Freitag, 27. Februar 2015

Willkommen an der Oberschule.

Freitagmorgen in einer neunten Klasse.
Es geht um gutes Präsentieren - "Wie halte ich einen guten Vortrag?". Heute mit dem Schwerpunkt Adressatenbezug, Orientierung am Zuhörer.

Der Lehrer ist um anschauliche Beispiele bemüht: "...Stellt euch zum Beispiel vor, ihr müsst einen Vortrag über Kängurus halten. Da stellt ihr euch zunächst erstmal die Frage, was eure Zuhörer, also eure Klasse, schon alles an Vorwissen mitbringt. Also", er zeigt auf einen Schüler in der hinteren Reihe, "was weißt du so über Kängurus?" Die Anderen lachen. Der Angesprochene grinst auch und antwortet: "Also die hüpfen rum. Und die haben so einen Sack am Bauch. Da kommen die Jungen rein."
Das Mädchen vor ihm dreht sich um und schaut ihn erstaunt an: "Ernsthaft, nur die Jungen?"
Die Hälfte der Klasse lacht, die andere hat es wohl nicht verstanden. Beleidigt und peinlich berührt dreht das Mädchen sich zurück und schmollt zu ihrem Banknachbar: "Hab ja nur mal gefragt..."

Der Lehrer kann ich das Grinsen kaum verkneifen. Aber er bleibt dran. "Und, wo leben Kängurus so?", fragt er einen anderen Jungen. Überrascht sieht der auf. "In Afrika?!".

Lied des Tages.



Literweise Kaffee,
"da bist du froh, wenn du heil aus der Klasse raus kommst",
Schulmief und Kreidefinger,
harter Hospitanten-Stuhl.

Dienstag, 24. Februar 2015

(M)ein Herz für Sukkulenten.




Tutorial: Wimpelkette, as simple as possible.

Eine Wimpelkette wird in allen Einsteiger-Büchern beschrieben. Und endlich habe ich auch mal eine genäht. Es ist fantastisch einfach, man sollte nur, wie gesagt, gerade nähen können (ich übe noch) und eine Nähmaschine besitzen.
Achja, Schrägband kann man übrigens auch hier bestellen.
Alles weitere erklärt sich dann aber von selbst.



Platzsparend aufzeichnen, vorausgesetzt, das Muster lässt es zu.

Soll zeigen: Stoff doppelt nehmen, rechts auf rechts. Also schöne Seite auf schöne Seite.

Jaja, reden wir nicht drüber....





Wimpel wenden und mit der offenen Seite auf eine Hälfte des Schrägbands legen, umschlagen, pinnen, nähen.



Montag, 23. Februar 2015

On the highway to holiday.

Schon am Ortsausgangsschild quengelt das Kind. "Mamaaaaaa?"
Ich verrenke mir den Hals vom Beifahrersitz um die Lage zu checken. Kind grinst. "Mamam?" - "Du hast doch vorhin erst gefrühstückt!"
"Mamammamamamamamamamamam!", die zappelnden Schuhe schmieren munter den Matsch an den Vordersitz. Ich krame im Handschuhfach, finde die wohlversteckte Packung (XXXXL-Family Edition!) Kekse und reiche dem Herrn einen nach hinten.
Für die nächsten 5 Minuten herrscht Ruhe auf der Rückbank. Dann schaut das Tantchen (9 Jahre) von ihrem Buch hoch. "Ich will auch einen Keks!" "Mamam?", fragt ihr Neffe mit Schokoladen-verschmiertem Mund (Wer zur Hölle hat denn auch Doppelkekse gekauft?) aus dem Kindersitz. "Mama? Mamamam!"

Die Kekspackung wandert nach hinten.
Metarmorphose. Doppelkeks goes Bröselhaufen in und um die Kindersitze. Bei Tantchen weniger als bei meinem Kind. Dem bereitet es sichtliches Vergnügen, die Kekse in Einzelteilen auf der Rückbank zu verstreuen. Essen? Hab doch eben erst gefrühstückt, Mama.
Meine Rückforderung der Packung erntet lauten Protest beider Bröselianer. Na, immerhin sind sie beschäftigt, da hinten.

Wir sind gerade auf die Autobahn aufgefahren, als das (kleine) Kind aus einem Krümelberg heraus wütend nach vorne kräht. "Hast du Durst, mein Schatz?" Wütendes Kopfgeschüttel. Dann kommt ein "A-a!". Ich stöhne, innerlich. "Musst du mal kackern?", hake ich nach. Mein Kind nickt und nestelt an seinem Po herum. "A-a!", brüllt es. Kein Rastplatz für die nächsten 15 Minuten. "Mäuschen....", versuche ich seine Wut zu übertönen, "Mäuschen, wir können jetzt nicht anhalten! Da musst du eben mal in die Windel kackern."
"Äh..", meldet sich das Tantchen zu Wort und rutscht etwas auf ihrer Sitzschale hin und her, "Ich müsste aber auch mal pullern."
Nee.

Der Rasthof ist überfüllt, es gibt diese wunderbaren 50 Cent-Gutscheinschnipsel zum sammeln und Mittagessen. Angesichts der langen Schlangen vor den Toiletten beschließt das Tantchen wohl, sich auf dem Rasenstreifen zwischen den Autos zu erleichtern. "Also hören Sie mal!", beschwert sich ein älterer Mann, "Haben sie dem Kind denn keine Manieren beigebracht?" Jetzt drehen sich auch andere Leute nach uns um. Na schön.

Nach dem Mittagessen macht mein Kind sonst immer brav seinen Mittagsschlaf. Ich setze ihn zurück in seinen Autositz, streichle das Köpfchen und singe ein Schlaflied. Bis wir den Rastplatz verlassen haben, höre ich auch tatsächlich nichts von hinten. Das Tantchen schmökert, ich stelle mich schlafend. "Mamamaaa?"
Ich stelle mich schlafend.
"Mama?"
Ich schlafe....
"Mamaaaa?"
Ich schlafe, mache leise Schnarchgeräusche.
"Rch schhh", imitiert das Kind und lacht. "Brrmbrrm!", verkündet es und zeigt wohl aus dem Fenster. Dann fängt es an zu weinen.
Ich stelle mich weiter schlafend.
"Marek, du nervst!", schimpft das Tantchen. "Schh!", mache ich. "Mama?", fragt mein Kind weinend.

Ich singe ein Schlaflied nach dem anderen. Sobald ich aufhöre, fängt das Kind an zu weinen. Als mir kein Schlaflied mehr einfallen will, singe ich Kinderlieder. Dann deutsches Volksliedgut. "Hoch auf dem gelben Wahaagen...". Eine Stunde vergeht, ich habe einen trockenen Hals und das wache Kleinkind auf der Rückbank schlechte Laune. Und natürlich kommt auch wieder das Lieblingswort zum Einsatz: "Mamam?". Habe doch nur darauf gewartet.
Ich lasse meinen Blick durch das Auto schweifen. Wo ist denn die Packung mit den Keksen?
"Hab ich vorhin aufgegessen", murmelt das Tantchen und will nicht weiter beim lesen gestört werden. Ah, klasse.
Ich reiche ein Apfelstückchen nach hinten und mime die Begeisterte. "Mmmmh, schau mal was ich leckeres..." Platsch. Wütend wird es in den Fußraum geschleudert. Möhre? Platsch. Gurke? Platsch.
Nicht mit mir! Ich bleibe hart.
Bis der O-Papa, der Fahrer der lustigen Reisegesellschaft, aus lauter Verzweiflung ob des Gebrülls auf der Rückbank ("Mamam! MAMAM!" - "Kann dem mal einer sagen, dass er nervt?" (Tantchen) - "MAMAMAMAM!" - "DU NERVST!" - "AAAAH. MAMAM! MAMA!" - "HALT DOCH MAL DEN MUND!") den nächsten Rastplatz stürmt. Kekse kaufen, Toilette. 50 Cent-Gutscheinschnipsel.

Dann ist Ruhe im Karton. Das Kind hat sich so müde gebrüllt, dass ihm nach einem Bissen die Augen zu und der Keks aus der Hand zum Gemüse fällt. Alle genießen das.
Nach einer Stunde tippt mir meine Schwester, das Tantchen, auf die Schulter. "Ich müsste mal...", flüstert sie. Schon wieder. Wir halten, wieder ein Rastplatz. Noch ein 50 Cent-Gutscheinschnipsel.
Nach noch einer Stunde muss die O-Mama mal. 50 Cent-Gutscheinschnipsel.
Just als wir diesen Rastplatz verlassen haben, erwacht mein Kind. Sieht sich um. Hat gute Laune. Strahlt, zappelt, nestelt am Po und fragt: "A-a?".

Wir halten nicht. Ich reiche Bilderbücher nach hinten, diskutiere mit dem Tantchen ("Der Marek stinkt!" - "Lass ihn doch stinken!" - "Das ist sooo ekelig!"), singe Kinderlieder, rationiere Kekse, reime Fingerverse, preise Obst und Gemüse, singe, begeistere mich für sämtliche Laster, die wir überholen ("Oooooh, schauuu mal!"), lese Kinderbücher vor.
Kurz vor Verlassen der Autobahn darf ich zur Belohnung alle Gutscheinschnipsel einlösen. Jede Stunde eine Pullerpause macht einen überteuerten Raststättenkaffee. Muss noch 50 Cent draufzahlen, 3 € für nachtschwarz ohne alles, nichtbio, unfairtrade.
Aber das ist mir dann auch egal.

Dienstag, 17. Februar 2015

Lied des Tages.


Mit den Worten ist es so eine Sache.
Wenn man sie nicht haben will, sprudeln sie aus den Ohren
auf den Fußboden und kullern unter das Sofa.
Und wenn man sie dann braucht
um das sagenhafte Loch zu füllen
ist gerade kein Besen zur Hand
um die Worte wieder hervor zu kehren.


(Mein Kind lernt Saxophon, dafür sorge ich!)

Montag, 16. Februar 2015

Tutorial: Kameraband benähen.

Eigentlich wollte ich in meiner Elternzeit viel lesen. Sachbücher, keine Belletristik. Ich wollte mich weiterbilden. Und ich wollte schreiben. Viel schreiben. (im übrigen gibt es Hoffnung auf Weiter-In-Verlag-Nahme nach der Insolvenz meines letzten Verlags. Mir fehlt nur momentan leider das Geld dafür, Spenden sind sehr erwünscht)
Jetzt nähe ich. Mit Kissenbezügen hat es angefangen. Dann Kinderpullis und Schlupftücher. Und nun verbindet mich und meine alte Veritas-Maschine weit mehr als nur ein Hosensaum im Jahr.

Pimp your Kameraband!

You will need:

  • Ein Kameraband ohne Kunstledereinsatz (das packt keine normale Haushaltsnähmaschine), zum Beispiel dieses hier.
  • bedrucktes Webband, Breite mindestens 18 mm, bei der Länge reicht ein halber Meter. Gibt es im Bastelladen oder auch hier.
  • Schere
  • Stecknadeln
  • farblich passendes Garn
  • Nähmaschine
Bei empfohlenen Kameragurt ist es notwendig, zunächst die tolle Deko darauf zu entfernen. Wollen wir ja gar nicht haben. Das entstehende kleine Löchlein wird später mit Band benäht und ist nicht mehr zu sehen.




Dann wird das Band aufgelegt...


...und festgesteckt. Um ein schönes Ende zu haben, ist es wichtig, den Rand des Bandes ein Stück umzuschlagen.



Jetzt wird genäht.
Gleich.
Wichtig ist, vorher die passende Nadel in die Maschine zu puzzeln. Normalerweise benutzt man ja meistens die 70er Nadeln. Da der Stoff des Gurtes aber ziemlich dick ist, sind Jeansnadeln, sofern man sie nicht so oder so besitzt, eine lohnenswerte Anschaffung. Bei dem Kameragurt hat sich eine 80 bewährt.



Das Band wird dann knappkantig aufgesteppt. Heist: möglichst nah an den Kanten annähen. Super Übung für Leute, die nicht gerade nähen können. Wie ich.


Et voilá.
Ja, das gerade nähen ist keins meiner Stärken, aber da sieht wenigstens jeder gleich, wie DIY das ist. Wer talentierter ist: Ist ein super Geschenk!

Montag, 9. Februar 2015

Töpfchen.

"Ist er denn schon sauber?", fragt die Kindergärtnerin bei unserem ersten Schnuppertag. Als wäre das Kind ein Welpe. "Najaaaaa", weiche ich aus, "Wir gehen regelmäßig aufs Töpfchen. Er sagt auch schon ab und zu mal 'Teich'." Moment. Wir gehen...? Vor allem Mütter neigen häufig dazu, von ihrem Kind in der ersten Person Plural zu sprechen. Ich tue das ständig. Natürlich ist es Schwachsinn. "Wir gehen jetzt ins Bettchen", "Wir wollen jetzt die Mütze aufsetzen"... Na klar. Ich warte auf den Tag, an dem mich das Söhnchen groß ansieht und fragt: "Mama Heia Bettl?". Meistens fällt mir meine Wortwahl aber auch erst auf, wenn es schon zu spät ist. Ich kann es nicht abstellen. Bloß gut, dass es anderen auch so geht.

Wo war ich?
Ach, Töpfchen. Der Krippen-Gruppenzwang fordert von meinem Eineinhalbjährigen nun also regelmäßige Thronsitzungen, trockene Windel nach dem Mittagschlaf und Anmeldung des großen Geschäfts. Wir beugen uns (wir?), haben ja auch kaum eine andere Wahl.
Mit verbissener Akribie verfolge ich genau die Mimik und Gestik meines Kindes, um beim kleinsten Anzeichen sofort aufspringen und nachhaken zu können: "Marek, musst du mal aufs Töpfchen?", "Marek, musst du wirklich nicht pullern?" und wenn ich gerade mal nicht hingesehen habe: "Marek, machst du etwa gerade A-a?". Das ist anstrengend und nervt. Nicht nur mich. Marek fühlt sich von mir belästigt und bespitzelt. Versucht sich heimlich für das große Geschäft unter dem Tisch zu verstecken. "Marek, was machst du da? Kackerst du?". Ja, ich finde mich selber ätzend.

Dennoch zeigt meine penetrante Fragerei erfreulicherweise Erfolge. "Teich" heißt bei Marek so ziemlich alles, was nass ist oder in irgendeiner Weise mit Wasser zu tun hat. Die Gießkanne, das Waschbecken, der Teich im Töpfchen. Mittlerweile weiß er nun, dass ich, wenn das Wörtchen Teich fällt und Marek an seinem Po herumnestelt, panisch nach dem Töpfchen renne. Hose runter, Windel ab, los. Manchmal klappt das. Dann freut Mama sich wie ein Honigkuchenpferd und klopft sich insgeheim auf die Schulter. Unsere (unsere?) Trefferquote liegt bei ca. 66%. Das ist ja schonmal nicht schlecht.
Marek hat aber auch begriffen, dass manche Topfsitzungen länger dauern können und man(n) sich da besser mit einem Buch ablenkt. Mama sitzt auf dem Boden und liest vor. Ein Buch, zwei Bücher, "Na, hast du nun mal einen Teich gemacht?", drittes Buch, viertes Buch, "Nun wollen wir aber mal schauen, ob was drin ist, mh?", fünftes Buch, "Na los, Mama muss kochen.", Gebrüll.
So wird das Wort "Teich" für Marek zur besten Waffe, wenn ich gerade mal keine Zeit habe, um mit ihm in Ruhe ein Buch anzusehen. Und sie funktioniert immer. Immer. Ca. 50% des Tages verbringt Marek jetzt auf dem Töpfchen. Und ich davor, mit Büchern in der Hand.

Dienstag, 3. Februar 2015

Stadt, Vol. 1000

Ich besuche einen Freund, mitten in der Innenstadt.
Dass die Stadt und ich ein eher stiefmütterliches Verhältnis pflegen, ist ja nun weithin bekannt. Das war schon zu Zeiten von Entdeckungsreisen via öffentlichem Personennahverkehr und zu Fuß durch Häuserschluchten im Straßenlabyrinth so. Nun ist frau erwachsen geworden und erledigt die Dinge schnell (haha) und unkompliziert (haha) im Auto.

Ehrfurchtsvoll verneige ich mich vor den Erfindern des Navigationsgeräts. Ohne ein solches sind Erledigungen außerhalb meines 10 km-Radius ländlicher Raum, in dem ich mit 120 Sachen selbstbewusst über die Landstraße heize, eigentlich nahezu aussichtslos. Ich finde mich gerade noch an den Block, in dem die Schwiegereltern wohnen. Alles andere habe ich bisher immer dem Menschen überlassen und machte es mir auf dem Beifahrersitz bequem. Der Mensch kennt sich aus in der Stadt. Das ist "seine Hood", seine Westentasche, Bahnverbindungen und Straßennamen abfragbar wie bei Google. Auf den Unterschied, die Straßen nun durch die Frontscheibe zu betrachten, kommt es da auch nicht mehr an.

Aber heute bin ich allein unterwegs. Kein Beifahrer, den ich mal eben fragen kann: "Muss ich mich hier jetzt links einordnen?". Nur Navi, und ich.
Hab mir auch die denkbar schönst Zeit ausgesucht: 16 Uhr, Rush Hour, alle Welt fährt in den Feierabend. Die Straßen sind dicht, stop and go von der Autobahn bis in die Innenstadt. 300 m vor dem Ziel stehe ich noch eine dreiviertel Stunde im Stau. Wenigstens erspart mir das schnelle Entscheidungen. Ich habe Zeit, mir Überblick zu verschaffen, komme an, ohne jemandem die Vorfahrt geschnitten zu haben.

Das Navi verkündet: "Ihr Ziel liegt rechts", als ich an einem langen, schmutzig braunen DDR-Block vorbeifahre. Geistesgegenwärtig reiße ich das Lenkrad herum und biege ohne zu blinken in die Seitenstraße ein, die ich aus dem Augenwinkel wahrgenommen habe. Zwei Autos weiter eine freie Parklücke. Fantastisch.

Ich wollte eigentlich noch groß meine erfolglose Suche nach dem Hauseingang mit der richtigen Nummer ausführen, aber, lassen wir das, es ähnelt anderen Texten doch zu stark (warum denn nur?) und langweilt womöglich, denn, dass es mit meinem Orientierungssinn nicht weit her ist, weiß ja mittlerweile jeder. Und M. weiß sowieso, dass ich ihm bis ans Ende meines Lebens dafür danke, mich dünn bekleidet bei Minusgraden am Auto abgeholt zu haben. Danke.

Nach Einbruch der Dunkelheit mache ich mich dann schließlich auf den Heimweg. "Jetzt ist ja der Feierabendverkehr vorbei", sage ich zum Abschied, "da bin ich doch ziemlich schnell zu Hause."
Ich verlasse die Seitenstraße, das Navi leitet mich auf eine große Hauptstraße... und die Autos sind nicht weniger als am Nachmittag. Schon stehe ich, es geht nicht vorwärts, nicht rückwärts. Die Schaltzeiten der Ampelkreuzung lassen immer nur ein Auto fahren, bis wieder für fünf Minuten gähnender Stillstand herrscht.
Auto für Auto rutsche ich in der Schlange vorwärts. Aus Nebenstraßen stoßen immer wieder Fahrzeuge schräg in die Schlange, halb auf der Gegenfahrbahn stehend. Es wird gehupt. Weiter vorn gabelt sich die Spur. Ich muss links abbiegen, mich also einordnen, kann aber nicht, weil vor mir ein Geländewagen quer in die Geradeaus-Spur fahren möchte. Und auch nicht kann. Der ganze Kreuzungsschauplatz wird immer undurchsichtiger. Fußgänger und Fahrradfahrer huschen zwischen den Autos hindurch und ich schaue fünfmal in alle Spiegel, bevor ich ein kleines Stück weiterrolle.

Als ich ganz vorn an der Ampel stehe, sehe ich schon die Reflexion des Blaulichts an den Fassaden. Nee. Mich beschleicht das Gefühl, dass der Stau hier nichts mit den dämlichen Schaltzeiten der Ampel zu tun hat. Sehe auf die Uhr. Eine halbe Stunde ist vergangen, seit ich die Parklücke verlassen habe. Zurückgelegt habe ich vielleicht 250 Meter.
Grün.
Kurz entschlossen biege ich zeitiger ab. Ich bin ungeduldig und etwas in mir sagt, ich könne den Knoten auch irgendwie umfahren. Alle Wege führen nach Rom. Das Navi stellt sich sekundenschnell auf die neue Situation ein und leitet mich zuverlässig zur übernächsten Parallelstraßen-Kreuzung. Ich fahre auf die Hauptstraße.... und stehe. Auto für Auto bewege ich mich in der Schlange. Und diesmal keine Möglichkeit zum entkommen.

Schließlich erreiche ich einen Platz. Die Stelle ist auch bei fließendem Verkehr und Tageslicht unübersichtlich. Jetzt steht dort überall Polizei. Überall Autos. Die Häuserwände leuchten im Blaulicht. Massenkarambolage?
Über allem schauen und der Verwirrung fällt es mir schwer, alle Verkehrsregeln zu beachten. Da es sich hier so oder so nur schrittweise vorwärts schiebt, vergesse ich fast, an der roten Ampel tatsächlich zu halten. Ein Auto hupt. Oh weia. Erschrocken bremse ich. Hinter mir hupt es. Und tausend Fragen. Was ist hier los?
Wie lange wird das dauern? 45 Minuten für 500 Meter.

Auf einem Rasenfleck ein Manschaftsbus der Polizei. Schwarz Vermummte springen heraus. Sturmhaube. Ungewöhnlich große Pistole. Monströse Brustpanzer. Das SEK?, denke ich aufgeregt und: Was zur Hölle geht hier vor??

Ein Hupkonzert setzt an, es klingt schon fast panisch. Ein vermummter Polizist klopft am Auto vor mir, spricht mit dem Fahrer. Kurzzeitig kommt Leben in die Blechschlange, ein Stück geht es im zweiten Gang bis zur nächsten Ampel. Sie schaltet auf rot, als ich sie passieren will. Mist. Hinter mir hupt wieder jemand. Ja herrgottnochmal, es ist rot! Dafür kann ich ja nix.
Die Stimmung ist angespannt, durch den dicken Schutz der Autokarosserien höre ich das nervöse Trommeln der Finger auf den Lenkrädern.
Die Ampel wird grün, aber ich kann nicht fahren. Vor mir schieben sich zwei Autos aus einer Einfahrt mitten auf die Kreuzung. Sie kommen nicht weiter, vorn staut es wieder, nichts geht mehr vorwärts, alles steht.

Ich schalte den Motor aus und das Radio ein.
Der Verkehrsfunk meldet Behinderungen und Staus in der Innenstadt aufgrund einer Demonstration. Na schön.
Schon sehe ich sie laufen. Etwa 300 Meter vor mir zieht ein großer Pulk Menschen von links stadteinwärts. Der Strom will und will nicht abreisen. Ich höre sie nicht, dafür dämpft das Auto zu gut. Still schwingen Deutschland- und Reichsflaggen. Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes.
Ich sehe in den Himmel gereckte Fäuste. Ich spüre Hass. Fremdenfeindliche Stimmung. Latenter Rassismus. Ich sehe auf die Uhr. Über eine Stunde warte ich nun schon. Mein Kopf schmerzt. Ich habe Hunger und will nach Hause.
Und ihr Idioten stehlt mir meine Zeit!
Würde sie am liebsten über den Haufen fahren. Allesamt!

Aggressiv beteilige ich mich eine Weile am Hupkonzert. Eine Stunde! Für 500 Meter! Hätte es ja noch verstanden, wäre es ein Unfall gewesen. Vollstes Verständnis. Auch für den CSD. Aber für als patriotische Europäer verkleidete Rassisten? Also, nee.
Dann merke ich, dass das Hupkonzert vielleicht solidarisch gemeint sein könnte und stelle erschrocken meine stressabbauende Tätigkeit ein. Lehne mich zurück. Höre auf das Radio-Interview. Warte weitere zehn unendliche Minuten.
Dann startet mein Vordermann seinen Motor. Endlich.

Den restlichen Heimweg überstehe ich unter Kopfschmerzen, kann mich allerdings am Ortseingangsschild meines Heimatkaffs nicht mehr erinnern, wie ich es bis hierher geschafft habe. Immerhin.
"Und?", begrüßt mich der Mensch, "Wars so schlimm?"
Schlimmer!, denke ich.