Mittwoch, 13. Mai 2015

Lange Tage.

Der Tag hatte zeitig begonnen und war lang, schwül und bewegungsreich gewesen. Fahre mit Zeitdruck im Nacken auf den Supermarkt-Parkplatz, die Uhr ruft schon Abendbrot.
Brauche aber noch diese und jene Backzutaten-Kleinigkeit, dringend.

Die Gänge sind angenehm leer, mitten unter der Woche, zu dieser späteren Stunde. Das Kind ist bei Oma geparkt, trotzdem eile ich im Sturmschritt durch die Regale und greife routiniert nach den Dingen auf meinem Einkaufszettel. Vor der Kasse stelle ich überrascht fest, dass ich rein gar nichts vergessen habe. Schier unglaublich. Zur Feier des Tages schmeiße ich noch eine Schachtel TicTacs auf das Band und beginne, in meiner Tasche nach dem Portemonnaie zu wühlen. Na, hab es doch vorhin im Parkhaus wieder... Wo ist denn...?

Die Frau in der Schlange vor mir hat alle Einkäufe im Wagen verstaut und verabschiedet sich im Wegschieben von der Kassiererin, die sich aber schon über die Kasse beugt, um meine Einkaufswagennummer in die Kasse zu tippen. Mit ungesundem Herzschlag durchwühle ich immernoch meine Tasche, nun etwas systematischer. Das Portemonnaie ist und bleibt unauffindbar. Heiß steigen die Fragen in mir auf, während die Kassiererin zum ersten Stück Butter greif, um es über den Scanner zu ziehen.

Hab ich es im Parkhaus verloren? Am Kassenautomaten? Nein, bin mir sicher, es neben mir auf dem Sitz liegen gesehen zu haben. Habe ich es mit in den Markt genommen? In der Hand gehalten, wegen dem Einkaufzettel, der immer darin steckt? Habe ich es in einem Regal abgelegt und vergessen, wieder an mich zu nehmen? Wurde es - da stockt mir kurz der Atem - mir etwa aus der Tasche entwendet?
Ich werde nervös und zittrig.

"Äh, moment....", interveniere ich erst einmal, als die Verkäuferin schon die letzte Butter scannt, "mein Portemonnaie ist weg. Entweder ich habe es verloren, oder...", kurz halte ich noch einmal inne. Eine Möglichkeit schießt mir in den Kopf, die ich bisher noch gar nicht in Betracht gezogen habe, "es liegt noch im Auto! Tut mir Leid!"
Verdutzt schaut die Dame hinter der Kasse auf. Reagiert dann aber schnell: "Na, da gehen'se mal schnell schauen, ich räum ma derweile ihren Wagen wieder ein. Aber sagen'se Bescheid, wenns weg ist!"
Über so viel Entgegenkommen bin ich sprachlos. Nur das Pärchen hinter mir in der Schlange hat keinerlei Verständnis. Sie verzieht säuerlich den Mund, er grinst hämisch ob meines puderroten Gesichts.
Who cares. Eilig flitze ich über den Parkplatz.

Aufgeregt entriegele ich das Auto. Gehe im Kopf den Inhalt der Geldbörse durch, versuche mich an den Sperrnotruf der Kontokarten zu erinnern. Wie viel wird wohl ein neuer Ausweis kosten? Wie viel Bargeld war eigentlich drin? Schicke Stoßgebete gen Himmel. Unter dem Berg Tüten und Beutel auf dem Beifahrersitz ist nacktes Polster. Kein grünes Portemonnaie. Auch nicht vor dem Sitz, zwischen Polster und Mittelkonsole oder an der Tür. In wilder Verzweiflung kippe ich alle Tüten aus, durchwühle hektisch den Inhalt.
Nichts.
Nein.
Das. Kann. Doch. Jetzt. Nicht. Wahr. Sein.

Beim Aufsammeln des Tüteninhalts muss ich einmal kurz den Sitz zurückfahren, um die weggerollte Pfandflasche zu erangeln. Meine Finger stoßen auf etwas glattes...
Oh, hallo Geldbörse.

Und nun schnell zurück.
Mein Einkaufswagen steht ordentlich eingeräumt auf den Abstellgleis einer geschlossenen Kasse. Die Kassiererin lacht ein erleichtertes Gute-Laune-Lachen, als ich mit dem Portemonnaie winke. Müsste das auch sein, erleichtert. Aber der Adrenalinspiegel ist noch so hoch, dass meine Hände zitternd nach dem Wagengriff greifen.
"Sie müssen sich jetzt aber leider noch'e'ma anstellen", entschuldigt sie sich.
Na, dann machen wir das doch.

Und als ich nach der letzten Tüte Mehl die Kreditkarte zücke, ist mein Puls schon soweit in den Ruhezustand gesunken, dass ich ein "War'n langer Tag" halbwegs cool über die Lippen bringe.
Nimmt sie mir aber nicht ab, die Frau hinter der Kasse.
Mütterlich wünscht sie mir "Noch ein' ruhigen Abend". Äh, danke.

Besser spät als nie oder: Blitz-Muttertagspräsent.

Fiel mir doch am Sonntag Vormittag mit Blick auf den Kalender die Bedeutungsschwere des Tages auf. Ups.
Turbulente Tage davor, wenig Zeit und viel Action. Keine Blumen im Garten, keine Pralinen im Haus (die mag meine Mutti so oder so nicht).

Dafür Fingerfarbe und ein Kind.
Den Bilderrahmen dazu darf sich Mutti dann selbst aussuchen, werde ihn großzügig sponsern.

Nein, ich bin nicht '96 geboren. Aber die Handgröße des Kindes war leider nicht mehr mit der eines Neugeborenen
zu vergleichen. Beim besten Willen nicht! Darum die Schummelei.