Dienstag, 25. August 2015

Viehzeug - ein Kommentar.

Während das Kind und ich im dörflichen Tante-Emma-Bäckerladen stehen und Kuchen aussuchen, postet ein junger Mann aus dem Nachbarort ein Foto auf Facebook.
Ich sehe es später, an der Küchenarbeitsplatte gelehnt, auf dem Tablet. Um mich herum noch Spielzeugauto-Barrikaden und ein Berg schmutziges Geschirr und Essensreste auf dem Tisch. Wollte eigentlich nur schnell ein paar Nachrichten checken.
Ich scrolle mehr aus Gewohnheit denn aus Interesse schnell noch einmal den Newsfeed nach unten und stolpere. Falle. Starre entsetzt auf den Bildschirm in meinen Händen. Ein Bekannter hat einen geteilten Inhalt kommentiert. Ich lasse mich am Küchenschrank nach unten gleiten, muss mich setzen. Inmitten von elektrischen Traktoren und einem kaputten Feuerwehrauto zittern meine Hände. Ich schließe die Augen und öffne sie wieder. Atme.

Eigentlich kenne ich so etwas. Posts wie dieser sind mir bekannt, nichts neues, trauriger Alltag. Schaue mir Screenshots mit ähnlichen Kommentaren an und entsetze mich leise. Vergesse es dann wieder, es tangiert mich nur oberflächlich. Freital, Dresden - der Hass schlägt Wellen. Aber wenn sie hier, in meiner kleinen stillen Hinterkaffhausen-Idylle, ankommen, haben sie ihre Wucht verloren. Treffen mich, aber treffen mich nicht schmerzlich. Ich lese Berichte, sehe Videos, trauere und muss mich im nächsten Moment um das Mittagessen kümmern.
Ich diskutiere mit Familienmitgliedern und Freunden über Asylpolitik und frage mit dem nächsten Atemzug nach dem Rezept für die Lasagne. Man empörte sich gemeinsam - das Feindbild: diffuse Ewiggestrige. Die Nazis, was für ein unpersönlicher Begriff. Eine Gruppe von Menschen, keine bekannten Gesichter. Pegidianer, NPD-Wähler, "besorgte Bürger", Faschos, Rechte. The dark side.  Die Unterscheidung in gute und böse Seite empfand ich als leicht. Gut waren wir. Hier. Und "böse" waren DIE, dort, irgendwo. Wutspuckende Hinterwälder, räumlich und ideell kilometerweit entfernt, auf Demos immerhin durch Polizeiketten klar von mir getrennt.

Natürlich war mir immer klar, dass man Menschen die Ideologie und Meinung in der Regel nicht ansieht. Mir war immer klar, dass Rassismus ein Kopfding ist, was nicht zwangsläufig ständig zu Tage tritt. Ich skandierte mit der Menge "Nationalismus raus aus den Köpfen!" und fühle mich zwischen Deutschlandwimpeln und dem "Heimatverein" auf dem Dorffest unwohl. Ich ziehe hörbar die Luft ein, wenn der angetrunkene Nachbar mit der Faust auf den Gartentisch schlägt und mault: "Wir können doch nicht die ganze Welt aufnehmen!". Unterschwellig war mir immer bewusst, wie tief rechtslastiges Gedankengut doch in vielen Menschen verwurzelt ist und dass manche Dinge, die mit dem Nachsatz "Das wird man doch wohl mal noch sagen dürfen, deswegen ist man doch nicht gleich rechts..." okay gemacht werden, eben nicht mehr so okay sind. Für mich nicht. Und für viele andere auch nicht. Aber ich ermahnte mich selbst. Appellierte an meine Toleranz, verteidigte die Meinungsfreiheit und schwor auf die christliche Nächstenliebe. Wollte jeden annehmen wie er ist. Wollte nicht der Spaßverderber, das zänkische Weib sein. Wollte (Dorf-)Gemeinschaft leben und nahm mich (zu) oft zurück.

Und vor allem wiegte ich mich in einer Blase aus Idyll, Menschenliebe und Solidarität. Fuhr in die Stadt um gegen Rassismus zu demonstrieren, deren Vertreter ich für eine Hand voll verrohte, beratungsresistente Städter hielt, und danach zurück ins Hinterland, wo ich von der totalen Abwesenheit auch nur irgendeiner Ideologie ausging. Mein Leben hier und die Geschehnisse in Dresden und Freital: Rassismus, Hetze und Hass - das waren bis dato zwei komplett voneinander getrennte Dinge.

 Und dann passierte da Heidenau. Die Hasswellen treffen mich nun schmerzhafter. Der Mittelpunkt, von dem aus sie sich in meine Richtung ausbreiten, hat sich zu mir verschoben. Ich sitze abends auf der Couch, blättere durch virtuelle Fotoalben, die das ganze schreckliche Ausmaß an Ausschreitungen, Randale und "Asylkritik" dokumentieren und hoffe inständig, kein mir bekanntes Gesicht in den Reihen der "Gegner" zu entdecken. Mir fällt es schwerer und schwerer, Nächstenliebe zu praktizieren und die Meinungsfreiheit zu verteidigen. Ich habe Wut im Bauch - und ich schäme mich. Ich schäme mich fremd angesichts dieser offensichtlichen Abwesenheit von Mitleid und Empathie, ja von Menschlichkeit, angesichts bodenloser Ignoranz und Egoismus. Ich möchte alle Deutschlandfahnen-schwingenden Randalierer an den Schultern packen, schütteln und rufen: "Denk doch mal nach! Seid lieb!". Die Verzweiflung und meine Ungläubigkeit ob solchen Verhaltens wächst gen Himmel. Ich bete täglich dafür, eine Runde Hirn und Herz und Nächstenliebe über den Demonstranten regnen zu lassen.
Und ich merke, wie sich die Menschen in meiner Umgebung verändern. Vielleicht waren sie auch schon immer so - und ich habe es nicht gemerkt. Wollte das nicht merken. Unsagbare Dinge werden plötzlich laut gesagt. Rechtspopulistische Phrasen sind salonfähig geworden, Halbwahrheiten und Nicht-Wahrheiten werden beim Bäcker unreflektiert ausgetauscht. Es gibt kein Wir und DIE mehr, keine Hand voll Ewiggestrige - die Gedanken sind frei, aber ich kann viele davon erraten. Nicht in der Stadt. Hier bei uns. Und es ist nicht erst über uns gekommen wie eine lästige Plage, der wir irgendwann wieder Herr werden. Es war schon immer da, in den Köpfen. Der Hass keimte unaufhörlich und wächst nun wie schmarotzende Urwaldschlingpflanzen eng um die Herzen.

Zwischen elektrischen Traktoren und einer kaputten Spielzeugfeuerwehr auf dem Küchenfußboden  erreicht mich heute endgültig das vor mir selbst lange sorgsam unter Dorfidyll, Nächstenliebe und Toleranz versteckte schreckliche Ausmaß Rassismus. In seiner ekelhaftesten, schlimmsten Form. Atme ein, atme scharf aus. In einem ersten Reflex schwebt mein Finger über der "Beitrag melden"-Option. Aber ändert das etwas an der Tatsache? Ändert das etwas daran, dass Menschen andere nicht mehr als Menschen sehen können, blind von sinnlosem Hass, von teilweise absurden unreflektierten Vorurteilen?
In einem nächsten Reflex möchte ich mein Geschichtsbuch holen. Möchte das Bild von 1935 aufschlagen, eine mit "Judenschwein" titulierte NS-Karikatur. Möchte es daneben legen. Wo ist hier ein Unterschied? Ist da einer?

 
 
Ja - ist da einer?

Weltreise.


Neulich stolperte ich beim "Dönermann" über das Wort "Köfte". Seltsam bekannt und trotzdem konnte ich damit nicht allzu viel anfangen. Wikipedia erklärt mir Unwissender, es handele sich um würzige Hackbällchen, die in der gesamten südeuropäischen Küche und im Nahen Osten verbreitet sind. So. Und weil ich noch nach Fingerfood-tauglichen Gerichten für meinen ersten runden (hört hört!) Geburtstag suche - fand sich schnell diese zauberhaft leckere, milde (!) vegane Variante.

Zutaten für etwa 15-20 Stück:

  • 1 Zwiebel
  • 4 große Möhren
  • Staudensellerie, ca. 5 bis 6 Stangen inkl. Blättern
  • 3 bis 4 Scheiben Vollkornbrot (gern auch altbacken)
  • 250 g große weiße Bohnen (Abtropfgewicht, aus der Dose)
  • Olivenöl zum Braten
  • Gewürze: Garam masala (oder indische Mischung), Koriander, Kreuzkümmel
Zwiebel und Sellerie zunächst möglichst klein hacken und anbraten. Dabei Möhren schälen und raspeln und die Brotscheiben "mahlen". Dazu die Scheiben in einen Gefrierbeutel stecken, mit einer Hand zuhalten, mit der anderen kneten. Notfalls mit einem Fleischklopfer (oder anderem Schlaginstrument) bearbeiten bis nichts als Brösel übrig sind. Nein, einfache Semmelbrösel tun es übrigens nicht.
Möhren, Brotbrösel (was ein Wort!) und abgetropfte Bohnen unter die Zwiebel-Sellerie-Dingens mischen. Nun zerstampfen. Lieber T., für sowas braucht man zum Beispiel einen Kartoffelstampfer. Eignet sich hervorragend. Eine Gabel geht aber auch.
Eine klebrige Pampe entsteht. Juhu.
Mit den Gewürzen abschmecken: 1,5 TL Garam masala und je einen TL Koriander und Kreuzkümmel. Sollte so passen.

Daraus werden dann kleine Bällchen gerollt. Furchbar matschige Angelegenheit, weil die Pampe ähnlich gut an den Fingern klebt wie misslungener Pizzateig.
Am Ende alle Bällchen kurz in der Pfanne von allein Seiten anbraten.
Schmeckt warm und kalt.



Als Hauptgericht machen sie sich übrigens auch ganz ausgezeichnet. Da stellt sich allerdings die Frage nach Sauce und einer netten Beilage. Weil ich nicht so der Saucentyp bin, gab es bei uns Reis-ähnlich zubereiteten Amaranth. Das Inka-Getreide vom anderen Ende der Erde. Dazu später noch ausführlicher.
Saucentechnisch wäre wohl vegane Mayo oder irgendwas mit (Soja)Joghurt und Knoblauch geeignet - aber, wie geschrieben - von sowas bin ich persönlich nicht begeistert....