Freitag, 1. Januar 2016

Outback, Berge und unfröhliche Hektik - Weihnachten in Hinterkaffhausen.

23. Dezember, 23:50 Uhr.
Auf den Knien auf dem Teppich im Wohnzimmer. Vornübergebeugt die letzten Geschenke einpackend. Wie jedes Jahr so knapp vor dem Tag der Tage, jedes Jahr die gleiche flirrende Hektik und kein Raum für liebevolle Details, jedes Jahr so müde, so müde! Keine Zeit für die 50 Pinterest-Ideen, die frau garantiert in diesem Jahr... Stattdessen wiederverwendetes Geschenkpapier von 2013 und billiges Schleifenband.
Um 0:40 ein komisch schnarrendes Geräusch aus Richtung Telefonbasis. Blinkender Router, dann Totalausfall. Mit leisem piep fordert das Telefon: "Bitte überprüfen sie die Verbindung."



24. Dezember, 14:30 Uhr
(nach 48 Minuten in der Warteschleife, leider keine Weihnachtslieder bei der Telekom).
..."Das kann jetzt aber so drei bis fünf Minuten dauern."
-"Hab Zeit."
"Ich lasse Sie in der Leitung, legen Sie bitte nicht auf."

Eine Weile ist es still. Am anderen Ende höre ich das Klackern von Tastaturen und gedämpfte Stimmen. Großraumbüro. Und dann seufzt er plötzlich. Ein ekelhafter Ton, von ganz tief unten und mit so viel Schwere belegt, dass mir selbst gleich ganz furchtbar elend zumute wird.
"Ja", sage ich. Und weil mir nichts anderes einfällt, ich ihm aber unbedingt zu verstehen geben will, dass mir sein Kummer nicht gleichgültig bleibt, gerade heute nicht: "Der Vater meines Kindes arbeitet in der Gastronomie. Ich weiß in etwa, wie das ist, an Heilig Abend zu arbeiten".
Der Telekom-Mitarbeiter in der Leitung macht ein sonderbares Geräusch, es klingt wie "Pfunäh" und ich kann es keiner Gefühlsregung zuordnen. Dann sagt er: "Ich bin Student". Soll mir das jetzt irgendetwas erklären? "Ich auch", sage ich schnell, weil mir wieder nichts anderes dazu einfällt.
"Oh", sagt er.

Und dann schweigen wir uns weiter an. Die Tastaturen klackern und die Trübseligkeit kriecht durch die Leitung in mein Ohr, den Rachen hinunter wie zähflüssiger Schleim bis in die Körpermitte. Da bleibt sie. Nistet sich ein. Unterdrücke ebenfalls einen Seufzer.
Eine gefühlte Ewigkeit vergeht, vielleicht hängt auch er seinen Gedanken nach oder arbeitet still einen anderen Fall ab. "Pling" macht es dann und seine Stimme, so monoton-tonlos-routiniert, bedauert sehr, auch hier sei nichts auffälliges in der Leitung gefunden worden.



25. Dezember, morgens.
Frühstückstisch meiner Eltern. Das Frühstück ist reichhaltig. Gibt sogar ein Ei. Will ich nicht. Bin unverständlich schlecht gelaunt und die Kerzen am Weihnachtsbaum machen es auch nicht besser. Überall Berge. Berge auf dem Frühstückstisch und Berge unter dem Weihnachtsbaum. Große Familie und große Geschenke. Alljährliche Überschüttung. Bin meiner Weihnachtsstimmung gänzlich beraubt und weiß nicht warum. Starre feindselig das Plätzchen auf meinem Teller an und wundere mich.

27. Dezember, 11:30 Uhr.
Wachsende Berge und immernoch keine Verbindung zur Außenwelt. Außer im WLAN meiner Eltern. Habe aber keine Zeit dafür. Ein Programmpunkt jagt den nächsten, hier Essen, da Geschenke auspacken und dann wollen wir auch gleich nach draußen... Das Kind ist ein summender Wespenpo, die Ohren haben wir schon irgendwo am Weihnachtsabend verloren, zwischen Kirche und Omas Wohnzimmer. Abends rechnet mir die Waage das vierte Stück Stollen an. Frustration.



Am 28. Dezember, 23:58 Uhr ist die Verbindung zur Außenwelt wieder hergestellt. Merke ich erst später. Sitze zu Hause allein unter dem Tannenbaum und da kommt sie, die Stimmung.
Na, besser spät als nie. Oder so.