Mittwoch, 25. Mai 2016

Kind kauft ein, Konsumkritik und ein Lied des Tages.

Vor reichlich einer Woche hat das Kind eingekauft. Mit eigenem Einkaufszettel und Unterstützung, natürlich. Inspiriert von diesem Eltern vom Mars-Post hat Mama die Google-Bildersuche bemüht, Fotos in ein Word-Dokument eingefügt und schließlich dem 2,75-jährigen die "Einkaufsliste" überreicht. Stolz wie Bolle. Wir beide. Marek wegen der unerwarteten Aufgabe, ich auf meinen Mut. Endlich etwas getraut. Dem Kind etwas zu-getraut!

Im Schneckentempo schiebe ich den Einkaufswagen durch die Obst/Gemüse-Abteilung. Wir kennen sie im Schlaf und trotzdem erschlägt uns dieses überbordende, reichhaltige Angebot an praktisch allem Grünzeug, das mir spontan einfallen würde. Heute ist Marek nicht nur passiver Ich-lass-mich-herumschieben-und-singe-laut-Wagenpassagier, sondern aktiver Kunde. Das ist neu. Das ist spannend. Und  das ist anstrengend. Ich steuere gezielt auf die Äpfelkisten zu und bewege mich mit 0,25 km/h-Rentnertempo an ihnen entlang. Kind studiert den Einkaufszettel. "Schau mal...", versuche ich ihm eine Hilfestellung zu geben und deute mit einem Kopfnicken auf die Stiegen links des Einkaufswagens. Kind sieht, registriert und deutet dann auf die Bananen in er übernächsten Reihe: "Nein. Die dort brauchen wir erst!". Aha. Na gut.

Wir halten uns ewig auf im Gemüse. Mama schiebt kreuz und quer durch die Stiegen, ohne Rücksicht auf Kollisionen. Das Kind dirigiert mit drehendem Kopf, mal hierhin, mal dahin und immer ein wenig überfordert. Und dann gibt es keine Radieschen. Verzweiflung. Das Kind schwenkt theatralisch seinen Einkaufszettel vor dem Bauch eines älteren Herren herum: "Aber wir brauchen die Lieschen! Wo sind denn die Lieschen?"

Während einer kurzen Orientierungspause seitens des Kindes zücke ich heimlich den iPod für's Erinnerungsfoto. Mit Spiegelreflex-Kamera im Supermarkt... Und dann gucken wieder alle so... Nee.


Heut, wo das Kind einkauft, betrachte ich den Supermarkt und sein ganzes pervers großes Warensortiment einmal viel bewusster und bemühe mich, die Kinderperspektive einzunehmen. Für mich sind die vollen Regale so alltäglich wie der Wäscheständer im Wohnzimmer. Ich fokussiere überwiegend auf Bio-Siegel und Preisschild, weiß wo der Kram steht, den wir wöchentlich brauchen und bewege den Einkaufswagen elegant sportlich nach jahrelangem Training in zweikommafünffacher Rentnergeschwindigkeit ohne Kollision durch die Gänge. Nicht rechts schauen, nicht links schauen. Die Masse des Angebots, die unzähligen Wahlmöglichkeiten, die meterhohen, mit teilweise absurden Konsumgütern bis auf den letzten Zentimeter Platz-effizient eingeräumten Regale nehme ich schon nicht mehr war. Nehme sie für selbstverständlich. Setze ihre Existenz voraus. Lebe mit ihnen. Hinterfrage nicht.

Heut springen mir die Ungeheuerlichkeiten auf Höhe Kühlregal von hinten auf die Schultern. Als das Kind endlich die Milch entdeckt, fühlt sich plötzlich alles so fürchterlich falsch an, dass mir schlecht wird und ich mich kurz an dem Zwei-Meter-Milchkarton-Stapel festhalten muss: 

Wir leben in einem Land, in dem alles was wir irgendwann einmal gebrauchen könnten immer griffbereit und erschwinglich in einem Supermarkt darauf wartet, von uns erworben zu werden. Zu (nahezu) jeder Tages-und Nachtzeit. Wir sind es gewohnt, obszön große Metallkörbe auf Rollen fünf Minuten an Regalwänden voller Tütensuppen vorbeizuschieben und empfinden es als normal, aus 48 Sorten Frucht-Joghurt unseren Liebling zu wählen. Wir fühlen uns sogar gut damit. Frei.

Und die Kinder? Sind privilegierte Erdlinge dieses Schlaraffenlands. Werden von uns sorgfältig auf mündigen Konsum vorbereitet, in dem wir ihnen auch noch Bilder-Einkaufzettel drucken und sie in ihrer individuellen Nachfrager-Verbraucher-Position stärken. Werden von uns zu Hinnehmern des Überflusses erzogen, zu "Magst du lieber den roten oder den rotgelben Apfel? Oder so einen von den niedlichen kleinen da?"-Individualisten.
Trotzdem empfand ich den Einkaufszettel in dieser Situation als sinnvoll. Um zu sehen, was wir brauchen. Die Entdeckung, dass die 12 Bildchen keine Supermarkt-Realität abbilden und es immer absurd vielviel mehr als nur das gibt, was wir unmittelbar brauchen, machte Marek zwischen Apfelkisten und Paprika: "Warum nehmen wir denn die [großen Boscop] Äpfel nicht auch noch, Mama?"

Weil wir sie nicht brauchen. Weil so viel nicht gebraucht wird, was aber paradoxer Weise nun mal da ist. Und die Regale, später die Container füllt. Aber das erkläre ich meinem Kind ein wenig später.

Während wir an der Kasse anstehen und ich mit Blicken über die Kassenbänder spaziere, fällt mir Dotas Song ein. Singe ihn laut auf der Autofahrt nach Hause.



"[...]
Man ist träge und immer matt
und hängt wie die Latten hier
und die Raupe Nimmersatt, voller Gier, so wie wir
ist unser Wappentier

Wir haben uns von klein auf erfolgreich hier reingefressen und sind jetzt aus der Pflicht
Es bleibt nur die ständige Sorge um das aktuelle Körpergewicht
hier lebt jeder mit der schrecklichen Angst
um die Steuerfreiheit seines Bausparerkapitals
das ist die Qual der Wahl
durch die Zahl der Möglichkeiten
und das ist alles normal

Das ist der Fluch des Schlaraffenlands
[...]

Und ab gewissen Summen kann man sich alles leisten
selbst ein reines Gewissen
und das können die meisten
es kommt nur darauf an, dass das Schlaraffenland dicht bleibt.. also Schotten dicht
so dass nicht gleich jeder hier rein kommt
wo komm' wa da hin
also abschieben, ausweisen und wir hier drin
brauchen Kameras und geschultes Wachpersonal
um uns sicher zu fühlen
und das ist alles normal

Das ist der Fluch des Schlaraffenlands..
[...]"