mein 4 Jahre altes, treues Nicht-Smartphone reagiert nicht mehr. Auch am Ladegerät lässt es sich nicht zum Einschalten überreden.
Da ist er - der Kloß im Hals. Ich tippe schon Entschuldigungen und Handy-Gesuche in das soziale Netzwerk und streichle dabei sanft über das tote Display. Sollte es das gewesen sein? Ist das hier der langsame, qualvolle Tod des letzten Tastenhandys? Das Ende unserer 4-jährigen Ehe, in guten wie in schlechten Zeiten geteiltes Bett und täglich geteilte Konversationen?


Ich hasse Smartphones. Tief in mir sitzt diese Aversion gegen flache, viereckige Mini-Brettchen mit Touchdisplay. Ich boykottiere vehement diese filigranen Alleskönner, deren Ultra-berührungsempfindlich-ich-drücke-permanent-aus-Versehen-irgendwas-was-ich-nicht-will-Displays schon splittern, wenn sie mal von Klo-Höhe auf die Badfliesen fallen. Pah. Anfänger.
Ich will kein Telefon, dessen Selfie-Kamera mich morgens ungekämmt ausspioniert. Also, so rein theoretisch. Will keine nervigen WhatsApp-Familienchats mit Sonntagskuchen-Fotos und "Was schenken wir'n der Tante Ärigaa zum 50.??????"-Satzzeichentourette-Diskussionen. Ich will mich in einer Stadt verlaufen, unbekannte Orte entdecken und Menschen über "Scheiße, hast du ne Ahnung wo ich bin?" kennenlernen*, statt das GPS anzuschalten. Ich will Liniennetzpläne ausgedruckt in der Hand halten und sie hinterher ins Fotoalbum kleben. Ich brauche die Spiegelreflex-Nikon mit Teleobjektiv, keine verwackelten Handy-Schnappschüsse.... Ich will. Kein. Smartphone.

Mal ganz davon abgesehen, dass...

1. es viel cooler ist, wenn man im Club nach der Nummer gefragt wird. Gleich hinterher geschoben wird dann nämlich ein: "Haste WhatsApp?" und ich grinse wie Pippi Langstrumpf ein "Ich hab kein Smartphone!". Absolut wirksam. Trennt die Spreu vom Weizen in einer Sekunde. Und macht mich irgendwie... interessanter. Isso.

2. es viel schneller geht, eine Nachricht mit Tasten und T9 blind unter dem Tisch im Seminar zu tippen. Ich fühle die Buchstaben. Pure Effizienz.

3.  ein Smartphone eine viel geringere Lebenserwartung hat. Das gute alte Nokia Tastenhandy kaufte ich vor 4 Jahren. Da war es schon so... 1-1,5 Jahre alt. Es ist ein dickes Slider-Handy mit einem 2 Zoll-Display. Unzerstörbar bei Würfen aus 3 Metern Höhe auf Asphalt und Tauchgängen ins Klo. Wetterfest, zuverlässig, Akkulaufzeit mindestens 4 Tage. Es hat keine Speicherplatz- oder Datenvolumen-Probleme. Es braucht kein neues iOS, um wichtige Apps zu updaten. Hat kein W-LAN und erst recht kein LTE - dafür Platz für zwei Sim-Karten, um die besten Prepaidtarife zu kombinieren. Es braucht nur ein Ladegerät. Und Liebe.

4. es mit Punkt 3 damit auch irgendwie viel ökologischfairnachhaltiger ist. Längere Lebenserwartung, weniger neue Handys. Weniger Abbau von seltenen Erden, weniger Abfall. Es ist wunderbar.

5. es außerdem eh keiner klaut. Kann mir nämlich keine Sperrcodes merken.


Und so tut mir der Gedanke daran, dass ich dieses tolle Teil, das alles hatte, was ich brauchte, auf ewig verlieren werde. Google den Markennamen, gewillt, mir das gleiche Exemplar wieder zu beschaffen. Und... das gibt es nicht mehr. Nicht mehr neu. Gebraucht (und funktionsfähig) liegen die Preise höher als bei einem fast neuen Smartphone. Ich bin verwirrt. Und frustriert. Will GENAU DAS. Kein anderes Tastenhandy. Sondern das. Mein Nokia.
Weine mich leise in den Schlaf.

Das Wunder geschieht morgens. Ich, mit Tee und Hektik an der Arbeitsplatte gelehnt. Dingdingding mach das Nicht-Smartphone und schaltet sich an. Akku voll. Funktionstüchtig.
Gelobet seid ihr, himmliche Heerscharen! Halleluja!

Die Freude währt ganz zwei Tage. Dann stelle ich fest, das mein heiliges Mobilgerät sich immer öfter einfach aufhängt. Die Sim-Karte auswirft, einfach so. Oder während eines Telefonats eben mal ausgeht. Mehrmals. Das. ist. doch. jetzt. nicht. dein. Ernst.

Hallo Google. Hallo Es-ist-schon-1 Uhr-und-morgen-muss-ich-um-7-aufstehen-Internetrecherchen. Hallo "Scheiß Handy!"-Wutgeheul in der S-Bahn, morgens. Danach alle wach. Hallo komische Konversationen mit Menschen in einschlägigen lokalen Suche-Biete-Gruppen ("Schenke dir das Handy, aber wir können uns ja näher kennenlernen?"). Hallo Tränen. Hallo Wut. Hallo unterdrückte Konsumgeilheit und hallo Kapitulation.

Fortsetzung folgt.


___________________________________
* Nach einer wahren Geschichte. Derjenige weiß, dass er gemeint ist. Hi.

Montag, 31. Oktober 2016

Warum wir kein Halloween feiern (wollten) - und ich trotzdem Gespenstermuffins gebacken habe.


Gespensterfest.
Ich sehe den Aushang in der Kindergarten-Garderobe und rümpfe die Nase. Schaue mich dann aber unauffällig um. Hoffentlich hat's keiner gesehen. Meine Aversion. Gegen Gespensterfeste. Gegen Halloween im Allgemeinen. Gegen "Wir-stecken-Kinder-in-Horrorkostüme-und-finden-das-lustig". Gegen abgetrennte Finger aka Wiener Würstchen auf dem Buffet, gegen "Blutpudding" für Vierjährige, gegen die Glorifizierung von (Un)tod. Pfui.
Eigentlich wollte ich jetzt mal einen Blog-Artikel schreiben, der nicht vom Meinen, Fühlen, Glauben und Empfinden handelt. Ich wollte einen Anti-Halloween-Post schreiben, aber faktenbasiert und gut recherchiert. Wollte wenigstens einmal eine fundierte Argumentation abliefern und nebenher ein bisschen aufklären. Hatte dazu einen Kampfartikel in der Huffingtonpost gelesen und den Blogger-Tab mit Posting-Seite schon offen. Die "Fakten", die ich da las, passten mir sehr gut ins Bild. Meine Argumentation sollte auf die historischen Hintergründe von Halloween aubauen, die nicht sehr... nunja, feierwürdig erscheinen. Totenfest? Kinderopfer? Ohja.


Glücklicherweise kam ich auf die Idee, mich über den historischen Hintergrund durch herumgegoogle etwas eingehender zu informieren, um fundierte Anhaltspunkte zu finden und schlussendlich begründen zu können, warum Halloween, Verzeihung, dämlicher Bullshit ist.

Und zwar: Halloween, so vermutet man, ist eine ursprünglich keltische Tradition mit dem Namen "Samhain", einem Totenfest als Übergang zwischen Sommer und Winter, benannt nach dem keltischen Totengott. Der Sommer, so glaubten die Kelten, sei die Zeit des Lebens, wohingegen der Winter mit dem Tod gleichgesetzt werden muss. In der Samheim-Nacht würden nun diese beiden Zeiten aufeinander treffen, der Tod sei unmittelbar nah. Verstorbene würden sich den Lebenden nähern, um sie mit in ihr Totenreich zu nehmen.
Aus Angst davor begannen die Kelten sich als Tote zu kostümieren - denn wer schon tot ist (oder eben einfach nur so aussieht) kann nicht mehr kassiert werden.

Im Zuge der "Christianisierung" im 9. Jahrhundert löste "Allerheiligen", gefeiert am 1. November, das alte Samhain-Fest nach und nach ab. Alte Traditionen der Kelten leben allerdings auch bei ihren christlichen Nachfahren weiter. So exportierten irische Siedler im 19. Jahrhundert diese Verkleidungszeremonien nach Amerika, wo man sie weiterhin am Vorabend von Allerheiligen, dem "All Hallows Eve" (woraus später "Halloween" wurde) zelebrierte.

Von Kinderopfern fand ich nichts. Und auch so liest sich, mal abgesehen vom Terminus "Tod/tot", dieses Fest wie eine alte Tradition, vergleichbar mit dem Martinsumzug oder... vielleicht auch mit Nikolaus. Ein überliefertes Gebahren. Verkleidung... Gibt es etwas harmloseres als das? Meiner im Kopf schon großartig formulierten Argumentation wird der Boden weggezogen. Plums, flattert das Kartenhaus auf den Tisch.


Was bleibt, ist Kapitalismuskritik und ein dumpfes Unwohlsein. Wieder nur eine Meinung und ein Gefühl:

Ich wundere mich. Über diese Todessehnsucht für einen Tag. Verzerrte, gruselig schreiende Masken in den Supermarktregalen. Ist denn die Welt nicht schon grausam genug?
Wir wollen keine Bilder sehen, in denen Menschen solche Mienen zeigen. Für Nachrichten, in denen wieder Bilder aus Aleppo, aus Damaskus, aus Bagdad im Fernsehen gesendet werden, bittet man die Kinder gekonnt aus dem Zimmer. Wollen ihre zarten Seelen nicht zu sehr belasten, sagen sie.
Und probieren Freitags beim Wochenend-Einkauf zweidrei Plastik-Blut-verschmierte Schreimasken auf. Die Kinder dürfen auch mal. Es wird gelacht.
Ich wundere mich.
"Bitte tragt in die Liste ein, was ihr für unser Gruselbuffet mitbringen wollt", fordert der Aushang auf. Ich lese: Finger-Würstchen. Blutpudding. Gummibärchen-Augen. Ungewollt und ohne es verhindern zu können rezitiert mein Gehirn Schlagzeilen: "..sprengt sich inmitten einer Menschenmenge...", "Explosion, 21 Tote", .... Mir wird schlecht. Ich wende mich ab.

Was ich an Halloween kritisiere, ist nicht der Ursprung an sich. Eigentlich ist Verkleidung gegen untote Verwandte schon fast niedlich. Meine Kritik richtet sich gegen diese schwer nachvollziehende Freude an martialischen, gruseligen Kostümierungen. An der Darstellung von Grausamkeiten, über die sich an diesem einen Tag im Jahr alle Welt freut wie über ein Biene Maja-Kostüm. Welcher "echte" Tote sieht denn bitte aus wie Joker?
Scheinbar weiß niemand mehr über den Ursprung des Festes Bescheid. Es ist eine gigantische Vermarktung mit sinnlosem Grusel-Equipment. Kapitalismus, du Vollpfosten. Dabei könnte man ein Totenfest, obschon es ja doch mit Leichen zu tun hat, durchaus kinderfreundlich und sinnvoll gestalten. Als Lichterfest oder Laternenumzug. Mit Aufklärung über diese alten Traditionen.
Beschäftigung mit dem Tod - ja! Aber doch bitte ehrlich und sachlich! Halloween könnte zum Beispiel eine gute Gelegenheit sein, um gerade im Kindergarten mal über das heikle Thema zu sprechen. Ist Tod denn tatsächlich etwas, wovor wir Angst haben müssen?


Woher kommt denn diese schwer zu verstehende Freude an zerstückelten menschlichen Gliedmaßen? Warum wirken destruktive, dunkle Verkleidungen so anziehend? Wer hat sich denn ausgedacht, dass ein Totenfest mit Hexenkostümen und Nudel-Würmern zelebriert werden muss?
Und: Wer bitte schminkt sein Kind wie ein Kriegsopfer? Das Kind, welches man liebt?

Ich beschließe, dieses ekelhaft kapitalistische Fest vehement zu boykottieren. Nicht, weil es allgemein furchtbar ist. Aber weil es furchtbar ausgetragen wird. Weil ich nicht einsehen mag, warum ich diese zarte, unschuldige Kinderseele (danke, Huffpost!) mit grenzwertig abartigen Kunstblut-Übertreibungen und leuchtenden Plastikteilen nachhaltig belasten sollte. Es reicht, wenn wir mal zusammen die Nachrichten sehen. Wir brauchen keine künstlich herbeigeholte Grausamkeit. Wir wollen nicht abstumpfen und Finger-Würstchen essen. Wir haben die Realität.


Das ist die Theorie.
Die Praxis: Am Vorabend zum "Gespensterfest"-Tag steht das Kind plötzlich gegen 22 Uhr wieder in der Wohnzimmertür. Kuschelmodus. Dackelblick. Herumdrucksen. Dann, endlich: "Mama? Ich will auch ein Gespenst sein! Alle Kinder feiern morgen Gespensterfest!"
Ich versuche alles. Von "Es gibt doch gar keine..." - "DOOOHOOCH!", bis "Wir machen morgen hier was tolles...?" - "Aber ich WILL SO GERNE!" über "Ab ins Bett jetzt!" bis "Ich habe Nein gesagt!" - "Mamaaaaaa".
Schließlich geht mir die Luft aus. Einem wimmernden Kind in meinen Armen erkläre ich meinen Halloween-Standpunkt. Es hört mir nicht zu. Habe ein schlechtes Gewissen. Vielleicht lässt uns mein Idealismus auch einfach Vereinsamen? Und eigentlich sind wir ja weltoffen und tolerant... Und Abschreckung ist vielleicht auch die beste...

Das Kind betritt am nächsten Morgen verkleidungslos den Kindergarten. Schweren Herzens kritzele ich meinen Namen in die Buffet-Liste. Idealismus und Boycott hin oder her - ein einsames, trauriges Kind gilt es unter allen Umständen zu vermeiden. Und außerdem bin ich ja tolerant. Stur lächeln und winken.

- verkleidete Schokomuffins und Foccacia-Knochen dienten der Anpassung. Legitimation: Subtile Veganisierung. Na, immerhin.


Achja: Gegen 20 Uhr trage ich ein weinendes Kind zurück nach Hause. Ich muss mich zu ihm ins Bett legen, flüsternd gesteht er: "Mama? Ich geh nicht mehr in den Kindergarten, wenn da immer so gruselige Hexen da sind!"
Merke also: Halloween ist kacke. Vor allem im Kindergarten. Genau darum.

Samstag, 29. Oktober 2016

Kochen mit dem Saisonkalender, achtzehn - Kürbispüree mit Knuspertopping und gegrillten Pilzköpfen.


Dieses Gericht versammelt all das, was ich mit dem Herbst kulinarisch verbinde: Kürbis. Kartoffeln. Pilze. Birne. Das fast letzte Garten-Zeug (Sellerie und Petersilie) und irgendwas vollwertiges mit Biss. Buchweizen. Oder Nüsse.
Mal abgesehen vom Ofenkürbis ist Kürbispüree das gängigste und simpelste schlechthin. Ohne kreativen Input wäre es wahrscheinlich auch die langweiligste, stark an Baby-Brei erinnernde Beilage des Oktobers. Aber mit Pilzen und so ein bisschen Trallala für's Auge? Ein Familiengericht. Von Baby bis Opa. Und für letzteren wennsdennseinmuss zur Rettung des Haussegens sogar mit totem Tier erweiterbar...


You will need:

1 kleiner Hokkaido-Kürbis
ca. 8 mittelgroße Kartoffeln
warme Pflanzenmilch
1 Schluck Soja-Cuisine
Salz, Pfeffer, Muskat

10-20 Pilzköpfe mit Stängel (Champignons sind da natürlich am besten)
etwas Margarine, Salz, Pfeffer, Kräuter

2 Birnen
Pilzstängel
2 Stangen Sellerie
1 Zwiebel
4-5 EL Buchweizen

Petersilie


Schritt 1 - Pilze
Waschen und Putzen. Vorsichtig die Stängel herauslösen - die werden für das Topping gebraucht! Alle Pilzköpfe in ein tiefes Blech oder in eine Auflaufform setzen. In jeden Kopf ein kleines Stück Margarine setzen und mit Salz, Pfeffer und Kräutern ordentlich bestreuen. Dann ab in den Ofen - Grillfunktion, wenn möglich mit Umluft anschalten.

Schritt 2 - Püree
Kartoffeln schälen und in Salzwasser weichkochen. Das Fruchtfleisch aus dem Kürbis lösen. Wenn die Kartoffeln schon fast weich sind, das Kürbisfleisch kurz mitkochen, danach Wasser abgießen. Mit warmer Pflanzenmilch zu einem Püree pürieren, dass nicht wie dicke Kürbissuppe vom Teller fließt. Wie auf den Fotos. Ähem.
Für den Creme-Faktor einen Schuss Cuisine zugeben, mit den Gewürzen abschmecken.

Schritt 3 - Topping
Die Zwiebel schälen, würfeln und anbraten. Gleiches Verfahren mit den Pilzstängeln von vorhin. Und mit der Birne. Auch der Sellerie wird klein geschnitten und untergehoben. Alles anbraten lassen, zum Schluss den Buchweizen untermischen und noch einmal kurz knusprig braten.

Schritt 4 - Deko
....mit gehackter Petersilie und so.




Mittwoch, 26. Oktober 2016

Konsequenzen und Vorsätze - Was ich aus Halle mitgebracht habe (Hallo Halle! - die Letzte.)


Zur Konferenz an sich und konkret habe ich noch gar nichts geschrieben. Weil... ich auch gern etwas über Konsequenzen schreiben wollte. So etwas wie: Hey, das war großartig, das machen wir jetzt öfter. Und hey, nur vegane Allerweltsrezepte und ein bisschen Alltagsgelaber befriedigen auf Dauer nicht und bieten keinen Mehrwert. Warum nicht parallel mit mehr Inhalt bloggen? Warum nicht politisch? Warum mein Onlinehobby nicht mit Aktivismus verknüpfen?
Oder aber: hey, das war scheiße. Das war inhaltsleer, am Thema vorbei, Kaugummi-Plenum, ohne Konsens, im Kreis drehende immergleiche Gedanken ohne Fortschritt. Ohne Lösungen. Worthülsen mit Knatschkind.
Oder: Ähm. Ich war da, aber mental bei "Lotta von der Krachmacherstraße". Kann nicht reden, ich esse.

- Aber: keines davon trifft zu. Vielleicht von jedem ein bisschen, aber auch wieder nicht. Selbst über eine Woche danach bin ich mir über die Konsequenzen unklar. Bin motiviert und mutlos zu gleich. Chronologisch:

Der Samstag-Vormittag startet ausgeschlafen (das Kind), ausgeruht (ich) und übernächtig (die Gäng). Wir kommen Kinderbeine-bedingt zu spät zu den ersten Hauptvorträgen. Im ersten soll es um Ursachen des Erfolgs der AfD gehen. Wie tritt sie in der Öffentlichkeit auf? Wie ist die Situation konkret in Sachsen-Anhalt? - ich kriege nichts davon mit. Ziehe dem Kind die Jacke aus, suche einen Platz, packe Spielzeug auf den Fußboden und wir beginnen ein Janosch-Puzzle.
Im zweiten Teil stehen die außerparlamentarischen Aktivitäten der Partei im Vordergrund. Vertreter der teilnehmenden Organisationen und den unterschiedlichen Städten und Regionen kommen zu Wort. Wie tritt die dort AfD in Erscheinung? In welche Veranstaltungen ist sie unter Umständen verstrickt? Wie kann wirkungsvoller Gegenprotest aussehen? Welche Strategien können erfolgreich sein?

Lösungen gibt es keine. Zumindest keine Zauberformeln und auch keine Rezept-gleiche, absolut erfolgreiche Strategie. Wer hätte auch etwas anderes erwartet? Viel mehr geht es um Austausch, um Vernetzung. Mit halbem Ohr lausche ich, während ich Tiger und Bär zusammensetze. Was mir besonders (und nach einer Woche auch als einziges) im Gedächtnis bleibt, ist eine Protestaktion in einer öffentlichen AfD-Konferenz. Die Plätze sind begrenzt, der frühe Vogel entscheidet. Die ersten sind "politische Gegner". Linke. Aktivisten. Als der Saal voll ist, besteht das Publikum nur zu verschwindend geringem Teil aus tatsächlichen AfD-Mitgliedern und Sympathisanten. Die Veranstaltung wurde schließlich abgebrochen.

Ich klatsche, dann gibt es Mittagessen. Vegane Gemüsesuppe. Das Kind ist not amused, glücklicherweise gibts auch Fruchtquark. Die Stimmung kippt etwas, ich merke wie er beim Vorlesen immer abwesender wird. Ein Mittagsschlaf wäre toll. Aber in der Workshop-Phase?



Schon im Vorfeld habe ich mich für Workshop 3 eingetragen: Öffentlichkeitsarbeit; Medien, Material und Meinung. Es soll um mediale Formen gehen, die wir nutzen können und sollten, um die Inhalte der AfD zu entlarven. Wie kann man eine medial und öffentlichkeitswirksame Kampagne starten und eigene Inhalte populär werden lassen? Dabei auch zentral im Mittelpunkt: Wie mobilisiere ich mehr Menschen dazu, gegen den Rechtsruck und gegen die Angstschürerei der "Alternative" aktiv zu werden?

Wir versammeln uns nach der Mittagspause, es gibt Lebkuchen, Kekse und Flipchart-Papier. Am Anfang malt das Kind noch Autostraßen auf ein gespendetes Riesenpapier, dann will es kuscheln und "Regenbogenfisch" hören. Ich stecke ihm die Kopfhörer des iPods in die Ohren und wiege ihn sanft auf meinem Schoß, während ich mich schon am Gespräch beteilige. Die Vorstellungsrunde ist gerade zu Ende, als sein Kopf zur Seite sinkt und die Ohrstöpsel auf den Boden hängen. Mittagsschlaf. Das ist ja unglaublich. Plötzlich bin ich hellwach und motiviert.

Wir reden - über Reichweite und Zielgruppen und Differenzierungen. Alles ist sehr theoretisch, aber nicht uninteressant. In der zweiten Hälfte gelingt es, exemplarische Beispielkampagnen durchzuspielen. Welche Menschen möchte ich erreichen? Welche Gruppen machen am meisten Sinn? Sind das die U18-jährigen aus sozialen Brennpunkten? Die ich aufklären muss, AfD-kritisch sensibilisieren? Wie? Mit einem gut gemachten youtube-Video? Wie erreiche ich die besorgten Rentner, wo hole ich den Ü30/U50-Mittelstand ab?
Fragen. Insgesamt mehr Fragen als Antworten, aber ein angeregter Austausch. Kontroversen, kaum Konsens. Ressourcen und Kapazitäten werden problematisiert, fast wird ein bisschen gestritten. Das Kind schläft. Die Lebkuchen gehen zur Neige. Ich denke, wir lernen alle. Nehmen Kenntnisse und Anregungen mit, über Planungen einer zielorientierten Kampagne zum Beispiel. Konkrete Lösungen und Kampagnenansätze gibt es nicht, warum auch? Unsere Ziele sind zu unterschiedlich. Ein Theologe sitzt im Stuhlkreis, eine Gewerkschaftlerin, Linksjugend, ich. Als ich das Kind wecken muss, damit wir unsere S-Bahn zurück nach Hause nicht verpassen, ist mein Kopf voller Ideen. Mich einbringen? In "Aufstehen gegen Rassismus"? Oder... politisch bloggen? Gänzlich neu oder vermehrt subtil? Ach.


Nun also ein Fazit: Mein kurzer Motivationsschub, einen neuen (politischen) Mobilisierungs-Info-Blog zu starten, löste sich einige Tage später im schmutzigen Abwaschwasser. Was ich aber mitgebracht habe, sind einige neue Erkenntnisse zur Planung, zu Zielgruppen und generell ein wenig mehr Knowledge zum AfD-Problem. Ich bin sensibilisierter im Umgang mit der Thematik geworden. Bestimmte Problemstellungen erscheinen mir klarer und... ja, auch noch problematischer als vorher. Ich bin erst recht überzeugt, meinen Beitrag zu einer Aufklärung leisten zu müssen. Ich möchte Menschen bewegen, sich eindeutig gegen rechts und rechte Tendenzen zu positionieren. Möchte Menschen mobilisieren, möchte zu einer kritischen Öffentlichkeit ermutigen. Zu Courage.
Oder - zumindest dazu beitragen. Wenn auch nur zu einem kleinen Teil.
Das ist mein Vorsatz.

Dafür brauche ich keinen neuen Blog. Dafür muss ich auch nicht auf unprofessionelle Foodfotos verzichten. Ich kann weiter belanglose Sachen aus meinem Leben in hübsche Wörter kleiden. Aber ich kann mich offener positionieren. Ich kann vielleicht was öfter erzählen, was hier im Osten, in Sachsen, im "Schandfleck Dresden" eigentlich los ist. Schließlich steht da im Header was von "Weltsicht". Und die ist ganz sicher eins: Bunt, nicht braun.

Montag, 24. Oktober 2016

Selbstversorgung in Progress - Kinderketchup aus dem Glas.


Die Idee hatte ich im Bioladen. Ich kniete vor dem Ketchup-Regal, auf der Suche nach dem kleinsten Übel. Das Kind ist ketchupsüchtig, wir essen alles damit. Brot und Brötchen, Gemüse, Cracker, die Nudeln sowieso. Aus Zucker-vermeidenden Maßnahmen kaufte ich Tomatenmark, bio, regionale Marke, in Metall-Tuben zum quetschen. Und war damit auch nicht zufrieden. So Ressourcen-technisch. Und wegen der Müllvermeidung.

Knie also vor diesem Regal und sehe da dieses Tomatenmark im Glas. Habe es schon in der Hand, es schmerzt mich preislich. Vor der Kasse fällt mir auf: Was tun mit dem leeren Glas? So viel Marmelade, wie Gläser in einem Beutel in der Abstellkammer hängen, können wir gar nicht essen. Erst gar nicht kochen. Und es gibt auch durchaus gesünderes Frühstück als Marmeladenbrötchen. Mhpf. Und da, die Idee: Selberkochen. Leere Aufstrich-Gläser en masse vorhanden. Zumindest das.

Dann ist gerade Oktober. Alle Welt erntet, die Oma und die Uroma insbesondere Tomaten. Viele. Liebe Freunde fahren in den Urlaub und verabschieden sich telefonisch: "Es soll ja bald Frost geben. Also geh einfach mal und nimm die letzten Tomaten noch ab..." Oh ja. Gern.


Für 4-5 kleine Gläser Tomatenmark (reichen max. 3 Wochen in unserem Haushalt, Papa-Tage und Auswärts-Wochenende in der Rechnung ausgelassen) braucht ihr:
  • 3 kg (möglichst reife bis sehr reife) Tomaten. Ja. Soviel.
  • Wasser zum Kochen
  • damit auch einen Topf (und eine Herdplatte und Energie und...), einen zweiten Topf, auf den idealerweise das Sieb passt uuuund einen Blender/einen Pürierstab


Es ist einfach, wirklich einfach. Im Grunde ähnlich wie Löwenzahnhonig: warten und rühren.

Zunächst aber erstmal die Tomaten vierteln oder achteln und mit Wasser in einen großen Topf werfen; kochen. Bis alles ganz weich ist. Und bis möglichst viel Wasser verdunstet ist. Dauert... Nun, ungefähr eine halbe Stunde.

Dann kommen Sieb und zweiter Topf zum Einsatz: Wie bei Apfelmus die gekochten Tomaten durch das Sieb in den zweiten Topf streichen. Irreführender Ausdruck: quetschpressrühren. Unter Kraftaufbietung und mit Aggressionsabbau.
Den übrigbleibenden Schalenkernmatsch kann man wegwerfen. Muss man aber nicht, wäre nämlich ganz schöne Verschwendung. Also im Blender/mit dem Pürierstab kleinmahlen. Und zum eigentlichen Tomatenmark zugeben. Ja, dadurch ist es vielleicht ein wenig kernig, aber nicht unattraktiv.
Das Ganze erinnert leider noch ganz schön an Tomatensuppe und muss nun so lange weiterkochen, bis es zu vollwertigem, streichfähigen Mark eingekocht ist. Einzweieinhalb Stunden. Oder so.

Noch heiß in die (vorher günstigerweise mit heißem Wasser nochmal ausgespühlten) Gläser füllen und fest verschließen. Zum Abkühlen auf den Deckel stellen. Später noch hübsch oder funktional (oder beides) etikettieren.

Samstag, 22. Oktober 2016

Kindermate. (Hallo Halle! - die vorläufig vorletzte)

(Teil 1 und Teil 2  sind hier nachzulesen.)

Vom Hausprojekt zur Straßenbahn. Ersatzverkehr. Eh Halle, jetzt tu nicht so Berlin. Passend dazu: Asphaltlahmes Kind mit ÖPNV-Aversion. Und keine Fahrkarte. Alles ein bisschen wolkig, mit Aussicht auf Pommes.
Wir fahren in Richtung innere Stadt und ich muss meinen Ersteindruck korrigieren. "Hach", schwärmt der momentan sowas wie beste Freund männlichen Geschlechts an der Haltestange, "ich finde Halle ja so schön!" Tatsache. Altbau. Dresden-Neustadt-Flair, süßer Einzelhandel, Studenten im Stadtbild, schmale Gassen, "Veggie-Döner" und Antifa-Sticker am Laternenmast. Und das Vegs, ein vollveganes Bistro. Kann Halle also auch. Ich bin entzückt, lasse mir aber noch nicht allzu viel anmerken.

Im Bistro gibt es Berlin-Style Fastfood. Pommes. Club Mate. Und Kindersaft-Fake-Mate für den jüngsten Herrn. Es ist fast ein bisschen zu sehr hip für diesen 90er-Flashback von vorhin. Ich betrachte dieses vollkommen glückselige Kind mit salzigen Fingern und Ketchupgesicht. Wie es da sitzt. Auf seinem Barhocker. Lässig Kindersaft aus der Flasche trinkt. Wie es sein Erzeuger-Grinsen grinst, mit schmalen Augen, die Haare reichen schon fast bis auf die Schultern. Kann ihn förmlich vor mir sehen, in 20 Jahren. Auf einem Barhocker im Vegan-Bistro, Limo-Flasche, blonde Locken und dieses Grinsen. Vielleicht wird das so. Vielleicht auch gerade nicht. Vielleicht macht diese Hallenser Freiheitmitkind-Stimmung mich sonderbar sentimental. Vielleicht will ich, dass genau jetzt die erwachsene Kopie meines Kindes dieses Bistro betritt. Vielleicht will ich, dass die Ähnlichkeit keine verwandtschaftlichen Hintergründe hat. Vielleicht will ich mir nur die Mate teilen. Vielleicht will ich auch einfach nur nicht aufessen.


Die Podiumsdiskussion ist in vollem Gang als wir uns Seitan-Wrap-geschwängert in den Saal schleichen. Mein Kind ist müde, ich ahne schreckliches, man dreht sich schon nach uns um. Irritierte Gesichter, immerhin ist es nach 19 Uhr. Ich lächle in die Runde. Vielleicht ist das nur eine Einstellungssache, vielleicht muss ich alles was passiert positiv betrachten. Ruhiges Kind: spannende Statements. Quengelkind: die Möglichkeit, der ermüdenden Frage-Antwort-Show zu entkommen. Ha! Always look on the bright side of life.
Und ich muss staunen: IKEA-Memory-Spiel auf dem Boden hinter den Stuhlreihen. Hinhören mit einem halben Ohr. Enthusiastisch spielendes Kind als Stummfilm, nur gelegentlich von siegestrunkenem Jubel ("Und da ist die AfD im Landtag..." - "Mama, ICH HAB WIEDER GEWONNEN!") unterbrochen. Ich kratze abwesend Dreck von den Fliesen und feiere das Leben still in mich hinein.
Tag Eins endet um 22 Uhr, Seite an Seite mit dem schönsten Klotz am Bein im unteren Doppelstockbett. Die Bettwäsche ist komisch modrig. Die Gäng verabschiedet sich zur Aftershowparty. Über uns HipHop, gedämpft. Stimmen, Bierflaschenmusik. Ich schlafe ohne das Gefühl ein, etwas verpassen zu müssen. Verwirrend neues Gefühl.


Tag 2 beginnt um 5:50. Fünfuhrfünfzig. Die Gäng schläft, es ist dieser Alkohol-Schlaf, ich erkenne ihn an den Atemzügen. Gruppenzimmerromantik mit Kind. Es darf umgotteswillen nicht aufstehen. Nicht fünfuhrfünfzig. Pettersson-Folgen auf dem iPod bis 7:30 Uhr, von gelegentlichen Schlafphasen unterbrochen. Meinerseits. Ist das noch Rücksichtnahme oder schon versagende Abstell-Erziehung?
Viertel vor acht sind wir angezogen. Unverständnis bei Marek. Warum denn alle hier immernoch...? Sssssch mache ich, der Mensch im Bett hinter uns zieht im Halbschlaf Kopfhörer auf die Ohren. "Mamaha!", empört sich das Kind lautstark, "Im Bett darf man nicht mit Kopfhörnern schlafen!"
Bevor der Mensch zur rechten eine Flasche nach uns werfen kann, verlassen wir den Backstagebereich.
Rewe-Bäcker.