Montag, 21. März 2016

Und überall Menschen.

(Ein Blick in's Notizbuch. Entstanden im letzten Jahr auf der Leipziger Buchmesse, in diesem Jahr immer noch oder schon wieder aktuell.)


Es ist laut und stickig.
Überall Menschen. Ein schubsen, drängen, ein sich-aneinander-vorbei-schieben, ein rempeln, ein "Entschuldigung", ein stolpern - im Strom, gegen den Strom. Worte prasseln auf mich ein wie Graupelschauer, flattern in mein Ohr und verheddern sich im Kopf. Print on demand, Vorleistung, Publishing,  Marge. Ich höre schon gar nicht mehr hin, lächle automatisiert, mein Kopf ein Gewusel. "Agenturen wollen doch auch nur ihr Geld", flüstert der Verleger vertraulich, ich schwimme im Strom drei Stände weiter und höre: "Agentur! Ganz klar - mach´s über eine Agentur!". Höre dies, höre das. Bin ein Flipper-Automat und flippere zwischen den Ständen, dingdingding, der nächste, der nächste, der nächste.

Und überall Menschen. Stinkende, schwitzende Körper, Individuen ohne Identität, nur Leiber, die in subtiler Perversion aneinander drängen, die gehen oder im Weg stehen. Höre nicht mehr hin. Großes Rauschen. Hinter meinen Augen drückt der Wörterknäuel, es schmerzt. Sehe, wie sich Lippen bewegen, spröde, trockene Lippen, höre ihre Worte nicht, will sie nicht hören. Merke, wie alles in mir zusammen und nach draußen strebt, habe Mühe mich zusammen zu halten, nicht zu bersten, die Flut an Wörtern und Informationen, den Knäuel Undurchdringlichkeit in mir zu behalten, auch wenn er immer gigantischere Dimensionen annimmt. Meine Augen springen zwischen Klappentexten, Proben, ersten Sätzen hin und her wie ein kaputter Plattenspieler-Tonarm. Ich kann nicht mehr differenzieren, nichts ist herausragend, nichts ist schlecht, alles ist gut, nichts berührt mich. Mit nichts lohnt es , sich zu messen.

Und überall Menschen.
Ich treibe, ich verliere die Orientierung, verliere mein Zeitgefühl. Weiß nicht mehr, was meine Ziele waren, nicht mehr, was ich will. Ich reagiere automatisiert, spiele meine eigene Demo-Version ab. Meine Augen können nichts ganz fassen, nichts für länger als den Bruchteil eines Augenblicks festhalten, nichts ganz scharf stellen. Weitwinkel. Und dann willkürlich gezoomt, ein Gesicht. Ein Gesicht unter Gesichter, kein schönes, kein hässliches. Alles Menschen. Überall Menschen. Denke nicht mehr, reflektiere nicht mehr. Sehe eine triefende Nase und sehe sie nicht. Sehe Schuppen im Haar des Verlegers, höre seine Worte nicht. Sehe nur. Sehe bunt. Sehen schmerzt.

In den Ohren das große Menschenrauschen. Es erfüllt mich und jeden Winkel meines Körpers, es zittert in meinen Händen, pocht in meinen Schläfen. Strom der Körper, der kein Ende nehmen will, ich treibe. Wörter trommeln auf meinen Kopf, sie prasseln, sie hageln. Die Menschen. Ihre Farben explodieren und verlaufen, ich will nichts mehr hören und weiß alles. Weiß nichts.

Und da...

wünsche ich mir, alle Stände würden mit einem Mal fallen. Flach, auf den Boden. Wie ein großes Kartenhaus würden alle Regale und Pappwände in sich zusammenklappen und den Hallenboden bedecken wie ein großes Mosaik. Nur ich. Alle Menschen würden verschwunden sein. Allein. Ich. Würde in der Mitte stehen und mit meinem Blick die andere Seite der Halle erreichen. Könnte... sehen. Helligkeit. Ruhige, regelmäßige Stahlträger. Gerade Linien. Bewegungslos. Stillstand.
Und es würde still sein. Keine Töne, nicht einer. Kein Rauschen. Nur ich. Allein.