Mittwoch, 21. Dezember 2016

Last minute Verwandtengeschenk on a budget! - Bratapfel-Punsch-Gelee


So rein geschenketechnisch gehörte ich eigentlich in die Kategorie "Weiß im März schon, was sie schenken will und hat im September alles beisammen".
Dann wurde ich Studentin. Do I have to say more? Eigentlich verschenken wir im Familien und Freundeskreis immer Kekstüten mit einer erlesenen Auswahl mindestens vier verschiedener Sorten selbstgemachten Gebäcks. Näher stehende Menschen bekommen natürlich noch ein individuelles Präsent oben drauf, aber so massentauglich und damit an alle gedacht ist... Plätzchen, Makronen, Lebkuchen und so fort. Hübsch verpackt, universeller Gruß drauf, fertig. Die Geste zählt.

Nur irgendwie war in diesem Jahr weder Platz noch Zeit noch Zutatengeld für 10-12 Bleche Biovegan-Plätzchen für alle. Irgendwo stolpere ich dann über "Bratapfelgelee" und sowieso schon seit Wochen über die Kiste kleiner, schrumpeliger Gartenäpfel meiner Eltern. Ich scrolle ein bisschen durch Rezepte im Internet und finde alle irgendwie semigut. Also... einfach machen.

Sonntag, 11. Dezember 2016

Zimtschnecken, politisch korrekt.


Angefangen hat es mit dem Kürbis. Dem halben. Hatte ihn über und sonst nichts brauchbares mehr im Kühlschrank, außer einer angefangenen Kuchen-Schokoglasur. Weil mich die Laune überkommt, backe ich an einem Sonntag Abend einen Kürbiskuchen und verteile ihn in einem Anflug von grenzenloser Menschenliebe in der Gegendemonstration.

In der darauf folgenden Woche nochmal. Und nochmal. Diesmal Zimtschnecken. Politisch korrektes Demo-Fingerfood mit klebrig viel Zimtzucker-Adventstouch und Liebe.

Freitag, 9. Dezember 2016

How to be student in Hinterkaffhausen, Dezemberedition.


Ganz oft sitze ich morgens verschwitzt und schwer atmend in der S-Bahn, wühle etwas zu hektisch in meinem Rucksack und muss eigentlich schon wieder aufs Klo. Lege das Tablet auf meine Knie und gebe, noch während ich den Anschalteknopf gedrückt halte, das viel zu lange Passwort in mein schon ziemlich zerkratztes nichtmehrneues Smartphone ein. Lese eine Nachricht, öffne reflexartig Facebook. Gebe ein anderes, viel zu langes Passwort in das Tablet ein und öffne ein leeres Word-Dokument. Der Cursor blinkt, hässlich grinst die leere weiße Seite. Ach komm, denke ich betont motiviert, nutze die fünfundzwanzig Minuten Pendlerweg sinnvoll! Lese eine Messenger-Nachricht und muss sie umgehend beantworten. Scrolle noch einmal kurz durch meinen Newsfeed und... oh, Hauptbahnhof. Schließe das leere Word-Dokument im Tablet. Hupsi.

Unwort der Tage: Smombie. Smartphone-Zombie. Zeitvertrödelnde Wischerin, tippend nicht im Bus festhalten können. "Oh, äh, 'tschuldigung, wollte sie nicht umarmen....".
Und plötzlich ist auch noch Dezember. Sehe die offenen Weihnachtsmarktbuden in der Dresdner Innenstadt schon eher bei Instagram als in der Realität. Oh society, what have you done to me...
Vor dem Hörsaalzentrum genehmige ich mir einen Glühwein, mittags, kann mich danach besser auf die Mathedidaktik konzentrieren. Echt. 

Montag, 21. November 2016

Herbst, verlass mich nicht! - Riotkuchen mit Kürbis.


Wir drehen eine Runde durch Hinterkaffhausen. Das heißt: Ich drehe. Das Kind lässt sich auf dem Bobbycar hinter mir herziehen wie Dresden-Touristen auf diesen unsäglichen Altstadt-Pferdekutschen-Touren. Ähnlich zufriedener Gesichtsausdruck.
Auf Höhe Ortsausgang plötzlich... die erste Weihnachtsdekoration im Fenster. Nee, echt jetzt? Ich überschlage eilig die Tage im Kopf. Noch 9 Tage bis zum ersten Dezember. Eine ganze Woche bis zum ersten Advent. Draußen Sonnenschein und neun Grad plus, ein milder Wind weht bunte Blätter auf den Gehweg.
Auf Instagram backen alle schon Plätzchen. Und wir? Kürbiskuchen.

Donnerstag, 17. November 2016

Lied des Tages.

Und ich kann den Wahnsinn verstehen,
sieht sich an uns satt,
wie er selbst sich fast blamiert.
...
Und ich habe kein Problem,
zitternd und bewegt,
nur man selbst macht sich verrückt.

Das Leben ist schön,
die Zukunft fängt an,
die Sonne scheint,
und ich weiß, warum sie lacht,
weil sie weiß, dass ich es genauso kann.



Samstag, 12. November 2016

Schenken macht Freude.

Eigentlich wollte ich über etwas anderes bloggen. Was mit basteln. Vom Frühling, angestaubte Fotos auf der Festplatte. Öffne die Blogger-Dashboard-Oberfläche und sehe meine Statistik explodieren. 900 Aufrufe an einem Tag. Oh la la. Entscheide darum ganz spontan, meine kurzzeitig hohe Reichweite für Werbung zu nutzen. Da müsst ihr jetzt durch. Sorrynotsorry.


Kennt ihr schon "Weihnachten im Schuhkarton"? Das ist eine Aktion des christlichen Werks "Geschenke der Hoffnung", eine Organisation für benachteiligte Kinder, Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe.
Nach eigener Angabe verteilen die Mitarbeiter schon seit 1993 Weihnachtsgeschenke-Päckchen an benachteiligte Kinder zwischen zwei und 14. Diese Päckchen, genauer: mit Geschenkpapier beklebte Schuhkartons, werden von vielen vielen Menschen im deutschsprachigen Raum jedes Jahr im November gepackt und zu zentralen Abgabestellen in der Nähe gebracht. Von dort finden sie ihren Weg in Länder, die wir spontan als "arm" bezeichnen würden: Bulgarien, Rumänien, Slowakei, Weißrussland, aber auch Namibia, Kambodscha, ...

Montag, 7. November 2016

Heyho let's fortschritt... (Nicht)Schmardfon-Story, Teil Zwei.


...hallo Kapitulation.

Mein shift ist da. Mein Smartphone.

Und das kam so:

"Wenn mir das Handy hier mal kaputt geht, dann kauf ich genau das gleiche wieder! Oder... halt ein Fairphone. Das ist mir schon wichtig. So ein modulares Handy, bei dem man jedes Teil noch ersetzen kann, statt das Handy wegzuwerfen" - O-Ton ich. Immer. In Gruppen von Freunden und Bekannten, in Gesprächen mit fremden Menschen (Im Club: "Haste WhatsApp?" - "Ich hab kein Smartphone!", ihr erinnert euch?)

Mission "gleiches Handy wieder" scheitert an hohen Preisen und schlicht der Nicht-Verfügbarkeit. Mission Fairphone  ist ein finanziell aussichtsloses Unterfangen. 500 € für ein Smartphone, dessen Akku auch nur einen Tag hält, der Display die Distanz Klo bis Fliesen nur unter Risiko übersteht...? Mehr als eine Monatskaltmiete. Nö.

Bye, bye Love... (Nicht)Schmardfon-Story, Teil Eins.

Ich verlasse das letzte Seminar des Tages kurz nach 18 Uhr. Nur nochmal pullern. Ich stehe gerade am Waschbecken, als in meiner Manteltasche mein Handy vibriert. Und vibriert. Hört gar nicht mehr wieder auf. Trockne die Hände am Kleid, will den Anruf entgegen nehmen. Aber es ist kein Anruf. Das Display blinkt weiß. Schwarzweißschwarzweißschwarzweiß. Dazu vibriert das Telefon. Durchgängig, in der öffentlichen Toilette im Seminargebäude. Wie Sexspielzeug.
Ich bin erstaunlich ruhig dabei. Kein spontaner Anfall von Mobiltelefonverlustängsten. Ohne über das Warum nachzudenken, stecke ich es dorthin, wo ich es herausgeholt habe. Bin einfach zu müde. Interessiert mich nicht.
Als ich das Auto erreiche, vibriert meine Manteltasche immer noch. Und immer noch, als ich eine halbe Stunde später das Kind bei seinem Papa einsammele. Und immer noch, als ich daheim die Wohnungstür aufschließe. Und immer noch, als ich das Kind schon lange ins Bett gebracht habe. Räume gerade die Spühlmaschine aus - da ist es plötzlich still. Auch das Blinken hat aufgehört. Display schwarz. Mein 4 Jahre altes, treues Nicht-Smartphone reagiert nicht mehr. Auch am Ladegerät lässt es sich nicht zum Einschalten überreden.
Da ist er - der Kloß im Hals. Ich tippe schon Entschuldigungen und Handy-Gesuche in das soziale Netzwerk und streichle dabei sanft über das tote Display. Sollte es das gewesen sein? Ist das hier der langsame, qualvolle Tod des letzten Tastenhandys? Das Ende unserer 4-jährigen Ehe, in guten wie in schlechten Zeiten geteiltes Bett und täglich geteilte Konversationen?



Montag, 31. Oktober 2016

Warum wir kein Halloween feiern (wollten) - und ich trotzdem Gespenstermuffins gebacken habe.


Gespensterfest.
Ich sehe den Aushang in der Kindergarten-Garderobe und rümpfe die Nase. Schaue mich dann aber unauffällig um. Hoffentlich hat's keiner gesehen. Meine Aversion. Gegen Gespensterfeste. Gegen Halloween im Allgemeinen. Gegen "Wir-stecken-Kinder-in-Horrorkostüme-und-finden-das-lustig". Gegen abgetrennte Finger aka Wiener Würstchen auf dem Buffet, gegen "Blutpudding" für Vierjährige, gegen die Glorifizierung von (Un)tod. Pfui.

Samstag, 29. Oktober 2016

Kochen mit dem Saisonkalender, achtzehn - Kürbispüree mit Knuspertopping und gegrillten Pilzköpfen.


Dieses Gericht versammelt all das, was ich mit dem Herbst kulinarisch verbinde: Kürbis. Kartoffeln. Pilze. Birne. Das fast letzte Garten-Zeug (Sellerie und Petersilie) und irgendwas vollwertiges mit Biss. Buchweizen. Oder Nüsse.
Mal abgesehen vom Ofenkürbis ist Kürbispüree das gängigste und simpelste schlechthin. Ohne kreativen Input wäre es wahrscheinlich auch die langweiligste, stark an Baby-Brei erinnernde Beilage des Oktobers. Aber mit Pilzen und so ein bisschen Trallala für's Auge? Ein Familiengericht. Von Baby bis Opa. Und für letzteren wennsdennseinmuss zur Rettung des Haussegens sogar mit totem Tier erweiterbar...

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Konsequenzen und Vorsätze - Was ich aus Halle mitgebracht habe (Hallo Halle! - die Letzte.)


Zur Konferenz an sich und konkret habe ich noch gar nichts geschrieben. Weil... ich auch gern etwas über Konsequenzen schreiben wollte. So etwas wie: Hey, das war großartig, das machen wir jetzt öfter. Und hey, nur vegane Allerweltsrezepte und ein bisschen Alltagsgelaber befriedigen auf Dauer nicht und bieten keinen Mehrwert. Warum nicht parallel mit mehr Inhalt bloggen? Warum nicht politisch? Warum mein Onlinehobby nicht mit Aktivismus verknüpfen?
Oder aber: hey, das war scheiße. Das war inhaltsleer, am Thema vorbei, Kaugummi-Plenum, ohne Konsens, im Kreis drehende immergleiche Gedanken ohne Fortschritt. Ohne Lösungen. Worthülsen mit Knatschkind.
Oder: Ähm. Ich war da, aber mental bei "Lotta von der Krachmacherstraße". Kann nicht reden, ich esse.

Montag, 24. Oktober 2016

Selbstversorgung in Progress - Kinderketchup aus dem Glas.


Die Idee hatte ich im Bioladen. Ich kniete vor dem Ketchup-Regal, auf der Suche nach dem kleinsten Übel. Das Kind ist ketchupsüchtig, wir essen alles damit. Brot und Brötchen, Gemüse, Cracker, die Nudeln sowieso. Aus Zucker-vermeidenden Maßnahmen kaufte ich Tomatenmark, bio, regionale Marke, in Metall-Tuben zum quetschen. Und war damit auch nicht zufrieden. So Ressourcen-technisch. Und wegen der Müllvermeidung.

Knie also vor diesem Regal und sehe da dieses Tomatenmark im Glas. Habe es schon in der Hand, es schmerzt mich preislich. Vor der Kasse fällt mir auf: Was tun mit dem leeren Glas? So viel Marmelade, wie Gläser in einem Beutel in der Abstellkammer hängen, können wir gar nicht essen. Erst gar nicht kochen. Und es gibt auch durchaus gesünderes Frühstück als Marmeladenbrötchen. Mhpf. Und da, die Idee: Selberkochen. Leere Aufstrich-Gläser en masse vorhanden. Zumindest das.

Samstag, 22. Oktober 2016

Kindermate. (Hallo Halle! - die vorläufig vorletzte)

(Teil 1 und Teil 2  sind hier nachzulesen.)

Vom Hausprojekt zur Straßenbahn. Ersatzverkehr. Eh Halle, jetzt tu nicht so Berlin. Passend dazu: Asphaltlahmes Kind mit ÖPNV-Aversion. Und keine Fahrkarte. Alles ein bisschen wolkig, mit Aussicht auf Pommes.
Wir fahren in Richtung innere Stadt und ich muss meinen Ersteindruck korrigieren. "Hach", schwärmt der momentan sowas wie beste Freund männlichen Geschlechts an der Haltestange, "ich finde Halle ja so schön!" Tatsache. Altbau. Dresden-Neustadt-Flair, süßer Einzelhandel, Studenten im Stadtbild, schmale Gassen, "Veggie-Döner" und Antifa-Sticker am Laternenmast. Und das Vegs, ein vollveganes Bistro. Kann Halle also auch. Ich bin entzückt, lasse mir aber noch nicht allzu viel anmerken.

Donnerstag, 20. Oktober 2016

Bitte freimachen. (Hallo Halle! - die Zweite)

Der Zug ist voll wie ein Studentenbus an verregneten Herbstagen. Freitag Nachmittag fährt halb Dresden nach Leipzig. Ich stopfe Rucksack, Beutel, Kinderrucksack, Jacken zwischen Treppe zum höher gelegenen Abteil und Wandverkleidung. Wir lagern im Durchgang, Aus- und Einsteigende fühlen sich behindert. Müde Pendlergesichter. Das Kind ist aufgeregt-fröhlich, die Stimmung euphorisch-gehoben. Wir essen Spekulatius mit der blauhaarigen Begleitung. Man mustert uns betont unauffällig.
90 Minuten Fahrt. Die Kinderbücher im Rucksack bleiben unangetastet. Wie ein Plastikauto zum aufziehen rennt das Kind durch die Regionalbahn. Von einem Ende zum anderen. Vor dem Lockführerabteil bleibt es stehen und wartet, bis ich es betont lässig-entspannt ("Guckt, hier reist ein Haufen linker Aktivisten, na klar haben wir ein antiautoritär erzogenes Kind dabei!") eingeholt habe. Zieht sich selbst auf. Run. Anderes Ende. Nach dem zwölften Mal hört ein älteres Ehepaar kurz vor der ersten Klasse auf, mich im Vorübergehen freundlich anzulächeln.

Montag, 17. Oktober 2016

Hallo Halle! - die Erste.


Erzähl mehr davon, lese ich das Instagram-Kommentar und seufze ein bisschen schwer gegen meinem Spekulatius-Keks. Ich muss und möchte so viel erzählen. Wie wir unser eigenes Tomatenmark eingekocht haben, zum Beispiel. Oder ein Spießer-Deko-Schriftschild gebastelt. Oder die Story mit den Puppentheatereltern. Und dann müsste ich aber eigentlich auch die Wäsche waschen und vorher die von den letzten zwei Wochen vom Korb in den Schrank sortieren, die sterblichen Geranienüberreste auf dem Kompost begraben, noch 2 Hosen und einen Pulli nähen. Oder einfach mal meine Augenringe wegschlafen. Oh - und auch noch studieren, so nebenbei.
Auf der Hinterkopf-Todo-Liste reicht mittlerweile der Platz nicht mehr. Die Ränder sind schon quer beschrieben, durchgestrichen ist noch nix. Ich freue mich ein bisschen auf dieses kommende Wochenende und auch ein bisschen darüber, dass dieses Couchsurferpärchen kurz vorher seinen Aufenthalt cancelt. Nehme mir die Geranien vor, klopfe brüderlich auf die Nähmaschinenverkleidung und stelle motiviert die Schmutzwäsche-Truhe ins Bad neben die Waschmaschine.

Mittwoch, 5. Oktober 2016

Kochen mit dem Saisonkalender, siebzehn - Kartoffelpizza mit Roter Beete, Brechbohnen und Birne.



Ein Tessarezept. Einfach weil da Zeug im Kühlschrank und im Garten mit Zaunslatten winkte. Und auf und ab hüpfte dazu. Die letzten Bohnen des Jahres. Die Rote Beete-Knollen - geerntet im Glas aus dem Biomarkt. Zwei kleine Birnen von der Streuobstwiese meiner Tante. Und fünf mittelgroße verschrumpelte Kartoffeln aus der ersten Ernte.

Dazu noch: 3-4 EL Sojaquark oder -joghurt zum bestreichen, Salz und Pfeffer, Semmelbrösel für die Optik und die Zutaten für diesen Teig  hier.


Die Zutaten für den Teig zusammenkneten. Die Kartoffeln schälen und vom singenden Küchenassistenten reiben lassen. Zum Teig geben, etwas Mehl noch dazu. Nochmal kneten.

Währenddessen doch schon mal die Bohnen im Salzwasser vorkochen lassen.

Den dann auf einem (Pizza)Blech ausrollen und mit Joghurt bestreichen. Salz und Pfeffer draufstreuen. Und belegen. Dazu die Rote Beete in dünne Scheiben schneiden. Auf denen dann gewürfelte Birnen und die gekochten Bohnen verteilen und mit Semmelbröseln bestreuen.


Braucht im Ofen ca. 15-20 Minuten bei 180°C und Umluft. Und schmeckt großartig! Selbst das Kind isst ohne zu nörgeln Rote Beete...

Montag, 3. Oktober 2016

"Einheit" - Gedanken zum Tag.


Irgendetwas stößt mir am "Tag der deutschen Einheit" unangenehm auf. Erst weiß ich gar nicht, was es ist. Dass die Straßen in der Innenstadt gesperrt sind, vielleicht. So ein Chaos. Viele Menschen. Buäh.
Aber das nicht. Auch nicht, dass es keine DDR mehr gibt. Wie meine Omi. Etwas verächtlich schnaubt sie am Freitagabend ins Telefon: "Ach, am Wochenende ist ja diese Einheitsfeier. Freuen sich die Wessis wieder drüber, dass sie sich unsere Sachen einverleibt haben!"
Ich schweige dazu. Weil.. ach, Omi.

Nein, was mir nicht gefällt, sind diese schwarz-rot-goldenen Wimpelketten überall. Dieses Fan-Merchandise wie bei einem Sport-Großereignis. Überall. Wir feiern einen Nationalstaat. Heute ist es ausnahmsweise mal völlig okay, stolz auf sein Land zu sein. Ohne Hintergedanken, unreflektiert und fröhlich im Karohemd und Kunstlederhose am Biertisch eines abgekupferten Oktoberfestes. Verzeihung: Einheitsfestes.
Dürfen uns heute mal selbstbewusst auf die Schulter klopfen: Was doch alles geleistet wurde seit der Wiedervereinigung! So als Nation. Großartig. Deutschland, du tüchtiges Land.

Auf dem Küchentisch meiner anderen Großeltern liegt die Tageszeitung-Sonderbeilage zum Festwochenende. Ich blättere ein bisschen darin herum und fühle mich unwohl. Bei den schwarz-rot-golden unterlegten Rubrik-Überschriften spult mein Kopf ein "Deutschland den Deutschen!" ab, ohne dass ich ihn darum gebeten hätte. Bei dreifarbig gestreiften Wimpeln fallen mir die Hawaiketten-behängten Mitläufer der Pegida-Demonstration ein....

1989 ist für mich auch Ausgangspunkt für einen neuen, stärkeren deutschen Nationalismus. Germany great again. Einheit für alle. Mit deutschem Pass. Tatsächlich ist hier nämlich nichts einheitlich. Ausgrenzung, Diskriminierung. Angriffe auf Nicht-Deutsche. Brennende Flüchtlingsheime. Eine beängstigende "Pegida-Movement", von der sogar der Couchsurfer aus Kopenhagen gehört hat, neuer Nationalstolz, "Festung Europa"-Baumaßnahmen: "Wir" gehören zusammen - weil wir die gleichen Traditionen haben und die gleiche Sprache sprechen und die gleiche Kultur haben. Aber "ihr" gehört hier nicht hin. Aus Gründen. Weil Kopftuch. Oder so.

- Und das macht Sinn? Echt?

Der 3. Oktober heute ist der 3. Jahrestag des Unglücks vor Lampedusa. "Dieses Jahr findet das zentrale Event der Einheitsfeierlichkeiten unter dem Motto „Brücken bauen“ in Dresden statt.", schreibt das Bündnis "Solidarity without limits" auf ihrer Seite. Und weiter: "Brücken sind eine gute Sache. Sie machen eine sichere Reise möglich. Man könnte viele Brücken bauen, z.B. über das Mittelmeer, und damit das Leben von zehntausenden Flüchtenden und Migrant*innen retten."
Gute Idee. Nur leider spricht darüber keiner. Weil die Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit zwischen Deutschen und Deutschen heute irgendwie wichtiger ist.
Nicht nur heute. Ständig.
Vielleicht ist es angebracht, statt Bier-trunken unter schwarz-rot-goldenen Wimpeln die Wirtschaft zu feiern, mal tatsächlich Brücken zu bauen. Echte. Stabile. Zu allen. Nicht nur innerhalb einer "Kulturnation".
Denn Einheit... Einheit finde ich ja schön. Echt. Einigkeit, Recht und Freiheit klingen wunderbar, so völlig unvoreingenommen und vom Kontext gelöst betrachtet. Aber ich hätte das doch bitte gern für alle.

Eine Einheit - eine Welt.

Donnerstag, 29. September 2016

Lied(er) des Tages - Visions of Berlin.


 ...t,
Berlin,
du bist so hässlich.





I wake up to my boring days
Never was a child, I was born this way
Always there but always out of place
Feels so alien

I don't know what I know
But I know where it's at
Just because I lost it doesn't mean I want it back

You don't get it
Cuz it the world I'm living in
You don't get it
I'm just a creep in a t-shirt, jeans, I don't fuckin care!







 I said all your light can't save me
All your light all your light can't save me
I won't wait though my time may come
I can't wait, I can't wait
My time may come

(my body won't work for nobody but me, son)
No one said there'd be times like these
(my body won't work for nobody but me, son)
No one said there'd be times like these...








All I
Wanna do is
Live in ectascy
I know what's best for me
I can't help it
It's this hopeless itch
I just wanna feel (wanna feel)
Purple, yellow, red, and blue








"Ich wiederhole: Dies ist keine Übung! 
Das ist die Apokalypse! Bitte bleiben sie ruhig und verlassen sie das Gebäude!"

aus: Dogma




Freitag, 23. September 2016

Kochen mit dem Saisonkalender, sechzehn - Ein Herbstkuchen in herzhaft.

Auf der Festplatte habe ich einen Stapel Foodfotos. Einen größeren sogar. Aus dem Sommer. Mit Heidelbeer-Pancakes und Backgemüse. Sogar mit Zuckerschoten-Nudel-Dings aus dem Frühsommer. Habe mir vorgenommen, gleich nach dem Urlaub alles schnell hintereinander zu posten. Wegen der Aktualität. Und der Saisonküchen-Rubrik.

Und?
Hallo Herbst. Schön dass du da bist. Heidelbeeren gibt es keine mehr. Zuckerschoten auch nicht. Ich vertrödele mit Baustatik und den Musikvideos von OK KID die Tage. Irgendwie fliegt alles und nichts passiert. Ich esse weder healthy noch biofair, weil Finanzen. Bin zu faul für irgendwas und zu verplant für nichts. Gekocht wird in der Kitaküche. Hier bäckt der Ofen höchstens altes Brot wieder auf und ab und zu mal einen schnellen Kuchen. 


Aber einen Tag vor Herbstanfang hat die Oma Geburtstag. Und weil alles besser ist als Baustatik und Werkstofflehre verspreche ich, für die Vegan-Bilanz zu sorgen. Mit frischen Zutaten aus Omas Garten, natürlich. Mangold und Tomaten müssen verarbeitet werden, sagt sie. Und: mach was draus.
Jawohl.


Für den Teig werden benötigt:

  • 200 g Vollkornmehl
  • 150 g Margarine
  • 80 ml Wasser
  • etwas Salz
Alles zusammenmatschen und in den Kühlschrank stellen, bis der Rest fertig ist.


Für die Füllung:
  • ein großer Bund Mangold, mit allem: Stiele und Blätter
  • 1 Zwiebel
  • 6 größere Gartentomaten
  • 400 g Seidentofu
  • 2 EL Olivenöl
  • 1 EL Speisestärke
  • 1 TL Kurkuma und eine Prise Muskat
  • Salz, Pfeffer und Gartenkräuter - Schnittlauch, Bohnenkraut, Basilikum, Petersilie, Thymian, Rosmarin,... na, sowas eben.
Zuerst die Mangoldschicht: Zwiebel würfeln und in einer größeren Pfanne in Öl anbraten. Den großen Bund Mangold in mundgerechte Stücke schneiden und mit rein da. Wie Spinat zubereiten, also so lang braten, bis die Blätter zusammengefallen sind. Mit etwas Pfeffer würzen.


Dann den Teig aus dem Kühlschrank holen. Eine Springform fetten, den Teig darin auslegen. Die Ränder hochdrücken. Das ganze im Backofen ein bisschen vorbacken lassen. So 10 Minuten bei 180°C und Umluft.

In der Zwischenzeit die Tofuschicht anrühren: Seidentofu, Öl und Stärke mit einem Schneebesen zu einer cremigen Masse schlagen. Kurkuma und Muskat unterheben und noch mit den ganzen Gewürzen und Kräutern abschmecken.

10 Minuten um. Boden aus dem Ofen und schnell den Pfanneninhalt, sprich den Mangold, in die Form geben. Gut festdrücken. Darauf dann die Tofumasse gießen und glatt streichen. Tomaten halbieren und dekorativ oben drauf drapieren.
Und dann ab, zurück in den Ofen.
Wartezeit: Eine halbe Stunde bei unveränderten 180°C. Wer hat und mag, kann kurz vor Ende nochmal den Grill dazuschalten. Gibt den Tomaten eine schöne Farbe.


Achja: Macht nicht den Fehler, holt das Ding aus dem Ofen und schneidet es sofort an. Seht ihr den matschigen Haufen an den unteren Bildrändern? Ja?
Ausgekühlt, lauwarm und durchzogen schmeckt die Quiche noch viel besser als mit verbrannter Zunge - und das Kuchenstück sieht auch ganz formschön aus wie ein Kuchenstück. Echt.

Sonntag, 18. September 2016

Ein Wort zum Sonntag.


Manchmal sitze ich im Auto und fahre von irgendeiner Party nach Hause. Es ist irgendwo zwischen 5 (da war die Musik eher so dazuhabichmit8indergrunschuleschonnichttanzenkönnen oder wir waren alle müde) und 10 (da bin ich wieder irgendwo erwacht, wo ich vielleicht besser nicht zum Frühstück bleibe. Oh.).
Jedenfalls.
Ich sitze im Auto, es ist (früher) Morgen, es ist meistens auch noch Sonntag. Und dann kurz vor Hinterkaffhausen dieser Wald. Ein langes Stück Straße, ziemlich schnurgerade, aus dem Auto-CD-Player irgendwas von Alice Phoebe Lou bis ZAZ. Irgendwas ohne Druck, so für's Herz. Folk, Chanson, sowas. Ich bin irgendwas zwischen 18 und 30. Das Wetter irgendwo zwischen melancholischen Wolken, Sonnenaufgang und strahlendem Himmelsblau.



Und da befällt mich diese eigenartig umwerfende Dankbarkeit. Mitten auf dieser Waldstrecke, wenn da nichts ist, außer dem grauen Asphaltband und allerhand Nadelgewächs links und rechts und obendrüber ein schmales Band Himmel... da fühle ich mich der Welt so mächtig verbunden. So mittendrin in dem kleinen Auto mit Dorfproleten-Tempo 130. Ich bin dankbar. Dafür. Dass ich auf dieser Landstraße den Fuß nicht vom Gas nehmen muss. Dafür, dass das Gaspedal der Teil eines Fahrzeugs ist, dass mir gehört. So fast. Dass dieses Fahrzeug so mühelos die Stadt-Land-Distanz für mich überwindet. 



Und vor allem: Dafür, dass ich beides sein darf. Stadtmaus und Landmaus. 18 und 30. Studentin und Mutter. Partypeople und vernunftorientierte Erwachsene. In diesen wenigen Minuten wird mir bewusst, wie großartig mein Leben ist. Ich darf hier sein. Frei und wild und wunderbar. Bin nirgendwo sicherer. Habe alles was ich brauche. Mir geht es blendend. Ich habe die tollsten Eltern und eine handvoll Freunde straight outta heaven.
Immer wenn ich an diesem Morgenden den Wald durchfahre, hatte ich eine großartige Night out. Immer dann bin ich aufgekratzt und platze fast vor Glück und Zufriedenheit. Das Kind spielt oder kuschelt in diesen Momenten mit der Oma und ich weiß, dass sie das gern tun. Beide. Auch dafür bin ich dankbar. 



Und in der Pause zwischen zwei Titeln fasse ich das Lenkrad mit beiden Händen ganz fest um nicht abzuheben. Lasse die Seitenfenster nach unten und brülle ein "DANKE!" in den Fahrtwind. Einfach so. Weil ich finde, dass das mal gesagt werden muss. Alles andere wäre doch unanständig.
Und weil ich ganz fest daran glaube, das da oben, irgendwo zwischen melancholischen Wolken, Sonnenaufgang und strahlendem Himmelsblau jemand in diesem Augenblick genauso verstrahlt auf mich herunterlächelt wie ich, wenn das Kind glücklich versunken mit dem IKEA-Handmilchaufschäumer Bohrmaschine spielt. Jemand, unter dessen Hand ich hier laufe. Und dessen Schuld das hier alles ist. Danke dafür.


Heute feiert Hinterkaffhausen übrigens Erntedank-Gottesdienst. Die Pastorin predigt vom Dankbar-Sein. Vom Nicht-für-selbstverständlich-halten. Es ist wieder Sonntag, ich denke an meine Auto-Momente und weiß, dass sie recht hat. Möchte am liebsten aufstehen, auf die Kirchenbank springen, meine Faust zur Decke recken und aller Welt zurufen: "JA! Sie hat recht! Seit verdammt nochmal dankbar für das, was ihr seit. Für all das, was ihr habt und erleben dürft. Seit dankbar! Und seit es täglich!"


Bleibe dann aber doch sitzen, atme den Geruch von Blumengebinden und frischen Pflaumen. Vor dem Altar liegt auch ein Fladenbrot. Die syrische Familie hat es gespendet, sie sitzt ganz hinten auf der letzten Bank. 
Dankbar bin ich. Dafür, dass ich hier sein darf. Und dankbar, dass sie da sind. Und dankbar dafür, dass wir gemeinsam hier in dieser Dorfkirche sitzen. Auf harten Bänken, zusammen, Christen und Muslime und Kürbisse und Fladenbrot. Danke.