Donnerstag, 9. April 2015

Stadt, Vol. 1001

Wir besuchen die Uroma in dem Teil der Stadt, in denen 8- bis 11-Geschosser hämisch auf ein paar Altbauten heruntergrinsen, man ewig einen Parkplatz sucht und mindestens dreißig Mal am Tag gehupt wird.
Das Kind kränkelt, unsere Nasen laufen, es schneeniselt.

Die Fahrt im Fahrstuhl gestaltet sich schwierig. Vollgepackt mit Spielzeug, Osterpräsenten, Kuchen, Wechselsachen und dergleichen ist keine Hand mehr frei um das Kind davon abzuhalten, ständig den Türöffner-Knopf zu betätigen. Bis der Fahrstuhl endlich anfährt, vergeht eine viertel Stunde guten Zuredens.
Wir landen im elften Stock. Moment, hat da wer...? Marek grinst und spielt am Türöffner.
Treppe.
Geländerstab für Geländerstab arbeiten wir uns nach unten. Zwischen neuntem und achten Stock verliere ich das Kuscheltier auf der Treppe. Ich lasse Marek kurz auf dem Absatz stehen und haste nach oben. Als ich zurückkomme, steht Marek vor einer geöffneten Wohnungstür. Die alte Dame mit Lockenwicklern verzieht säuerlich den Mund. "Haben Sie hier eben geklingelt?"
"Das Kind...", entschuldige ich mich verlegen für die Unannehmlichkeiten.
"Früher haben wir unsere Kinder nicht aus den Augen gelassen!", kritisiert sie und verschwindet wieder hinter ihrer Tür. "Oh-oh!", schimpfe ich, mehr mit mir als mit Marek.

Als wir im sechsten Stock ankommen, ist fast eine halbe Stunde vergangen, seit wir an der Tür geklingelt haben. "Frag nicht...", begrüße ich die Uroma. Meine Arme sind eingeschlafen, Marek wischt seine Nase an meinem Hosenbein.

Mittagessen.
Das Kind bleibt nicht auf seinem Stuhl. Müde wischt es in den Augen herum, krakeelt, hustet. Die Wangen sind unnatürlich gerötet. Es wird doch wohl nicht...
Das Uroma-Schlafzimmer kindgerecht Mittagsschlaf-tauglich zu machen ist kompliziert. Die schwere Decke vor den Fenstern will nicht halten. Oma und Uroma mühen sich mit dem Reisebett. Marek mag nicht seinen Schlafanzug anziehen. Schließlich sitze ich auf der Bettkante und wiege meinen Sohn in den Armen. Singe ein Schlaflied. Unten vor dem Fenster toben Kinder herum. "Tida?" (Kinder), fragt Marek. Schhsch, mache ich. "Die gehen jetzt auch heim ins Bettchen..". Tatsächlich wird es für einen kurzen Moment still. Meinem Kind fallen die Augen zu. Da fährt unten ein Moped vorbei. Erschrocken öffnet Marek wieder die Augen. "Moba?" um kurz darauf in Tränen auszubrechen und nach der Oma zu verlangen. Ich beschwichtige, wische Rotz von der Nase, wiege das 12 kg-Baby. Mein Arm wird immer schwerer. "Schön schlafen, schön schlafen, schööön schlafen...", flüstere ich hypnoseartig und hoffe auf Wirkung. Tatsächlich beginnt Marek schon bald regelmäßig durch den Mund zu atmen. Vorsichtig will ich aufstehen, um ihn in das Reisebett zu betten. Kann ihn kaum noch halten, mein Arm schmerzt.
Mein Kind zuckt zusammen, als ich ihn auf die Matraze lege. Bleibt ruhig. Traue mich kaum zu atmen, als ich ihn zudecke und rückwärts zur Tür schleiche.

Wusch, macht die Decke und rutscht von den Fenstern. Taghell im Zimmer. Marek blinzelt und beginnt zu weinen. Großartig. Hektisch versuche ich, die Decke wieder irgendwie zwischen Gardinenstange und Fensterrahmen zu befestigen und singe dabei das Schlaflied. Marek steht im Bett und brüllt. Sein Gesicht ist knallrot und heiß. Er fiebert. "Hause!", weint er.
Ich wiege ihn wieder in meinen Armen, versuche verbissen den Schmerz zu ignorieren. Als er gerade eingeschlafen scheint, fällt in der Wohnung über uns irgendetwas mit einem Scheppern zu Boden. "Uga? Bautz?" (Onkel, runtergefallen), fragt mein Sohn weinerlich.

Kann den Schmerz in meinem Arm kaum mehr ertragen. Stütze das gesamte Kindergewicht schon die ganze Zeit frei in der Schwebe. Schschschsch, mache ich monoton auf Uromas Bettkante schaukelnd, bis ich mir sicher bin, eine Umbettung erneut zu wagen. Lege mich diesmal neben ihn in das große Bett, man kann ja nie wissen. Eine Weile schlafen wir wohl beide. Dann fährt das Müllauto vor. Die Rückfahr-Hilfe piept, Marek kniet im Reisebett. 20 Minuten geschlafen. Das reicht noch nicht. "Piep piep piep!", macht er und zeigt auf das verhangene Fenster. "Ist gleich weg..", beruhige ich müde und decke ihn neu zu.
Aber das Müllauto fährt und fährt nicht wieder. Wir liegen beide wach und horchen auf das Scheppern der Tonnen beim Auskippen, welches nicht abebben will. Marek jammert leise vor sich hin.

Ich kann die Fenster nicht zumachen, die Decke ist in ihnen eingeklemmt und hält glücklicherweise ihre Stellung. Über uns Schritte und Geklapper. Unten vor dem Haus laute Stimmen, es wird mal wieder gehupt.
Das Kind dreht sich unruhig hin und her, weint.
Es hat keinen Zweck.

Gleich nach dem verfrühten Kaffeetrinken mit krankem Nerventod-Kind dränge ich zum Aufbruch. Schleppe unsere sieben Sachen wieder zum Fahrstuhl. Er kommt aus dem 11. Stock, ist schon ordentlich besetzt. Wir quetschen uns zwischen die Menschen. Marek popelt. "Popl", sagt er, betrachtet seinen Finger und schmiert das Objekt an die Spiegelwand. Die anderen schauen angeekelt. Ein Mann entfernt mit schmerzverzerrtem Gesicht die Spitze des Spielzeugkoffers aus seinem Schulterblatt. Ich habe keine Kraft mehr, mich zu entschuldigen.
Die Straße vor dem Haus ist mächtig befahren. Sohn brüllt, ich halte ihn an der Kapuze und versuche dabei, das Kuscheltier nicht wieder zu verlieren. Passiert trotzdem. Gerade als wir eine größere Lücke zum Überqueren nutzen. Panda, mitten auf der Straße. "Paida!", ruft Marek voller Sorge. Stelle den Koffer ab, werfe mir mein Kind über die Schulter, rette das Tier. Ein Golf bremst scharf und hupt wütend.

So und wo haben wir vorhin eigentlich geparkt?

"Wrap your troubles in dreams" - Chaos-Wraps, deluxe Edition.

Ich danke dem großartigen Schöpfer dieses fabulösen Essens für seine außerordentliche Großzügigkeit, das "Rezept" mit mir zu teilen. Noch dazu fünf Uhr morgens, nach einer durchfeierten Nacht, Sonnenaufgang, Müdigkeit.
Ja, T., das hier ist dein Post.



Hier meine deluxe-Goldrand-Version dieser gigantischen Alles-Könner-Fressflash-Wraps (man spreche das bitte mal laut, es hört sich wunderbar an!).

Auf der müden Möglichkeiten-/Zutatenliste von T. ist gelistet:
  • "paar längliche Salatkopf-dingensens" (Übersetzung: Salatherzen)
  • "Tomaten - Minitomaten, so knackig und fresh wie possible"
  • "paar Paprika-Schoten"
  • Hirtenkäse
  • "bisschen Mischgemüse und Mais aus der Dose" (buäh, man nehme bitte TK-Gemüse!)
  • "Fleisch-Imitat Nuggets und Klößchen, fein zerhackt"
  • Salz und Pfeffer
  • Salatdressing
  • paar große Löffel Aufstrich
  • ...?
Das nur als Vorschlag. Nach Vorrats-Inspektion entschloss ich mich für folgendes:
  • 6 große Tomaten
  • einmal Dosenmais
  • eine Packung TK-Buttergemüse
  • 4 Soja-Schnitzel, in Stückchen geschnitten
  • zwei Salatherzen
  • eine Packung Feta
  • Salz und Pfeffer
Achja, nicht zu vergessen: Wraps, die fertigen aus dem Supermarkt. Ja, ich weiß. Reden wir nicht drüber, ich stand unter Zeitdruck.

Dieses Rezept reicht übrigens, um 8 Wraps zu füllen. Davon werden 4 Personen satt.

Zunächst das Buttergemüse in einem Topf auf dem Herd nach Packungsanleitung zubereiten. In der Zwischenzeit Tomaten in kleinen Stückchen mit dem Dosenmais anbraten und mit Salz und Pfeffer wenig würzen. Darunter die Schnitzel-Stückchen mischen und alles zusammen bruzeln lassen, bis das Gemüse weich ist. Die Salatherzen und den Feta schon mal klein schneiden.

Dann wird das Gemüse aus dem Topf in die Pfanne zum Rest gegeben und kräftig gerührt. Ganz zum Schluss den Salat und den Käse liebevoll unterheben. Das sieht dann so aus:


Schließlich werden die Wraps damit gefüllt und aufgerollt. Je nach Zeitkapazität kunstvoll oder weniger kunstvoll. Ich entschied mich für letzteres, macht doch das gute Ostertafel-Geschirr die Schönheitsmakel dreifach wieder wett. Oder so.



Soundtrack zum Essen: