Sonntag, 27. April 2014

Damals, gestern, heute, morgen.

"Wir können uns die Wohnung nicht leisten.Wie erwartet. Verzweifelt durchforsten der Herzensmensch und ich die Wohnungsangebote - in einer Zeitung mit altdeutscher Schrift. Da. Arbeitersiedlung in Hartau bei Chemnitz. In der Nähe der Baumwollspinnerei, aber unschlagbar günstig. Wir sagen zu, unterzeichnen den Mietvertrag, ohne die Wohnung vorher gesehen zu haben, mit Federkiel und Tintenfass.

Schließlich stehen wir vor der Haustür. Unserer Tür. Ich schiebe den Schlüssel durch das altmodische Schloss. Wir stehen in einer Werkhalle. Es stinkt nach verbranntem Gummi. In der Mitte des einzigen großen Raumes befindet sich eine Feuerstelle. Das Feuer brennt, aus dem Kessel, der darüber an einem Eisengestell schaukelt, riecht es - nach Soljanka. Vereinzelte Spinnmaschinen, an denen Frauen in langen Kleidern und Schürzen arbeiten. Ihre Gesichter sind grau und eingefallen. Die Luft ist erfüllt von lautem, regelmäßigen KlackKlack der mechanischen Webstühle. Zwischen ihnen sind Hängematten gespannt. Unsere Betten. In einer Ecke liegen Strohsäcke, aus einigen Löchern ragen sattgelbe Halme aus dem groben Leinenstoff. Auf einem der Säcke sitzt ein kleines Mädchen mit langen blonden Haaren, ein bisschen ähnelt sie meiner Schwester. Ihr Gesicht ist rußverschmiert und schmal. Als sie uns bemerkt, steht sie auf und kommt auf mich zu. Sie lächelt mich an und ich bemerke, dass ihre Zähne nur schwarze Stümpfe im Zahnfleisch sind. Angeekelt schaue ich auf den Boden. Gestampfter Lehm. Das Mädchen zupft an meiner Jacke, bis ich sie wieder ansehen muss. Ihre schmutzigen Finger nesteln an ihrer Hosentasche, fördern einen Aufnäher zu Tage und ein zusammengefaltetes Blatt, eine Seite einer Tageszeitung. Sie hält mir die Dinge hin. Ich schaue sie an, weiß nicht recht, was sie von mir will und was ich tun soll. Schließlich greife ich danach. Das Mädchen zieht ihre grau-blaue Schiebermütze, macht einen Diener und verschwindet hinter meinem Rücken. Ich drehe mich nicht nach ihr um, sondern betrachte den Aufnäher in meinen Händen. "Schwerter zu Pflugscharen". Dann die Seite der Tageszeitung. "Der Kaiser hat abgedankt!, Prinz Max von Baden tritt als Reichskanzler zurück" lautet die Schlagzeile. Der Kaiser?

Der Herzensmensch taucht auf, ich hatte gar nicht bemerkt, wie er von meiner Seite gewichen ist. Er trägt unseren Sohn auf dem Arm und zeigt auf das Schild an unserer offenen Wohnungstür. Ist das vorhin auch schon dort gewesen? "Familie R./L.- Industrieproletariat" ist darauf zu lesen. Wie bitte?

Ich finde mich plötzlich in einem Büro wieder. Es muss in einem Hochhaus gelegen sein, denn durch die verglaste Wand des Raumes kann ich hinunter auf das Brandenburger Tor und das Bundestagsgebäude blicken. Ein Stück weiter schneidet eine massive, mit Stacheldraht gesicherte Mauer die Stadt in zwei Hälften. Hinter einem altmodischen Sekretär aus dem 18. Jahrhundert blickt mir ein kräftiger, vollbärtiger Mann entgegen. Seine Augen leuchten vor Enthusiasmus, als er mir auseinandersetzt, wie privilegiert das Proletariat doch schon bald sein wird. "Aber mein Mann ist Koch, wir gehören nicht zum Industrieproletariat", protestiere ich schwach, werde aber schon unterbrochen und höre wie durch Watte Phrasen wie "Kommunistische Weltrevolution", "Diktatur des Proletariats" und "Klassenkampf". Jetzt fällt mir auf, an wen mich dieser Mensch erinnert. Ist das Karl Marx?

"Herr Marx?", frage ich noch, als plötzlich mit einem lauten Knall die Zimmertür aus ihren Angeln gerissen wird. Erschrocken springe ich von meinem Stuhl auf und drehe mich um. Im Türrahmen stehen bewaffnete Männer in Uniform, das Totenkopfemblem am Revers. Ein Mann im grünen Anzug, eine rot-weiße Binde am Oberarm, mit strengem Seitenscheitel und Oberlippenbart streckt den rechten Arm in die Höhe und brüllt mir ins Gesicht: "Das ist der totale Krieg!" "


Schweißgebadet wache ich auf. Um mich herum ist es dunkel. Mein Herz sprintet im Dauerlauf. Eine Weile liege ich da und lausche auf die regelmäßigen Atemzüge des Kindes. Der Herzensmensch schnarcht leise vor sich hin.
Mein Gott, denke ich, es ist nur eine 300 minütige schriftliche Abitur-Prüfung in Geschichte!

Samstag, 5. April 2014

Ohne Worte.


Steine.

Wohnungsbesichtigung.
Ein bisschen hatte ich gehofft, dass ich diese 64 m² sofort in mein Herz schließen, oder aber, dass ich sie schrecklich finden würde und mir nie im Leben vorstellen könnte, dort zu wohnen.
Nichts davon ist eingetreten.
Und das macht es nicht eben leichter.

Immer, wenn ich nicht weiter weiß, mache ich eine Liste.
Also machen wir eine Liste. Sammeln: Was spricht dafür, was dagegen?
Pro. Contra.
Und am Ende stehen auf beiden Seiten gleich viele Punkte.

Wir drehen uns im Kreis um unsere eigene Achse, endlos kreisen unsere Gedanken.

Auf meinen Schultern lastet die Verantwortung wie ein großer Mühlstein aus alten Zeiten, sodass es mich wundert, dass meine Füße beim Gehen nicht zentimetertiefe Löcher im Boden hinterlassen.

Sie erdrückt mich.
Ich kann sie nicht tragen.
Ich bin eingeklemmt wie ein kleiner Käfer unter dem Mühlstein. Verzweifelt versuche ich mich zu befreien, doch wie sehr ich mich auch mühe: im Fortstreben reißen nur Gliedmaßen und Flügel schmerzhaft aus meinem Körper.

Mittwoch, 2. April 2014

Krabbeltierchen.

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich in meinem ganzen langen Leben noch nie eine Laus gesehen habe. Bis gestern.
Meine Schwester wedelt mir mit ihrem Hausaufgabenheft unter der Nase herum. Ich überfliege die kurze Notiz. Aha, Läuse in der Schule. Die Nachbarskinder hätten sie auch schon. Na dann zeig mal her deinen Kopf. Ich kämme mit dem Läusekamm ein bisschen in den blonden Locken herum.
Da. Da flitzt was!
Mit der Lupe betrachten wir das winzige Wesen auf meiner Fingerkuppe. Ist das eine Laus? Irgendwie habe ich mir die immer anders vorgestellt. Größer. Dicker. Wie kleine Käfer, eher wie Zecken, nicht wie Obstfliegen.

Es nützt nichts. Wir müssen alle durch. Wie die Affen nesteln wir uns gegenseitig auf den Köpfen herum. Finden nichts, natürlich. Aber auf einmal juckt es. Überall. Nicht nur auf dem Kopf. Wir kratzen uns alle. Und beschließen, viel Geld in Läuse-Shampoo zu investieren. Und in Haarfarbe.

Eigentlich mag ich Tiere. Jeder Art. Und der Gedanke, die armen kleinen Tiere mit Wasserstoffperoxid-Blond und orange-roter Chemie zu vergiften behagt mir nicht. Andererseits ist die Vorstellung, eine Krabbeltierchen-Kolonie auf meinem Kopf zu beherbergen, die mir so langsam das Blut aus der Kopfhaut saugt auch nicht wirklich angenehm. Und so behandele ich meine Haare mit der am meisten nicht-bio, nicht-tierversuchsfreier, schadstoffhaltigen Coloration, die der Drogeriemarkt vorrätig hat. Gelobt sei, was hart macht.

Nachdem wir nun auch sämtliche Betten neu bezogen, Kuscheltiere, Mützen und Jacken gewaschen und alles mit Desinfektionsspray behandeln haben können wir davon ausgehen, dass sich so schnell kein Krabbeltierchen mehr zu uns verirrt.
Heute morgen habe ich einen toten Marienkäfer auf dem Badezimmer-Fensterbrett gefunden.