Mittwoch, 27. Januar 2016

Kochen mit dem Saisonkalender, Drei.

Mit steifen Beinen und müden Augen ziehe ich mich vom Teppich auf den Schreibtischstuhl. Lernmarathon. Zettelchaos auf dem Boden, leere Tassen und leer gegessene Schüsseln und Teller, Verpackungen von Süßigkeiten, beklebezettelte (Inkorporation! Wortkreuzung durch Zirkumfix!) Lektüre. Paradigma der intransitiven Verben, echot mein Kopf. Als ich den Computer hochfahre, verschwimmt der Startbildschirm in Farbregenbögen, wie auf einem psychedelischen Trip.

Ablenkung. Wenigstens ein bisschen.



Vor einer gefühlten Ewigkeit haben wir Krautnudeln gekocht. Als Sachse im Winter ein fast unvermeidliches Gericht. Aber "gerade im Winter, wenn andere Gemüsesorten qualitativ schlecht oder teuer sind, ist dieses [...] vollwertig-gesunde Essen eine Alternative" (Koch-Wiki). Mit Weißkohl nämlich. Wintergemüse schlechthin. Übrigens ausgestattet mit reichlich Vitamin C.

You will need:



Zunächst mal das Sojahack (150-200 g) in Gemüsebrühe (Ups. Fehlt. War ja klar.) einweichen. Dann den Kohlkopf kleinschneiden. Für eine ganz schön große Portion (4 Personen satt und noch was über) haben wir ein viertel übrig behalten.
Die Zwiebel auch.
Beides gemeinsam in einer Pfanne anbraten. Die Zwiebel vielleicht ein wenig eher als den Kohl. Egal. Das Kind dirigiert. Salzen und Pfeffern.

Gesetz dem Fall, man isst Kraut"nudeln" tatsächlich mit Nudeln: Nudelwasser aufsetzen.

Gequollenes Sojahack ausdrücken und in einer separaten Pfanne mit Paprikapulver würzig anbraten. Eigentlich kommt hier dann auch das Tomatenmark. Haben wir aber vergessen. Macht auch nichts.


Hack schließlich unter den Kohl mischen. Die Nudeln kochen schon.

PS: Pulli, den das Kind trägt, ist aus Mama-Pulli upgecycelt.
Schnittmuster leider entfallen.

Wir hatten uns das so schön gedacht mit den tollen Dinkel-Bandnudeln. Diese Ästhetik! Foodporn!
Ha. Nach dem Topfdeckel-Anheben (Inkorporation: Zusammenrückung! Sorry.) bezweifelte ich den Sättigungsgehalt des kläglichen Häufchens. Naja. Vollkornspaghetti dazu. Ergebnis: zerkochter Bandnudelbrei, bissfeste Spaghetti, aber: viele Nudeln. Immerhin.

Jedenfalls.
Nudeln unter Kohl-Hack-Mischung heben und mit Muskat und viel Kümmel abschmecken.
Schmeckt tausendmal besser als es aussieht!

Version ohne Nudeln: 


...und mit Matsch. Ähm. Hauptsache es schmeckt.


Sonntag, 17. Januar 2016

K-Zeit.

Es ist still geworden. Überall: in unserer Wohnung, in dem Teil meines Gehirns, der für Kreativität zuständig ist, hier auf diesem Blog.
Weil wir kaum noch zu Hause sind. Weil das neue Jahr ein Känguru-Jahr ist: schön und dynamisch, aber schwer und in großen Sprüngen unterwegs. Weil alleinerziehend studieren heißt, Prioritäten setzen zu müssen, die manchmal ein bisschen weh tun.

Vergangenen Freitagmorgen stehe ich mit kalten Zehen an der Bushaltestelle Richtung Universität und tippe eine schnelle Entschuldigung in mein Telefon:


Achja, richtig. Der Winter. Hinterkaffhausen liegt schweigend und Schornsteine-rauchend unter einer 50 cm dicken Schneedecke. Der Frost lässt die Treppenhausfenster von außen mit weißen Blumen bewachsen. Wann immer es unsere Zeit zulässt, rodeln Kind und ich Nachbars Streuobstwiese hinunter. Das Feld hinter dem Haus meiner Eltern, in dem wir nun weit öfterer nächtigen als drei Straßen weiter im eigenen Bett, gleicht einem unbeschriebenen weißen Papier.

Papier. Ich blättere viel zu spät Abends stundenlang lustlos durch raschelnde Seiten, ohne wirklich bewusst zu lesen, was auf ihnen geschrieben steht. Die Zeit rast, nein: springt davon und bedrohlich näher und näher rücken die rot umrandeten Kalendertage: Klausuren.

Klausuren. Das böse K-Wort frisst alles andere in meinem Kopf einfach auf. So kenne ich mich gar nicht: labil und prüfungsängstlich, ungesund Zucker- und Kalorien-affin mit diffusen Magenkrämpfen auf dem Küchensofa meiner Eltern. In der Universitäts-Bibliothek. In der S-Bahn. Im Zahnarzt-Wartezimmer. Freitag Nacht auf der Tanzfläche. Zwischen Beats und Bier rattert dieses "Du solltest das jetzt nicht tun. Dir läuft die Zeit davon. Du solltest jetzt nicht hier sein. Du solltest nicht..." wie die Spielzeug-Eisenbahn des Kindes immer im Kreis durch die Gehirnwindungen. Ich tanze im Takt dazu.

Im Takt. Im Takt mit dem Sekundenzeiger verlaufen die Tage. Träge, augenberingt, faul und unmotiviert laufe ich mit. Immer ein wenig außer Atem, wie auf einem etwas zu schnell eingestelltem Laufband. Statt den Blick nach vorn zu richten lasse ich mich ablenken.

Ablenkung. Habe trotzdem gekocht. Und Fotos gemacht. Sogar gelungene.


Wenigstens Rezepte wollte ich posten. Automatisch generiert, aller 3 bis 4 Tage, während der Prüfungszeit. Den Schein wahren, perfekt und organisiert und fleißig und super zu sein. Stecke Sonntag Abend die SD-Karte der Kamera in den Kartenleser, den Kartenleser an den USB-Anschluss meines PCs. Nichts. Kein Pling und kein automatisches Erkennungs-Fenster, die manuelle Suche nach einem neuen externen Speichermedium bleibt erfolglos.
Habe weder Zeit noch Lust, der Sache auf den Grund zu gehen oder das Kamera-Kabel zu suchen. Stecke die SD-Karte wieder dahin zurück, wo sie hingehört. Dann eben keine Saison-Rezepte.


Känguru. Kalt. Kind. Klausuren. Kalorien. Kopf. Küchensofa. Kartenleser-Defekt.
Sendepause.


Montag, 4. Januar 2016

Im Gasthaus zur hungrigen Meise...


Es ist Winter geworden da draußen. Igitt. Mit klammen Fingern kratze ich morgens das Eis von den Autoscheiben und das Kind wirft mir von hinten eine Eisscholle an den Po. Unsere Schuhe sind Dauergast auf der Küchenheizung.

Wenn der nachmittägliche Lagerkoller meines Sohnes einen Aufenthalt an der frischen Luft nicht unbedingt erforderlich macht (selten), machen wir tolle Dinge. Wäsche aufhängen, zum Beispiel. Oder Staub saugen. Oder Vogelfutter-Anhänger basteln.

Für letztere braucht es nur ein bisschen Zeit und ein bisschen Geschick und ein paar Studenten-Budget-Zutaten.
Und zwar:

Im Internet kursieren zahlreiche Anleitungen, einige davon mit Schweineschmalz. Dass uns sowas nicht ins Haus, pardon, in die Wohnung kommt, versteht sich wohl von selbst.
Bei Kokosfett ist zu beachten, dass es schon bei Zimmertemperatur eine Konsistenz einnimmt, die ähnlich leicht handhabbar ist wie nasse, glitschige Kernseife. Just saying.

Schritt 1:
Diverse größere Ausstechförmchen aussuchen. Es eignen sich solche mit einfachen Konturen - bloß keine Schnörkel, enge Ecken und schmale Spitzen. Frau ärgert sich hinterher nur fürchterlich. Die Erfahrung sagt: Herzen. Und große Sterne. Und dieser Nikolausstiefel aus dem oberen Foto. Einfache Kreise. Und eine große Glocke. Der Rest hat das Aus-der-Form-Lösen nicht überlebt.

Schritt 2:
Alufolie um die Förmchen präparieren. Und zwar so, dass sie seinen auslaufsicheren Boden bekommen: mehrere Folien-Quadrate unter die Förmchen legen und an den Rändern nach oben festdrücken. Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Einfach machen.

Schritt 3:


Schritt 4:
Kokosfett schmelzen. Bei geringer Hitze in einem Topf auf dem Herd.

Schritt 5:

...und dann zum abkühlen in den Kühlschrank stellen. Braucht ca. 2-3 Stunden.


Schritt 6:
Das Herauslösen aus der Form gestaltet sich glitschig, fettig und krümelig. Schmale, filigrane Formen zerbrechen beim geringsten Druck. Auch die größeren Formen sollte man unbedingt vorher ein bisschen im warmen Raum stehen lassen. Es sei denn, man hat ungeduldige (Klein)kinder. Mhpf.

Schritt 7:
Mit dünner Nadel und Nylonschnur (alternativ wirklich dicker, reißfester Zwirn) einen Aufhänger dranbasteln. Gar nicht so einfach - man bedenke, dass man ohne Gewaltanwendung keinen dicken Sonnenblumenkern mit dünner Nähnadel durchstechen kann. Trotzdem versucht: Stern zerbrochen.


Schritt 8 und 9:
Aufhängen und freu'n. (Bitte mal laut lesen. Reimt sich. Wie wunderbar)


Freitag, 1. Januar 2016

Outback, Berge und unfröhliche Hektik - Weihnachten in Hinterkaffhausen.

23. Dezember, 23:50 Uhr.
Auf den Knien auf dem Teppich im Wohnzimmer. Vornübergebeugt die letzten Geschenke einpackend. Wie jedes Jahr so knapp vor dem Tag der Tage, jedes Jahr die gleiche flirrende Hektik und kein Raum für liebevolle Details, jedes Jahr so müde, so müde! Keine Zeit für die 50 Pinterest-Ideen, die frau garantiert in diesem Jahr... Stattdessen wiederverwendetes Geschenkpapier von 2013 und billiges Schleifenband.
Um 0:40 ein komisch schnarrendes Geräusch aus Richtung Telefonbasis. Blinkender Router, dann Totalausfall. Mit leisem piep fordert das Telefon: "Bitte überprüfen sie die Verbindung."



24. Dezember, 14:30 Uhr
(nach 48 Minuten in der Warteschleife, leider keine Weihnachtslieder bei der Telekom).
..."Das kann jetzt aber so drei bis fünf Minuten dauern."
-"Hab Zeit."
"Ich lasse Sie in der Leitung, legen Sie bitte nicht auf."

Eine Weile ist es still. Am anderen Ende höre ich das Klackern von Tastaturen und gedämpfte Stimmen. Großraumbüro. Und dann seufzt er plötzlich. Ein ekelhafter Ton, von ganz tief unten und mit so viel Schwere belegt, dass mir selbst gleich ganz furchtbar elend zumute wird.
"Ja", sage ich. Und weil mir nichts anderes einfällt, ich ihm aber unbedingt zu verstehen geben will, dass mir sein Kummer nicht gleichgültig bleibt, gerade heute nicht: "Der Vater meines Kindes arbeitet in der Gastronomie. Ich weiß in etwa, wie das ist, an Heilig Abend zu arbeiten".
Der Telekom-Mitarbeiter in der Leitung macht ein sonderbares Geräusch, es klingt wie "Pfunäh" und ich kann es keiner Gefühlsregung zuordnen. Dann sagt er: "Ich bin Student". Soll mir das jetzt irgendetwas erklären? "Ich auch", sage ich schnell, weil mir wieder nichts anderes dazu einfällt.
"Oh", sagt er.

Und dann schweigen wir uns weiter an. Die Tastaturen klackern und die Trübseligkeit kriecht durch die Leitung in mein Ohr, den Rachen hinunter wie zähflüssiger Schleim bis in die Körpermitte. Da bleibt sie. Nistet sich ein. Unterdrücke ebenfalls einen Seufzer.
Eine gefühlte Ewigkeit vergeht, vielleicht hängt auch er seinen Gedanken nach oder arbeitet still einen anderen Fall ab. "Pling" macht es dann und seine Stimme, so monoton-tonlos-routiniert, bedauert sehr, auch hier sei nichts auffälliges in der Leitung gefunden worden.



25. Dezember, morgens.
Frühstückstisch meiner Eltern. Das Frühstück ist reichhaltig. Gibt sogar ein Ei. Will ich nicht. Bin unverständlich schlecht gelaunt und die Kerzen am Weihnachtsbaum machen es auch nicht besser. Überall Berge. Berge auf dem Frühstückstisch und Berge unter dem Weihnachtsbaum. Große Familie und große Geschenke. Alljährliche Überschüttung. Bin meiner Weihnachtsstimmung gänzlich beraubt und weiß nicht warum. Starre feindselig das Plätzchen auf meinem Teller an und wundere mich.

27. Dezember, 11:30 Uhr.
Wachsende Berge und immernoch keine Verbindung zur Außenwelt. Außer im WLAN meiner Eltern. Habe aber keine Zeit dafür. Ein Programmpunkt jagt den nächsten, hier Essen, da Geschenke auspacken und dann wollen wir auch gleich nach draußen... Das Kind ist ein summender Wespenpo, die Ohren haben wir schon irgendwo am Weihnachtsabend verloren, zwischen Kirche und Omas Wohnzimmer. Abends rechnet mir die Waage das vierte Stück Stollen an. Frustration.



Am 28. Dezember, 23:58 Uhr ist die Verbindung zur Außenwelt wieder hergestellt. Merke ich erst später. Sitze zu Hause allein unter dem Tannenbaum und da kommt sie, die Stimmung.
Na, besser spät als nie. Oder so.