Donnerstag, 31. März 2016

Zwischen Schokolade, Misanthropie und Verklärung - Ostern in Hinterkaffhausen, Part 1.


Ostern ist plötzlich da. Am Vorabend des Karfreitags. Im Fastenkalender ist es noch Montag. Das Kind und ich haben Osterhasen gebacken, mit Hefeteig und ohne Rosinen. Und Salzteig-Anhänger. Und ich habe Origami-Hasen gefaltet. Am Vorabend beginne ich, die ersten Nester zu füllen. Etwas unmotiviert stopfe ich Heu ins Papier. Jetzt schon? Ostern?

Am Karfreitag fährt das Kind bis zum darauffolgenden Tag zu seinen Großeltern väterlicherseits in die Stadt. Ich habe diese zwei Tage im Kalender angestrichen und bin erschrocken über die vielen Stunden Kinderlosigkeit. Planlosigkeit. Klammerinstinkt.
Die Zeit vor der vormittäglichen Abfahrt wollen dir draußen überbrücken. Ich habe noch gar nicht ganz das Vorgarten-Tor hinter dem Kind und mir geschlossen, als da die Nachbarn im Weg stehen. Breites Grinsen, diese Pseudo-Herzlichkeit, und mein Kind begrüßt seinen "Werkzeugonkel" mit Freudengeheul. Na schön. Dann eben keine gemeinsame Mutter-Kind-Zeit.
Auf den Gartenweg-Platten ist eine Spur aus Schokoladen-Eiern gelegt. "Der Osterhase war wohl hier...", zwinkert Frau Nachbarin mir verschwörerisch zu. An Karfreitag. Natürlich. Es sind diese Art Nachbarn, denen man schon anzusehen glaubt, dass sie die Traditionen und Werte des "christlichen Abendlandes" mit Tamtam zelebrieren und notfalls mit der Gewalt eines Grenzsoldaten gegen fremden Einfluss verteidigen würden. Und wenn man dann mal ein bisschen mit dem Fingernagel an der Oberfläche herumpult, ist da irgendwie... nichts. An Karfreitag Ostereier suchen? Das ist ein Trauertag. Ein Fastentag. Ihr Christen.

Und trotzdem mache ich mit bei diesem Spiel. Sogar sehr fröhlich. Sage mir, dass sie meine Verächtlichkeit über ihre vielleicht gar nicht so pseudo-herzliche Art, den Nachbarsjungen mit viel billiger Schokolade zu beglücken, gar nicht verdient haben und dass meine beständig wachsende partielle Misanthropie niemanden etwas angehe. Am wenigstens deren Opfer selbst.


Später fährt mein Sohn, mit einem 3 Liter-Gefrierbeutel voller Schokoeiern winkend, davon. Ich winke mit einem 30cm-Hohlkörper-Hasen und einer Rolle Smarties hinterher. Kann den Druck in meiner Brust kaum aushalten. Elender Klammerinstinkt.
Der Druck legt sich erst, als Mittags ein Couchsurfer mit wunderbarem französischen Akzent hier eintrifft. Wir falten Origami-Hasen und wandern ein Stück im Regen durch den Wald. Es ist wie einen alten Freund nach langer Zeit wieder zu sehen. Wir kochen, wir rauchen, wir singen die Songs einer unbekannten Straßenmusikerin, die wir beide mögen und lachen an den gleichen Stellen in einem französischen Film, den wir nachts noch schauen.
Offenes Herz. Fastenkalendermotto.

Rezept folgt!

Ostersamstag.
Über Facebook erreichen mich Videos meines Kindes: Im Indoor-Spielplatz. Beim Suchen. Mit Schokolade. Mit viel Schokolade. Mit Schokoladenmund. Ärgere mich darüber weniger als ich eigentlich sollte.
Ich bin ausgeschlafen und in sonderbar feierlicher Stimmung. Beim Frühstück mit dem Franzosen scheint ein bisschen die Sonne. Draußen und in mir drin auch.

Mareks Osterhasen. "Isch finde, es siehte aus wie petite Dragons", sagt der Couchsurfer.

Ostersonntag.
Es ist das erste Osterfrühstück, welches das Kind bewusst erlebt. Mit vom Osterhasen gedecktem Frühstückstisch, Osterkerze, ganz feierlicher Stimmung. "Was machen wir danach?", fragt Marek und erhofft sich einen Hinweis auf Osterhasen-Präsente. Ich verweise ihn auf den Gottesdienst und ernte ein "Warum?". "Wir feiern heute, dass Gott uns ganz doll lieb hat!", sage ich und fühle es in diesem Moment unaussprechlich intensiv. Diese Liebe schaut mir aus graublauen Kinderaugen mitten ins Herz. Mit bewegender Intensität und verwirrender Klarheit wird mir auf einmal, hier an meinem Küchentisch, bewusst, wie tief diese Liebe ist. Wie sehr sie mich trägt.
Ich bin so bis zum Rand gefüllt mit dankbarer Verklärung, dass das Kind ungestört auf den Küchenläufer pullern kann. Mist.

Kleinkind-Schafe bei Uroma. Von Osterlämmern kann wohl kaum mehr die Rede sein...

Nach dem Ostergottesdienst nehme ich meine Omi im Auto mit bis zu dem Gasthof, in den meine Großeltern jedes Jahr die halbe Familie zum Osteressen einladen. Auf dem Beifahrersitz rezitiert sie den Osterspaziergang. Nach "...Bildung und Streben" muss ich etwas unsanft bremsen. Vor mir überquert noch schnell eine Familie die Fahrbahn. Auf dem Sitz neben mir bleibt es still. In Gedanken fahre ich mit "alles will sie mit Farben beleben" fort, stattdessen kommt ein empörtes: "Wenn die erst mal hier Auto fahren dürfen, da habe ich aber Angst" - "Wer... die?", frage ich und suche die Verbindung mit Goethe. "Na die!", schnauzt meine Großmutter und nickt mit dem Kopf nach hinten. Ich verstehe nicht. "Die Ausländer!", wird sie deutlicher und ich suche erschrocken nach dem Grund für ihren plötzlichen Ausfall: "Die wer...?". Als spräche sie mit einem ihrer ehemaligen Grundschüler beugt sie sich über die Handbremse auf meine Seite und erklärt: "Na diese Leute. Gefährden den ganzen Verkehr mit ihrem Gerenne über die Straße. Haben doch gesehen, dass da ein Auto kam. Wenn die erst hier fahren dürfen... da graut es mir! Bei denen gibts doch keine Verkehrsregeln. Da fährt doch jeder, wie er will."
Achso. Die Familie. "Das waren Ausländer?", will ich wissen. "Ausländer" betone ich sarkastisch. Es entgeht ihr: "Hat man doch gesehen."
Sage nichts mehr dazu.

Schlecht gelaunt treffe ich am Gasthof ein. Die anderen sind schon da. Während das Kind mit dem Großvater puzzelt, werfe ich einen Blick in die Speisekarte. Hätte ich mir auch sparen können. Same procedure as every year. Der Hinterland-Gasthof hat im Jahr 2016 immer noch nicht die Zeichen der Zeit erkannt und zeigt sich selbst mit einem einzigen vegetarischen Gericht überfordert. Es gibt nichts. Nichts. Selbst im Salat sind Schinkenstreifen. Waren die da im letzten Jahr auch schon drin?
Als die mürrische ältere Bedienung an den Tisch tritt, spüre ich von dankbarer Verklärung und feierlich-fröhlicher Osterstimmung nur noch ein sanftes Kribbeln im Bauch. Könnte auch Hunger sein. Misanthropie, back again. "Können sie mir etwas vegetarisches anbieten?", frage ich und mühe mich um einen netten Tonfall. Die Kühle ist trotzdem nicht zu überhören. Meine Mutter blickt streng über den Tisch. Die Kellnerin überlegt. Lange. Zu lange. "Mh, nein. Tut mir Leid."
Betroffen schaut meine Familie auf die Tischdecke. Ich schiebe den Stuhl zurück und bin im Begriff aufzustehen. "2016!", knurre ich leise. Kann es mir nicht verkneifen. "Naja", sagt sie schnell und nestelt an ihrem Vorbinder herum, "Sie können ja auch den Schinken aus dem Salat nehmen...".
Ernsthaft?

Mein Vater blättert in der Karte herum: "Das Bauernfrühstück... Machen sie das auch ohne Fleisch?"
Machen sie. Widerwillig. Zum vollen Preis versteht sich und nicht ohne beim Servieren noch einmal darauf hinzuweisen, dass es mit Fleischbeilage natürlich viel besser schmecken würde.
Das Kind futtert munter seine Pommes. Mit Ketchup. Im Plastiktütchen.
Kopfschmerzen. Ist vielleicht nur an mir etwas falsch?


Fortsetzung folgt.

Dienstag, 29. März 2016

Kochen mit dem Saisonkalender, Acht.

Noch ganz schnell ein März-Essen, bevor der uns schon wieder verlässt. Gefunden auf meiner Kamera, als die Familie an Ostern geschlossen um den kleinen Vorschau-Bildschirm hockte und sich Harz-Urlaub-Fotos präsentieren lies. Auf drei Zoll. Nunja.

Also, dass Essen.
Eine Gemüsesuppe, die mal ein Eintopf werden sollte.

You will need:

Sellerie, Möhren, Kohlrabi, Kartoffeln, Frühlingszwiebeln und eine halbe echte, Tofu, ungesüßte vegane Sahne, Lorbeerblätter, ein trauriger geretteter Topf Supermarkt-Kerbel. Außerdem noch Wasser zum kochen, einen Pürierstab und Salz, Pfeffer und ein paar Kräuter.
 Eigentlich ist das hier irgendwie ein Grundrezept. Für Gemüsebrühe, für Eintopf, für Suppe. Und deshalb auch gar nicht schwer.

Zunächst alles schälen, was sich schälen lässt. Möhren, Kohlrabi und Kartoffeln. Und die Zwiebel. Dann den Sellerie und (Frühlings)zwiebel(n) klein schneiden und in einem großen Topf anbraten. Möhren und Kohlrabi dazu. Und Salz und Pfeffer. Wenn das ganze ein wenig gebraten und geschwitzt hat, mit reichlich Wasser aufgießen und die Kartoffeln in Stückchen reinwerfen, die Lorbeerblätter auch. Aber im ganzen. Kochen. Mit Salz und Pfeffer nachwürzen. Es können auch Bohnenkraut, Muskat, Schnittlauch, Wildkräutermischungen, Bärlauch, ... da rein. Eben das, was schmeckt.



Und weil die Kartoffeln irgendwie doch zu lange gekocht haben, wird der geplante Eintopf zur Suppe püriert. Why not. Zum Schluss kommen da Sahne und Kerbel dazu und der in kleine Würfel gewürfelte Tofu. Den vielleicht vorher noch einmal kurz anbraten. Dann wird er schön knusprig.
Done!

Als ich gerade die Sahne in die Suppe gieße, klingelt das Telefon. Wir werden zur Familienkirche am Abend eingeladen. Gegessen soll nachher gemeinsam, sagt die Pastorin am anderen Ende und dass sie sich kümmern würde. Um ein bisschen Brot und Würstchen, damit wenigstens die Kinder satt werden. Würstchen. Mh. Ich schaue mir den Topf auf dem Herd an und gieße spontan noch mehr Wasser auf. Und würze kräftig nach. Und schneide den restlichen Tofu noch klein. Getreu dem Uroma-Motto "Fünf sind geladen, zehn sind gekommen. Gieß Wasser zur Suppe, heiß alle willkommen". Stelle Abends dann den großen Topf überraschend im Pfarrhaus auf den Herd. Große Freude!


Meine Idee teilten übrigens die restlichen geladene Gemeindemitglieder. So sitzen wir nach dem Gottesdienst gemeinsam im Gemeindesaal und die zusammengeschobene Tafel biegt sich unter Obsttellern, Salat, Suppe, Würstchen und veganen Klößchen, Gemüse und Dips, Kuchen und Keksen.  Die Pastorin verteilt etwas gerührt Würstchen auf Kinderteller. Wir anderen grinsen stillschweigend über die Tische.

Samstag, 26. März 2016

Schnellgeschenk, die Zweite.

Morgen ist Ostern.
In der Kiste unter dem Bett lagern die Präsente für alle Omas, Großväter und Tanten. Salzteiganhänger und Bio-Täfelchen von Zotter. Draußen auf dem Fensterbrett stehen Grünpflanzen-Ableger in Eierschalen. Äußerst dekorativ - und loswerden wollte ich die außerdem.

Was fehlt... ist die Verpackung. Ein paar Osternester müssen her. Und zwar schnell!


Das einzige, was frau dafür braucht, ist Papier - am besten Recycling-Papier oder Zeitungspapier (dann aber doppelt, wegen der Stabilität). Je nach Größe des potentiellen Inhalts eignet sich ein aus einem A4-Blatt zugeschnittenes Quadrat (kleinerer Süßkram oder gekochtes Ei), besser aber eins aus A3 oder einer Zeitungsseite.

Kollege ist aus einem A3-Quadrat gefaltet.

Die Anleitung zum falten gibt es dann hier. Sie ist auch für Origami-Dummies wie mich absolut verständlich. Wirklich. Und spätestens nach dem dritten Hasen schafft man es ganz ohne.


Meinetwegen kann's nun losgehen.

Donnerstag, 24. März 2016

Schnellgeschenk.



Bis auf ein paar Schokoladentafeln im Bioladen hatte ich mich bisher nicht weiter um Oster-Präsente für die liebe Familie gekümmert. Vergessen. Und mit einem Mal macht die Zeit drei große Hüpfer und am Ende der Woche kann ich Ostern schon winken sehen. So ein Mist.

Schnell ein bisschen braingestormed und die Schieber durchwühlt. Im letzten Jahr hat das Kind kurz vor knapp seine ersten ausgeblasenen Eier bemalt. In diesem Jahr haben wir keine mehr im Kühlschrank. Scheidet also aus. Handabdruck und Kinderkunst hatten wir zu Weihnachten, für irgendwelche Kinder-Scherenschnitte reicht das Buntpapier nicht mehr. 

Salzteig. 
Achja. 
Salzteig geht immer. Und ist so wunderbarwunderbar einfach: Zwei Teile Mehl, ein Teil Salz und so viel Wasser, wie für einen Knetteig nötig ist. Einfach zusammenmatschen.


Für die Anhänger haben wir unterschiedliche Becher als Ausstecher benutzt. Die Aufhäng-Löcher lassen sich am günstigen mit einem Trinkhalm ausstanzen.


Die fertigen Formen müssen im Backofen ungefähr 40 Minuten backen. Mittlere Hitze, Umluft.




Ausgekühlt werden sie von Kind und Mama mit Fingerfarben verziert. Mama pinselt abends noch eine Schicht Klarlack drüber - für die Haltbarkeit. Und außerdem glänzt das dann so schön.
Schnur durch die Öse und verschenkt.



Dienstag, 22. März 2016

Gesunde Ernährung in der Trotzphase...

Irgendwann, vor ein paar Wochen, war der "Welttag der gesunden Ernährung". Achja, richtig, am 7. März. Klingt das gut! Den habe ich gefeiert, diesen Welttag. Und mit was feiert man ein so herausragendes Datum? Mit Sahne-Torte natürlich. Und Kaffee. Ist ja wohl klar.


Und weil Kaffee zu Sahnetorte gehört wie mörderische Schreianfälle zur Kinder-Trotzphase (da stecken wir nämlich gerade mitten drin), habe ich ihn einfach in die Torte gepackt. Zwei-in-Eins. Effiziente Platzausnutzung. Oder so.
Rezept höchstselbst von mir zusammenkreiert. Vegan. Ungesund. Watteweich fluffig, cremig und zart schmelzend. Und damit absolut lecker.

Gebraucht wird:
...Für den Boden und die Streusel:
  •  500 g Mehl
  • 100 g Zucker
  • 1 Pck. Backpulver
  • 1 Pck. Vanillezucker
  • 350 ml Wasser
  • 200 ml Pflanzenmilch
  • 150 ml Pflanzenöl
  • viel Backkakao
...für die Füllung:
  • 1 Tasse starken Kaffee (ca. 200 ml)
  • Hafermilch (300 ml, damit für den Pudding ein halber Liter Flüssigkeit vorhanden ist)
  • 1 Pck. Vanille-Puddingpulver
  • 400 ml Schlag fix - Sojasahne - gesüßt
  • 1,5 Pck. Sahnesteif

Alle Zutaten für den Teig zusammenrühren und in eine 26 cm -Springform geben. So lange backen, bis an einem Streichholz, alternativ Zahnstocher, kein Teig mehr hängen bleibt.
Auskühlen lassen.

Später den Boden aushöhlen. Genau, wie bei der Maulwurfstorte. In der Mitte mit einem Löffel Teig herausbaggern (Oh, hallo Mama), sodass nur ein flacher Boden und am Rand ein Rand (höhö) stehen bleiben. Die Krümel in einer Schüssel zur Seite stellen. Das sind die Streusel.
Dabei oder danach wird der Pudding gekocht. Nach Anleitung auf diesen fertigen Puddingpulver-Päckchen. Ach, eigentlich wollte ich auch mal weg von denen. Nunja. Pudding. Der Unterschied zur Anleitung besteht darin, dass unsere Milch zur Hälfte aus Kaffee besteht. Ist ja viel besser.
Übrigens - wer keine Kaffeemaschine besitzt oder sie wie ich wegen einer Tasse schon aus ökologischer Sicht nicht anschmeißen möchte: Einfach Instant-Krümelkaffee in die erwärmte Milch einrühren. Schmeckt genauso. Weiß ja keiner.


Den Pudding in das ausgehöhlte Kuchen-Loch gießen und im Kühlschrank fest und kalt werden lassen. Dann die vegane Sahne mit Sahnesteif aufschlagen. Auf dem Pudding verteilen. Und zum Schluss noch die Krümelstreusel drüberstreuseln. Was übrig bleibt, darf gegessen werden. Vom Kind. Oder von einem hilfsbereiten Couchsurfer, der zufällig an der Entstehung beteiligt war. Falls du das liest - ich danke dir für deine motivierenden Worte während einem der täglichen Sohn-Wutanfälle. Danke.

Zur Torte gab es dann übrigens Hafertee. Doch noch gesund, am "Welttag der gesunden Ernährung". Volkskundlich soll der nämlich Erschöpfungszuständen, Schlaflosigkeit und Nervenschwäche entgegen wirken. Genau das, was Mamas in der Trotzphase ihrer Kinder brauchen: Schokoladenkuchen, Kaffee, vielviel Süßes... und Hafertee. Ultrastarke Kombi. Meine Empfehlung!





Mehr zum Thema:http://www.gesundheit.de/lexika/heilpflanzen-lexikon/hafer-anwendung


Montag, 21. März 2016

Und überall Menschen.

(Ein Blick in's Notizbuch. Entstanden im letzten Jahr auf der Leipziger Buchmesse, in diesem Jahr immer noch oder schon wieder aktuell.)


Es ist laut und stickig.
Überall Menschen. Ein schubsen, drängen, ein sich-aneinander-vorbei-schieben, ein rempeln, ein "Entschuldigung", ein stolpern - im Strom, gegen den Strom. Worte prasseln auf mich ein wie Graupelschauer, flattern in mein Ohr und verheddern sich im Kopf. Print on demand, Vorleistung, Publishing,  Marge. Ich höre schon gar nicht mehr hin, lächle automatisiert, mein Kopf ein Gewusel. "Agenturen wollen doch auch nur ihr Geld", flüstert der Verleger vertraulich, ich schwimme im Strom drei Stände weiter und höre: "Agentur! Ganz klar - mach´s über eine Agentur!". Höre dies, höre das. Bin ein Flipper-Automat und flippere zwischen den Ständen, dingdingding, der nächste, der nächste, der nächste.

Und überall Menschen. Stinkende, schwitzende Körper, Individuen ohne Identität, nur Leiber, die in subtiler Perversion aneinander drängen, die gehen oder im Weg stehen. Höre nicht mehr hin. Großes Rauschen. Hinter meinen Augen drückt der Wörterknäuel, es schmerzt. Sehe, wie sich Lippen bewegen, spröde, trockene Lippen, höre ihre Worte nicht, will sie nicht hören. Merke, wie alles in mir zusammen und nach draußen strebt, habe Mühe mich zusammen zu halten, nicht zu bersten, die Flut an Wörtern und Informationen, den Knäuel Undurchdringlichkeit in mir zu behalten, auch wenn er immer gigantischere Dimensionen annimmt. Meine Augen springen zwischen Klappentexten, Proben, ersten Sätzen hin und her wie ein kaputter Plattenspieler-Tonarm. Ich kann nicht mehr differenzieren, nichts ist herausragend, nichts ist schlecht, alles ist gut, nichts berührt mich. Mit nichts lohnt es , sich zu messen.

Und überall Menschen.
Ich treibe, ich verliere die Orientierung, verliere mein Zeitgefühl. Weiß nicht mehr, was meine Ziele waren, nicht mehr, was ich will. Ich reagiere automatisiert, spiele meine eigene Demo-Version ab. Meine Augen können nichts ganz fassen, nichts für länger als den Bruchteil eines Augenblicks festhalten, nichts ganz scharf stellen. Weitwinkel. Und dann willkürlich gezoomt, ein Gesicht. Ein Gesicht unter Gesichter, kein schönes, kein hässliches. Alles Menschen. Überall Menschen. Denke nicht mehr, reflektiere nicht mehr. Sehe eine triefende Nase und sehe sie nicht. Sehe Schuppen im Haar des Verlegers, höre seine Worte nicht. Sehe nur. Sehe bunt. Sehen schmerzt.

In den Ohren das große Menschenrauschen. Es erfüllt mich und jeden Winkel meines Körpers, es zittert in meinen Händen, pocht in meinen Schläfen. Strom der Körper, der kein Ende nehmen will, ich treibe. Wörter trommeln auf meinen Kopf, sie prasseln, sie hageln. Die Menschen. Ihre Farben explodieren und verlaufen, ich will nichts mehr hören und weiß alles. Weiß nichts.

Und da...

wünsche ich mir, alle Stände würden mit einem Mal fallen. Flach, auf den Boden. Wie ein großes Kartenhaus würden alle Regale und Pappwände in sich zusammenklappen und den Hallenboden bedecken wie ein großes Mosaik. Nur ich. Alle Menschen würden verschwunden sein. Allein. Ich. Würde in der Mitte stehen und mit meinem Blick die andere Seite der Halle erreichen. Könnte... sehen. Helligkeit. Ruhige, regelmäßige Stahlträger. Gerade Linien. Bewegungslos. Stillstand.
Und es würde still sein. Keine Töne, nicht einer. Kein Rauschen. Nur ich. Allein.

Samstag, 19. März 2016

Desperate Housewife 2.0, Freizeitstress, nasse Hosen und schlaflos in Hinterkaffhausen - eine vorzeitige Semesterferien-Bilanz.

Nur noch 15 Tage. Das sind 2,14286 Wochen. 360 Stunden. 21.600 Minuten. 1,296 mal 10 hoch 6 Sekunden. Dann ist es vorbei.
Diese Strukturlosigkeit! Dieses Dahinsiechen! Dieses outrierte Geputze! Dieses Dem-Kind-auf-die-Nerven-gehen, dieses Herumsitzen, dieses To-Do-Liste-anstarren-und-dann-doch-wieder-den-Kopf-übers-Tablet. Dieses seit 1,38082 Monaten andauernde schwarze Loch.
Das sind 42 Tage. 6 Wochen. 1008 Stunden. 60480 Minuten und 3,629 mal 10 hoch 6 Sekunden.

Semesterferien. Seit 6 Wochen andauernde Freizeit, schönes Leben, unbeschwerte Gedanken.
Das war gelogen. Unbeschwerte Gedanken haben in meinem Kopf nicht immer Platz. Da war dieser unsägliche Praktikumsbericht. Tagelang vor dem Computerbildschirm, viele Kalorien und viereckige Augen. Dann das Ding in den Fakultäts-Briefkasten geworfen, umgedreht und auf der Rückfahrt im Zug in der Zeitung meines Sitznachbarn mitgelesen. Schwere Gedanken. Hinterkaffhausen kann wie eine Blase sein, deren Membran Informationen nur semipermeabel nach außen lässt. Nach hier drinnen dringt nichts von Bedeutung, solange es im Auto kein Radio gibt*. Das Internet ausschließlich kommunikativ und zur Unterhaltung genutzt. Die Stereoanlage spielt "Mama Muh braucht ein Pflaster". Nachrichten müssen leider draußen bleiben. Mit Besuchern rede ich über Essen, das Wetter und Musik.

Und trotzdem ist es nicht ruhig. Gar nicht. Mit verbissener Akribie habe ich die Zeilen im Kalender ausgefüllt, Tag für Tag für Tag. Geplant und verplant. Pläne geschmiedet und Listen geschrieben. Ein weißes Blatt Papier mit Kästchen gefüllt, um diese Kästchen Stück für Stück ausmalen zu können. Nur keine lange Weile.
"Wir müssen uns auch mal wieder treffen. Jetzt, wo Ferien sind", schreibst du in mein Facebook-Postfach und ich vergebe Termine. Einen nach dem anderen. Irgendwas treibt mich an. Möchte so viel wie möglich in dieser freien Zeit schaffen. Als gäbe es nur noch diese 8,14286 Wochen, in denen ich alte Bekannte, zurückgekehrte beste Freunde und neue Menschen treffen, die Fenster putzen, Kindersachen nähen und in den Urlaub fahren kann. Adventure! Rund um die Uhr, tickticktick, bis zum apokalyptischen Semesterbeginn.

Sehe auf einmal wieder die Krümel unter dem Tisch, die während des Semesters unsichtbar geworden waren und fege und wische und stehe vor dem Spiegel und kneife in meine Babybauch-Überreste. Dann backe ich Kuchen. Nachmittags hole ich das Kind aus dem Kindergarten ab und wundere mich am Abend, wo der Tag geblieben ist. Oh, wenn ich doch wenigstens schlafen könnte! Kann ich nicht. Bis weit nach 1 Uhr liege ich auf dem Teppich, turne halbherzig ein paar Yoga-Übungen für das gute Gewissen. Lege ich mich tagsüber hin, ziehen unsichtbare Nylonschnüre an meinen Wimpern. In die falsche Richtung. Nachts klaut mir das Kind die Decke (Co-Sleeping, du Nerventod!) und mein Tag-Nacht-Rhythmus läuft völlig verquer. Bin wach. So richtig.

Außer im Elternabend. Da rutsche ich unauffällig auf dem viel zu kleinen Stuhl immer tiefer. Frühlingsfest. Sommerfest. Wer kann denn die Bratwürste...? Nein. Bis da der Name meines Kindes fällt. Was hat er denn...? Aufsetzen. Auf dem Stuhl und eine aufmerksam-interessierte Miene. Drei Jahre alt wird er im Sommer. Und tritt damit feierlich in den Kreis der großen Kindergartenkinder ein. Richtig? Ich nicke ganz ehrfurchtsvoll. Die Erzieherin beugt sich über ihre Papiere zurück, zögert, sieht mich an. In einem bemüht fröhlichen Wir-sind-doch-alle-beste-Freunde-und-reden-hier-mal-unter-uns-Ton lächelt sie ein "Bis dahin habt ihr das doch dann sicher auch mit der Windel geschafft, ja?" und, als hätte dieser dezente Wink an mich nicht gereicht, fügt sie erklärend in die Eltern-Runde hinzu: "Der Marek, der hat nämlich immer noch die Windel!". Reaktionen: Wie dieser neue hässliche "Wow"-Smiley bei Facebook. Nur negativ. Ich ringe den Impuls in mir zu Boden, mich dafür zu rechtfertigen.

Mission Windelfrei Zweipunktnull ist bei uns auch schon längst angelaufen. Und läuft - Wortwitz, ahahaha - gar nicht so schlecht. Die Waschmaschine aber auch nicht...
Noch 15 Tage. Das sind 2,14286 Wochen. 360 Stunden. 21.600 Minuten. 1,296 mal 10 hoch 6 Sekunden. Bis zur Apokalypse für alle bis dahin verbliebenen Windeln.
Wenn das nur nicht in die Hose geht...

Erziehung zur Selbstständigkeit. Attraktiver Klo-Platz für Zweieinhalb-Jährige inklusive eigenem Klopapier.
 Kommt gut an!

Hat vielleicht noch einer einen Masterplan-Tipp für mich? Bitte?
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* Seit kurzem gibt es eins. Fleißigen O-Papas sei hiermit gedankt. Clio-Upgrade. Nie wieder Stille auf längeren Autofahrten. Fast täglich grüßt "Mama Muh". Muuuh.

Donnerstag, 17. März 2016

Und tschüss.



Mein Sohn setzt sich morgens im Bett auf. Draußen vor dem Fenster... ist es wieder weiß. Mitte März. Ich sehe es nicht, liege mit dem Gesicht nach unten im Kopfkissen. War wieder spät gestern Abend, auf der Couch. "Mama!", zupft es an meinem rechten Ohr, "Mama! Ich glaub mich trifft der Flügelschlag!" - "Mh?" - "Es hat geschneit!"
("Ich glaub mich trifft der Flügelschlag!", sagt die Krähe. Im Kuhstall. Bei Mama Muh. Töpfchenlektüre Nummer Eins. Wir lesen, pardon, Mama liest dieses Buch mehrmals täglich vor und das Kind beginnt, einige Ausdrücke darin zu übernehmen. Der nicht vorhandene tierethische Anspruch bei Mama Muh interessiert uns jetzt einfach mal nicht).

Über den hässlichen Matsch auf den Ostereiern an der Tanne kann sich wohl nur das Kind freuen. Ich bin... "Mama?" - "Mh?" - "Bist du soooo stinkig?" - "Mh." - "Waruuhum?"

Aaach. Und dabei hatte ich mich doch schon so sehr auf den Frühling gefreut. Am Nachmittag, da hat sich der kurze weiße Zwischenfall schon verflüchtig, beschließen wir, ein bisschen nachzuhelfen.
Da sind noch die Schneespray-Sterne am Badezimmer-Fenster. Na sowas. Kein Wunder, dass es da Wetterverirrungen geben muss.

Spülbürste aus der Kinderküche geklaut. Seifenwasser. Trockenes Tuch. Fingerfarbe. Farb-Hände. Pinsel...


Und tadaaaa... Frühling. Na bitte. Kannste jetzt echt einpacken, Winter.



Dienstag, 15. März 2016

Kochen mit dem Saisonkalender, Sieben.



In letzter Zeit hänge ich wieder vermehrt abends über dem Tablet. Gönn dir. Bis weit nach null Uhr. Damit dann morgens im Kindergarten wieder mitleidig bemerkt wird: "Du siehst aber auch nicht gut aus. Wirst doch hoffentlich nicht krank?" Nein. War spät. Jedenfalls. Scrolle ich so herum, durch hippe Mütter-Blogs, Pinterest, hippe Mütter-Blogs, Yoga-Channel, Facebook-Gruppen, hippe Mütter-Blogs, ... . Hundert Inspirationseindrücke kulminieren in diesem Mittagessen.
Es ist alles: vegan, regional, saisonal, gesund und lecker, Babybrei, low fat, vollwertig, optisch (noch) ansprechend(er, hätte frau Tageslichtlampen, eine bessere Kamera und anderes teures Profi-Blogger-Equipment. Eine hellere Wohnung würde aber auch schon reichen). Also:

Möhren-Pastinaken-Püree mit Hafer-Lauch-Bratlingen und Feldsalat.
Mmmh.

Außerdem ist es einfach. Wirklich einfach. Und wenn man, wie wir, das gängigste Gemüse der jeweiligen Saison sowieso im Haus (oder in Omas Garten) hat, muss man noch nicht einmal einkaufen fahren.

Das Püree:
Möhren und Pastinaken schälen, schnibbeln und weich kochen. Kochwasser mit Hafermilch ersetzen und Pürierstab hineinhalten. Et voilá. Die Pastinake hat von sich aus einen sehr kräftigen, süßlichen Eigengeschmack, der mit Möhren in Kombination richtig lecker ist. Viel salzen und pfeffern muss man also nicht.

Die Bratlinge:
Auch ganz schnell. Feine und grobe Haferflocken zu gleichen Teilen in eine Schüssel geben, mit heißem Wasser begießen und ein wenig aufquellen lassen, sodass daraus ein fester Brei entsteht. Den Lauch in dünne Ringe schneiden. Das Möhrenkraut waschen und hacken. Beides unter den Brei heben. Mit Salz, Pfeffer und Muskat (ja!) würzen. Mit dem Löffel Häufchen in eine Bratpfanne setzen und breit drücken. Ab und zu wenden. Wenig Öl benutzen. Wegen dem low fat.

Das Grünzeug:
Waschen. Teller.
Wer mag, darf den Salat natürlich auch mit Zitronensaft anrichten. Oder mit Balsamico. Oder so.



Samstag, 12. März 2016

Mamajeans goes Kinderhose.

Jeder hat diese Zeit(en) im Leben, an die man sich später nur ungern erinnern möchte. In meiner Zeit trug ich rot karierte Hosen, den Nietengürtel unter dem Hintern und einen Zentimeter Kajal unter den Augen. Äh. Lange her.

Die Hose gibt es noch, der Gürtel ist schon lange irgendwo verschollen. Ich betrachte das fast ungetragene Stück im Schrank mit einer Mischung aus Faszination und Grusel. Dann überkommt mich die Motivation. Upcycling! Yeah!

Schritt eins:

In den gängigen Drogeriemärkten gibt es diese simplicol-Textilfarben. Es ist so einfach und wunderbar, dass ich davon nicht genug bekommen kann. Kaufe im 2nd-Hand-Laden meines Vertrauens manchmal schon Dinge in der falschen Farbe. Kann man ja färben...

Die rote Hose habe ich doppelt mit dunkelgrün gefärbt (wegen der Deckkraft. Dieses Rot war einfach zu fies) und zusätzlich mit Farbfixierer fixiert. Essig geht ansonsten aber auch.

Schritt zwei:
Hosenbeine an der Innennaht aufschneiden. Schnittmuster in Größe 98 auflegen. Zuschneiden. Zusammennähen. Bündchen dran. Die entstammen übrigens auch einem alten Jersey-Shirt von Oma.
Die Grenzen dieses Upcycling-Projekts liegen auf der Hand: Mamas Konfektionsgröße 34 (XS) reichte mit ziehen und zerren für das Kind in Größe 98. Für größere Kinder wäre dann wohl eine Mama-M oder 'ne Papahose notwendig... 

Schritt drei:
Kind zum probieren überreden und nebenbei ein gutes Foto machen. Gescheitert. Nunja: #stopfotoshaming...


Donnerstag, 10. März 2016

Essen retten! Ein Plädoyer für mehr Liebe im Supermarkt.



Ständig erzählen einem die Leute, sie würden es hassen, Essen wegwerfen zu müssen. Immer alles aufbrauchen, den Teller abkratzen, im Restaurant auch noch den Anstands-Bissen aufessen. Nahrungsmittel wegwerfen? Frevel!
Und dann stehe ich im Supermarkt in der Obst- und Gemüseabteilung, vor mir wühlt man sich durch die Körbe. Man sucht die schönsten, die makellosesten Weintrauben. Wenn schon alles gleich kostet, muss man sich doch das Beste nehmen, was im Korb zu finden ist. Optimales Preis-Leistungsverhältnis erreichen.

Und das unschöne Obst?

Diese eigenartige Halbmoral befällt mich selbst ab und zu und stinkt zum Himmel: Warum einen kaputten Joghurtbecher mitnehmen und damit das ganze Auto einsauen? Warum zerdrücktes Obst kaufen? Soll es doch... weggeschmissen werden?

Ich wünsche mir, die Menschen würden das Essen mit mehr Liebe betrachten. Mit genauso viel Liebe, wie sie Sprüchefotos auf Facebook posten, die alle die gleiche "Du bist nicht perfekt, aber genau richtig!"-Aussage transportieren und einen wieder und wieder daran erinnern, dass niemand bildhübsch sein muss, außerordentlich talentiert, trainiert oder versiert. Es gibt die Body-Positive-Bewegung, einen #stopbodyshaming -Hashtag... Aber im Supermarkt greifen wir trotzdem zu den schönen Äpfeln ohne Druckstellen. Ich fotografiere das schönste, gelungenste Stück Torte. Warum eigentlich?

Mehr Mut zu Makeln! Die fleckigen Äpfel sind das Geld nicht weniger wert als ihre schöneren Kollegen. Eignen sich zum Beispiel hervorragend für Apfelmuß.


Apfelmuß ist dankbar und köstlich. Apfelmuß geht furchtbar schnell und ist (zumindest bei uns) furchtbar schnell alle. Und furchtbar gesund (zumindest gesünder als Pudding) ist er auch noch.

Dafür einfach nur die Äpfel ein wenig klein schneiden. Und in einen Topf schmeißen. Mit allem: Schale, Kernen, Stiel, Blüte, Druckstellen. Vielleicht nicht mit argen fauligen Stellen. Aber kleine braune Punkte stören auch nicht. Echt. Wasser aufgießen und die Äpfel weich kochen.

Das sieht makellos aus. Ich weiß. War nicht beabsichtigt.
Eine großes Sieb über eine große tiefe Schüssel oder einen zweiten Topf hängen. Die weichen Äpfel und das restliche Wasser (sollte mehr als die Hälfte der ursprünglichen Menge Wasser noch im Topf sein, vorher etwas abgießen, damit der Muß keine Suppe wird) ins Sieb geben.
Und dann mit einem Quirl durchrühren. Das enspannt. Immer im Kreis, mit Kraft. Bis zum Schluss nur noch ein kleines Häufchen relativ trockener Schalenmatsch im Sieb klebt. Der kann jetzt weg. Der schmeckt auch nicht.


Wer will, kann den Muß auch nochmal erhitzen und in Schraubgläser füllen. Eingekocht, für schlechte Zeiten oder zum verschenken.

Dienstag, 8. März 2016

Wellen.

Er sitzt mit Kapuze auf meiner Couch. Mit Kapuze! Das Kind schläft, es ist spät und ich frage, ob man mit Schallwellen dann auch Essen erwärmen kann. Ja, kann man? Er redet eine Weile über die Eigenschaften von Wellen. Über Frequenzen. Es ist fast Mitternacht, ich schaukele auf den Kissen auf dem Boden vor und zurück. Vor und zurück.

Wellenlänge. Er malt Kurven in die Luft. Berge und Täler. Bögen. Krumme Linien. Mit der Kapuze auf dem Kopf und einer seltsam müden Hektik. Ich bin auch müde, wir gähnen uns unverschämt an, aber da sind zu viele offene Fragen, auf denen man nicht schlafen kann. Reflexion. Prallen die Wellen nicht ab, am Brot?

Energie. Mit fahriger Geste streift er sich die Kapuze vom Kopf. Liegt jetzt auf meiner Couch und gestikuliert zur Decke. Das Fragenkarussell dreht und dreht sich durch meine Hirnwindungen und jetzt, kurz vor Mitternacht beginne ich zum ersten Mal, die Gesetze der Physik zu begreifen. Ich bin müde, ich schaukele auf den Kissen vor und zurück und vor mir erstreckt sich ein Teppich nie verstandener physikalischer Grundgesetze. Klar und eindeutig. Muss nur loslaufen, muss ihn nur beschreiten. Aber... zu müde.

Kakao erwärmen. Mit Drum'n'Bass? Abdriften. Wird paradox und unwirklich, die Ideen tropfen nur so aus mir heraus. Er hat es aufgegeben, der Fantasie mit Formeln begegnen zu wollen und lässt sich anstecken. Wir tropfen. Wir tropfen eine Ideen-Pfütze, einen ganzen See auf den Wohnzimmerteppich. Schon nach null Uhr. Morgen früh wird er getrocknet sein, der See. Und nichts mehr übrig. Trotzdem tropfen wir, unermüdlich. Nicht mehr Physik, das Leben.

Da ist ein Graben, sagt er. Die Welt ist nur dein Bild von dir Selbst. Affekte sind in Wahrheit nur der Trennungsschmerz zwischen realer Körperlichkeit und geistiger Transzendenz. Wir haben uns in Rage geredet, mit kleinen Augen und er ohne Kapuze auf meiner Couch.
Das alles hier, sagt er und breitet seine Arme aus gegen die Sofalehne, ist doch gar nicht wirklich da: Wir machen uns das nur.

Und dann weint das Kind im Nebenraum. Fast eins.

Couchsurfing. Always an experience.

Montag, 7. März 2016

Immernoch kalt.

Hallo Frühling,
es ist März. Du darfst jetzt. Aber wenn du, wie wir, keine Lust auf Osterhasenkitsch mit viel Goldfolie hast, ist das auch okay. Wir haben dafür ja tolle neue Handschuhe!

Liebe Grüße von Kind und Mama

Foxes. Made by Omi, Design: Mama. Ganz schön cool.






Mittwoch, 2. März 2016

Lied des Tages.



Gisbert zu Knyphausen - Immer muss ich alles sollen

Wie immer und irgendwann habe ich zufällig wunderbare Musik entdeckt.
Eine Kinderlieder-CD, die eigentlich gar keine ist.
Kinderlieder, made by einigen meiner Lieblings-Singer/Songwriter!
Wie großartig!

Ich feier diesen Song über alle Maßen, auch wenn mein Kind
ihn (glücklicherweise, wahrscheinlich) noch nicht in seinem
Inhalt vollständig erfassen kann.

Eigentlich feier ich dieses ganze Album, weil es so anders ist.
Weil auch große Kinder und ganz Große die Songs
immer und immer und immer und immer wieder mitsingen,
Dauer-Repeat im Auto und seit Tagen einen Ohrwurm.
Weil es mir nicht nach drei Titeln auf die Nerven geht.

Darum schenke ich dieses Glanzstück meinem Cousin zum achten Geburtstag.
Und kann es mit gutem Gewissen und allerwärmstens
als Geschenk für alle zwischen 2 und... naja, vielleicht 11 empfehlen.
Und für deren Eltern. Un. be. dingt.

Übrigens kann man hier mal reinhören.