Freitag, 1. April 2016

Hallo Luja und traurige Fragen - Ostern in Hinterkaffhausen, Part 2.

Das ist eine Fortsetzung. Part 1 gibts hier.

Immernoch Ostersonntag.
Ich weigere mich, meine Omi im Auto wieder zurück zum Haus meiner Eltern zu nehmen, komme aber aus Platzgründen nicht darum herum. Wir schweigen uns an. Vor der Frontscheibe hängt Goethes Gedicht noch unvollendet in der Luft herum. Da bleibt es. Wie gern würde sie mich auf die Essens-Sache ansprechen. Ich sehe es in ihrem Gesicht. Und wie gern würde ich ihr sagen, wie erschrocken ich bin, dass sie eine Rassistin ist. Das Wort, dass mir sonst sehr leicht über die Lippen rutscht, fühlt sich komisch kantig an im Mund. An der Stelle, an der vorhin die Familie die Straße überquerte, fahre ich vorsorglich ein wenig langsamer. Eine Rassistin. Meine Omi! Meine Omi?
Wir trauen uns beide nicht.

Aber dann. Wir biegen in meinen Heimatort und aus den Augenwinkeln erkenne ich einen Dorfbewohner am Straßenrand. Es ist hier so üblich auf dem Land: Jeder kennt jeden und jeder grüßt jeden als Mitglied der Dorfgemeinschaft. Ich winke aus dem Seitenfenster. Es ist der Vater der syrischen Familie, welche seit einigen Wochen in diesem Ort lebt. Er winkt zurück, man kennt sich flüchtig. "Warum grüßt du denn den?", entfährt es meiner Omi. Habe das geahnt. "Er wohnt hier.", sage ich und will noch ein "du Rassistin" anhängen. Beiße mir im letzten Moment sehr fest auf die Unterlippe. Ist meine Omi. Meine Omi!
"Du blutest da an der Lippe", sagt sie, als wir vor dem Haus meiner Eltern aus dem Clio steigen. Ich sehe sie nicht an. Kann nicht. Will nicht. Hätte mit fremden Menschen schon längst angefangen zu streiten, zu diskutieren. Aber mit meiner Omi...? Meiner alten, lieben Omi?
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Nachdem ich das Kind in den Mittagsschlaf begleitet habe, höre ich schon auf der Treppe laute Stimmen. Es wird diskutiert. Und wie. An der Wohzimmertür gelehnt lausche ich den Wortfetzen: "...aber die alte Merkeln...!", meine Omi. Menschlichkeit, Solidarität, kontert mein Vater und mein Großvater, monoton: "Meine Mutter musste aus Sudetendeutschland... Das sind die Errungenschaften eures Kapitalismus...". "Sicherheit!", fordert die alte Frau, die ich trotzdem nicht aufhören kann als meine Großmutter zu lieben und "Idomeni!", höre ich meinen Vater eindringlich beschwören. Eine Zeitung raschelt. Ich kneife die Augen zu um nicht zu weinen.
Es ist Ostersonntag! Hört auf!
Als ich die Augen wieder öffne, steht da meine Mutter neben mir am Türrahmen gelehnt. Stumm streicht sie mir über den Rücken. Was kümmert die Welt so ein Feiertag...

Kindliche Naturstudien. Wir haben die Buschwindröschen erforscht...

Ostermontag.
Der Besuch beim anderen Teil der Familie verläuft ohne politische Zwischenfälle. Die einzige Zeitung auf dem Tisch meiner anderen Großeltern ist das "Landwirtschaftliche Wochenblatt". Vor dem Mittagessen noch muss mein Kind die jungen Schafe im Stall besuchen. "Mama!", ruft es aufgeregt und zeigt auf ein etwas geschecktes Lamm. "Und kuck. Da ist die Kuh." Naja, fast.
Vor dem Essen - es gibt übrigens hausschlachtenes Schaf, welche Ironie - singen wir.
"Er ist erstanden, Halleluja!" schmettere ich inbrünstig meinen Ekel zu Seite. Hilft nicht.

Kauende Stille. Mein Sohn schaut sich suchend um. "Was ist denn?", frage ich und schiebe sein Fleisch an den Tellerrand. "Du kannst doch dem armen Kerl nicht das beste vorenthalten!", hatte meine Oma befunden und ihm mit großmütterlicher Sorge einen großen Klumpen Tier auf seinen Teller geschoben. Äh... danke.
"Wo ist denn die Luja?", fragt Marek, sieht sich um und piekt blind mit der Gabel ein Stück Braten vom Teller. Nee, Kind,
"Luja? Wen meinst du?" Versuche ihm die in der Luft schwebende Gabel zu entwinden und mit einem Löffel Erbsen zu ersetzen.
"Luja!", beharrt er und winkt über den Tisch. Das Bratenstück landet irgendwo auf dem Boden.
Alle Augen auf ihm. Nur meine Oma kriecht unter dem Kinderstuhl herum.
"Hallo Luja!", ruft Marek und winkt wieder einer imaginären Person.

Ich begreife es erst viel später.
Halleluja!

und Schneckenhäuschen. "Halloooooo!", ruft Marek, "Schnecke! Komm raaaaaus!"

Am Dienstag schütte ich sämtlichen Osternester-Inhalt in einen großen Wassereimer. Er ist randvoll. Deprimierend.

Dann gehen wir wandern. Mit Lupe. Reggio-Pädagogik gegen den Groll. Meine Lymphknoten sind Luftballons und ich habe Ohrenschmerzen. Kann mich kaum über den ersten jungen Giersch freuen. Marek dafür umso mehr. Ich sehe ihn unbedarft über den Maulwurfshügel springen und möchte wieder klein sein.
He Gott, wo bist du mit deiner Osterverklärung? In mir macht sich das Gefühl breit, dass in diesem Jahr irgendetwas gehörig schief gelaufen ist mit dem Ostern. Dem ersten bewussten Ostern für das Kind. Dem ersten Ostern, an dem Meinung nicht mehr einfach nur Meinung ist. Verstohlen schaue ich mich nach meiner Familie um. "Ihr seit mein Ursprung, mein Vertrauen..."... und trotzdem so anders. So schmerzhaft anders! Wie kann das gehen? Wer versteht hier wen nicht? Warum traue ich mich nicht, meine Omi eine Rassistin zu nennen?
Die Nähe kommt mir belastend vor. "Und die Liebe Gottes, die höher ist als all unsere Vernunft...". Liebt Gott auch Rassisten?

Das war also unser Ostern. Im Regal meines Sohnes gibt es nun eine Dynamotaschenlampe, ein neues Kinderbuch, einen Spielzeugkoffer und ein weiteres Puzzle. Und ein Körbchen mit Lupe und Naturschätzen. In der Kammer auf dem Treppenhaus steht ein Wassereimer, randvoll mit Schokolade. Ganz hinten. Auf dem Esstisch brennt die Osterkerze und mit den letzten gebackenen Osterhasen kann man nun gut nach jemandem werfen. Der Forsythia-Strauß auf dem Fensterbrett verliert langsam alle Blüten. Ich liege mit Mittelohrentzündung und Angina auf der Wohnzimmercouch, auf der kürzlich noch ein Franzose schlief. Frage mich.

Was sollen wir tun?
Wie geht das nur weiter?
Und... wohin mit der ganzen Schokolade?