Sonntag, 27. September 2015

Cooking Action - ein Review.

Es wird Zeit, dass meine Cooking-Action-Eindrücke mal den Weg hierher finden. Immerhin ist diese Veranstaltung schon wieder eine ziemliche Weile her, bald ist die nächste. Also. Nun aber.

Nochmal zum besseren Verständnis vorneweg: Die Organisation, wenn man sie denn so nennen mag, beschreibt sich selbst als "a network of individuals and kitchen structures that organizes participative cooking events with citizen and refugee people of Dresden". Damit ist doch eigentlich schon alles gesagt. Es wird also gekocht. Dresdner Bürger (in weiterer Definition, siehe ich), gemeinsam mit Geflüchteten - für Geflüchtete und Dresdner, denn alle können ja nicht in der Küche herumtrampeln. Laut Veranstalter liegt die Teilnehmerzahl irgendwo zwischen 60 und 200, je nach Tag und Ort der Aktion - denn der ist nicht fest, sondern verschiebt sich quer durch die Stadt von einem Jugendzentrum zum nächsten Kulturtreff. Wollen ja alle mal was davon haben. T. meint, in der Regel sind da mehr Deutsche als Refugees. Macht nichts. Das spricht sich schon noch herum.

Warum ich hingefahren bin? Mit Kind und Kegel? Was ich mir davon versprochen habe?
Zum einen ist es eine großartige Möglichkeit, endlich aus Hinterkaffhausen heraus auch mal präsent zu sein. Seine Ansichten in die Praxis zu holen. Zum anderen war es die Neugier. Von Geflüchteten zu lesen ist die eine Sache - sie zu treffen, mit ihnen zu kommunizieren, (Sprach-)Barrieren zu spüren und wegzulachen die andere. In mir drin war ein hilfloser, schwer verdaulicher Kloß gewachsen. Ich wollte und musste etwas tun, jemandem mit optisch nettem Dessert eine Freude bereiten, mich an einer schönen gemeinsamen Zeit beteiligen, Willkommen zelebrieren. Ich wollte diese Menschen persönlich kennen lernen. Wollte mit eigenen Augen noch einmal feststellen, dass die, von denen immer nur im Plural "Refugees" gesprochen wird, Individuen sind. Ganz verschiedene Menschen und Menschen wie du und ich. Das war mir natürlich schon alles sehr bewusst. Aber die leibhaftige Sinneserfahrung fehlte dazu einfach noch.
Vielleicht hatte ich auch gehofft, dass Flüchtlingskinder da sein würden, mit denen mein Kind spielend die Vielfalt der Welt entdeckt und lernt, dass wir alle nur Menschen sind. Ich möchte, dass es nie die Gelegenheit bekommt, Vorurteilen gegenüber Ausländern und Flüchtlingen Glauben zu schenken.
Leider war es doch mehr eine Veranstaltung von jungen Leuten, zu der überwiegend junge Leute erschienen waren. Eine deutsche Mutter hatte noch ihren Dreijährigen dabei. Wir waren uns einig, dass die Anwesenheit von Kindern wachsen sollte. Das hier muss offen werden, offen für alle. Wenn es sich herum spricht, dass hier auch Kinder spielen, erklärt sie mir, dann kommen sicher auch ganze Flüchtlingsfamilien und die Begegnungen werden noch vielfältiger und intensiver. Ich habe genickt, zustimmend.


Kinder brechen das Eis. Viel schneller. Kinder merken den Unterschied nicht, zwischen Mensch und Mensch. Für sie ist da erst einer, wenn sie ihren Gegenüber nicht verstehen können. Aber auch das ist nicht ganz so dramatisch - die nonverbale Kommunikation funktioniert mit Kindern überall auf der Welt gleich. Ein Lächeln. Ein Pieken in den Bauch. Ein Über-den-Kopf-streichen, ein geschenktes Stück Schokolade.
Ich war froh, dass Marek dabei war. Er hat mir gezeigt, dass meine Berührungsängste und die Schüchternheit blödsinnige Kopf-Sachen sind. Unsinnig. Weg damit.

Die Stimmung ist großartig entspannt. Trotzdem ist eine eigenartige Elektrizität im Raum, eine aufgeladene positive Energie. Niemand ist hier fremd. Man lächelt sich an und zwinkert sich zu, ohne sich je vorher gesehen zu haben. Alle verbindet ein unsichtbarer Konsens. Marek rast mit dem Laufrad über den Gang. Als er strauchelt, greift ein dunkelhäutiger Mann beherzt in den Lenker. "Oh!", lacht er und Marek lacht mit.
Am hinteren Ende des Ganges wird Tischtennis gespielt. Es sind fast ausschließlich junge Männer anwesend. Einer zählt laut auf Deutsch: "Eins-su-swei", ein anderer versucht, es ihm nachzusprechen. Es gelingt nicht. Wir Umstehenden lachen mit ihm.


Ich komme nicht dazu, ein Gespräch zu führen (außer mit der deutschen Mutter, während unsere Kinder einen Spielzeug-Auto-Stau nachstellen), beobachte aber meine Freunde und ihre Bekannten dabei, wie vertraut und selbstverständlich sie Allerwelts-Themen mit den Geflüchteten bereden. Im Grunde ist es eine große Party - man kennt sich nicht, redet aber plötzlich so vertraut wie alte Bekannte miteinander, weil der Zufall, gemeinsam auf dieser Party zu sein, einen zu Verbündeten macht. Plötzlich sind alle Freunde, warten auf das Essen, stellen Tische und Stühle mit um, um eine große Tafel zu bauen.

Später sitzen wir dicht gedrängt an Biertischen und löffeln zu gut gewürzte Suppe. Es brennt auf der Zunge, Marek windet sich auf meiner Schoß und möchte ständig etwas anderes. Ich sitze strategisch schlecht, kann nicht zum Buffet durchdringen. Eine Gruppe junger Refugees sitzt uns gegenüber. Einer möchte sein gerade so ergattertes Dessert verschenken - an Marek. Ich lehne lächelnd ab, dafür bekommen wir zwei Mars-Riegel. Das Kind kaut, ich esse tapfer an der Suppe. Mein (deutscher) Nebenmann bietet mir den Couscous von seinem Teller an, während ich die Suppe an meine Sitznachbarin verschenke. Der Mann gegenüber hat verstanden, fächelt sich symbolisch Luft zu und meint: "Spicy! Hot!". Ich nicke. Wir grinsen uns an. Während ich schon wieder dem zappeligen Kind nachlaufe, nimmt er wie selbstverständlich meinen Teller mit zum Abwasch. Jeder wäscht sein eigenes Geschirr ab, hatte es geheißen.

Wir sind eine große Familie.
Jeder spürt diese Solidarität, die Fröhlichkeit steckt einen nach dem anderen an, die Atmosphäre ist wunderbar. Ich schwimme auf dieser warmen Welle dem Auto entgegen und fahre mit leichtem Herzen nach Hause. Das Kind schläft auf der Rückbank.
Wir werden wieder kommen.
Ganz sicher.

Wer auch mal in diesem Strom schwimmen will, Solidarität zeigen und ein fröhliches Herz mitnehmen, der folge am besten den Refugees Welcome Cooking Actions auf Facebook. Zum informiert bleiben.
Man sieht sich!

Ach, und übrigens: