Mittwoch, 18. November 2015

Wickelkreuztrage für Pandas, Fieberthäter und Gelichter - November in Hinterkaffhausen.

Als hätten wir es nicht schon alle geahnt, wird das Kind auch noch krank. Im Hamsterrad aus Uni, Kindergarten, Bügelbrett und Spielplatz hat plötzlich einer einen Ast in die Speichen gesteckt. Gerade als es im Begriff war, sich endlich reibungslos zu bewegen und an Fahrt aufzunehmen. Prima.
Ich akquiriere die Großeltern und werfe sämtliche Pläne in den Papierkorb. Die Nächte sind unergiebig, müde bette ich meinen Kopf auf den Klapptisch in Hörsaal 3. Die Augenringe schleifen beim Gehen auf dem Boden, äh.. was hast du gesagt?. Wenigstens ist das Wetter schön.

Schnell nach der Uni die homöopathische Hausapotheke auffüllen. Springe in der Haltebucht vor der Apotheke aus dem Auto, direkt in die Arme von Esme-Carina-Mama (Remember?). Werde übertrieben freundschaftlich begrüßt ("Aaaaach, na des is ja'n Zufall, meine Liebe!"), dann aber gespielt mitleidig gemustert: "Oh wei! Du siehst aber ein bisschen kränklich aus, nicht?" (Ein bisschen?)
"Na also ich habe die ganze letzte Woche mit einem grippalen Infekt gelegen, du, ich sage dir, mir war elend wie Sterben Christi, du. Ich habe das ja immer gleich richtig, weist du. Und mein Arzt meinte auch..."
Stur lächeln und nicken.
"..vor fünf Jahren hatte ich ja diese schlimme Angina und seitdem lasse ich mir lieber gleich ein Antibiotika..."
Ah, mh, verstehe.
"...und natürlich muss man das immer richtig auskurieren, nicht wahr, das geht ja sonst aufs Herz. Darum bin ich noch bis zum Ende dieser Woche krank geschrieben...."
Habe versprochen, zum Mittagessen wieder zurück zu sein. In zehn Minuten. Muss niesen. Irritiert unterbricht Esme-Carina-Mama ihren Krankheitsmonolog: "Siehst du, so fängt das bei mir auch immer an! Lass dich gleich krank schreiben, meine Liebe, ich sag dir, sonst da geht es dir wie mir, als ich...."
Wie komme ich hier bloß wieder weg?
"...und ihr Studenten habt ja doch recht wenig zu tun, nicht wahr? Da kann man sich schon mal eine Auszeit..."
Grr.

Zuhause begrüßt mich ein sichtlich überforderter Opa. Das Lego liegt verstreut im ganzen Treppenhaus, stummer Schauplatz eines vergangenen Wutanfalls. "Hat er noch Temperatur?", frage ich, beantworte mir diese Frage mit Blick auf mein rotbäckiges Kind im gleichen Moment selbst. Falsche Frage. Verzweifelt wirft Opapa die Hände zur Decke: "Woher soll ich denn...? Der Junge lässt sich einfach nicht Fieber messen!"
Na da werden wir doch mal... Wo ist denn...?
Verdächtig stilles Kind. Mit dem Rücken zur Wand. Ich höre es piepen. Frage: "Hast du das Thermometer genommen, Marek?" Oh, dieses Mienenspiel! Dann, bemüht beherrscht, leicht schwingt schon ein verzweifelt-weinerlicher Unterton mit: "Keine Ahnung Mama! Marek hat nicht Fieberthäter!"
Doch.
Kampf.
Gebrüll.
38,6.
Seufzen.
Der heiße Kopf schmiegt sich beim Mittagsschlaf an mich und ich muss ihn immerzu streicheln. Mit müden Augen lese ich den Skript der Vorlesung, die ich heute morgen lediglich körperlich besucht habe. Schlafe wieder darüber ein.

Zwei darauffolgende Tage später sind die Wespen im Kinderpo zum blühenden Leben zurückgekehrt. Die Gemeinde lädt zur Martinsandacht mit anschließendem Lampionumzug. Schnell die Tasche in die Ecke gestellt und im Schrank nach der Wintermütze gewühlt. Und wo haben wir letztes Jahr diesen Laternenstab...?
Das Kind möchte den Heiligen Panda dabei haben. Und die Laterne. Nebst Lichtstab. Und die "Trinkbulli" auch noch. Und 'nen Keks. Logistisch schwierig. Ich versuche es mit mütterlicher Diplomatie.
"Iss doch den Keks gleich noch. Und trink einen Schluck, dann steckt die Mama die Flasche ein."
- "Nein, tragen!"
"Dann bleibt aber der Panda hier."
-"Panda auch Laterne gehen!"
"...nicht heute. Heute wartet er im Warmen."
-"Panda mit-geh-en!"
"Du hast doch gar keine Hand mehr frei, wenn du deine Flasche im Arm hast. Lass mich die Flasche..."
-"Nein, Mama!"
Unten beginnt schon das Martinsgeläut. Wir werden wohl zu spät kommen wenn nicht gleich...
"Der Panda bleibt hier. Du verlierst ihn nur!"
-"Neeeein. Panda muss Laterne gehen!"

Manchmal staune ich über mich selbst. Werfe einen besorgt-gehetzten Blick zur Uhr (wie so oft in den letzten Tagen und Wochen. Die Uhr und ich... sind erzverfeindete Gegenspieler geworden) und treffe auf halbem Weg mein Halstuch an der Gaderobe. Oh. Moment.
Wie im Tragekurs gelernt schlinge ich eine mehr oder weniger vorbildliche Wickelkreuztrage um den Kinderkörper. Mit Panda. Ehrfürchtig dreht und wendet sich mein Sohn vor dem Spiegel. "Marek ist ein Papa!", stellt er fest.
Eilig drücke ich ihm Flasche und Lichtstab in die Hand und lasse hinter uns die Tür ins Schloss fallen. Kurz vor der Kirche fällt es ihm auf: "Laterne, Mama?". Mist.



Natürlich kommen wir zu spät. Die Kirche ist sporadisch besetzt, ausschließlich Kindergarten-Eltern und zugehörige Kinder. In der Nähe der Tür erkenne ich Esme-Carina-Mama, die bei unserem Eintreffen euphorisch den rosa-Blinkerherzchen-Laternenstab der Tochter im Takt von "Ich geh mit meiner Laterne..." schwenkt. Nö.
Kaum haben wir uns platziert, verlangt das Kind nach der Trinkbulli, dann nach einem weiteren Keks, dann wieder nach der Bulli, dann möchte es den Laternenstab herumschwenken.
Licht an. Licht aus. An. Aus. An. Aus. An. Aus.
"Hör auf jetzt! Da gehen doch die Batterien runter!", flüstere ich streng ins Kinderohr, während die Älteren vorn die Geschichte vom Heiligen Martin nachstellen. Interessiert Marek nicht. An. Aus. An. Aus. Beherzt greife ich ein, entwende den Stab. Gebrüll. Keiner versteht mehr einen der hübsch auswenig gelernten Sätze aus dem Altarraum. Esme-Carina-Mama dreht sich um und mustert uns mit zusammengekniffenem Mund. Esme-Carina spielt vorn einen der Stadttor-Wächter.
Später fällt meinem Sohn ein, dass man mit dem Stab (habe ihn der lieben Ruhe halber gestattet, nachdem ich die Ersatzakkus in der Jackentasche fühlte) auf den Köpfen der Leute vor uns herumhämmern kann. Nein, Kind!
Nocheinmal später (habe das störende Objekt Kind aus der Kirchenbank entfernt, stehen nun im Gang mit Fluchtoption Tür) schwenkt er diesen grässlichen Stab so schwungvoll in alle Himmelrichtungen, dass schließlich Plastik-Schutzhülle über dem und das Glühlämpchen selbst auf dem harten Kirchenboden ihre letzte Ruhe finden. Das wars dann, mit Laternenstab. Das Wutgeheul ereilt mich vorausschauend erst vor der Kirchentür.



Der Umzug.
Haben von der eiligen Oma einen Zweit-Stab erhalten (schon wieder pädagogisch un-wertvoll) und schließen uns den bunten Lampions an. Esme-Carina-Mama an meiner Seite: "Naaaaaa? Geht's euch armen Mäusen wieder besser?" Äh, ja, danke. "Das ist ja sooo schön, diese ganzen Lichter, nicht wahr, sooo schön! In meiner alten Heimat gab es diese Tradition, dass alle..."
Ich nicke, lächle und habe kalte Füße. Freue mich auf den Tee im Pfarrgarten.