Samstag, 28. Mai 2016

Mission uncompleted - Küchenexperimente, die Zweite.

(das erste Experiment hieß "Vegane sächsische Eierschecke" und ist hier nachzulesen)


Scroll ich so. Nix neues. Wenn mich jemand in einer pantomimischen Geste beschreiben sollte, er würde sich an die Küchenarbeitsplatte lehnen und mit dem Finger auf einem imaginären Tablet herumwischen. Ähem. Jedenfalls stoße ich da unerwartet auf Fliederkuchen. Flieder...was? Perfekt! Kuchen ist meine verdammte Lebensaufgabe (neben einem Kind und ein paar Nebensächlichkeiten), meine Passion! Und dann Flieder. Muss ich... Unbedingt. Dann erst lese ich da etwas von "raw vegan". Rohköstlich. Noch besser. Einen rohköstlichen Kuchen wollte ich schon längst mal ausprobieren.

Kurzer Exkurs in den Ernährungsextremismus: Hinter rohköstlicher Ernährung steckt die Regel, keine Lebensmittel zu sich zu nehmen, die über 40°C (das ist unsere maximale Körpertemperatur) erhitzt wurden. Es darf also nichts gekocht oder gebraten, schon gar nicht gebacken werden. Warum? Beim Erhitzen werden, so heißt es, sämtliche wichtigen Enzyme und Vitamine getötet. Und dann ist das Essen tot. Logisch. Totes Essen kann nicht gesund sein, so ohne Nährstoffe und dem ganzen wichtigen Kram.

Rohköstlicher Kuchen ist nach logischem Schluss also gesunder Kuchen. Was nicht heißt, dass er nicht trotzdem 25.000 kcal haben darf: Er besteht zum größten Teil aus Nüssen, Mandeln und Datteln. Und Kokosfett. Gönn dir. Ich überfliege die Zutaten und scheitere schon am zweiten Punkt. Was zur Hölle ist denn bitte "Coconut Cream"? Und noch dazu zwei Tassen? Ich befrage die Schwarmintelligenz meiner Lieblings-Facebook-Gruppe (Nirgendwo so viele schöne Menschen auf einem Haufen. Nicht optisch-oberflächlich natürlich. Aber vielleicht auch das.) und führe mich selbst in die bizarre Welt der asiatischen Lebensmittelgeschäfte ein. Volltreffer, auch für meine Küchen-Zukunft.

Was mir zu meinem rohköstlichen Glück noch fehlt, ist ein tolles, multifunktionales Alleskönner-Smoothie-Mixgerät, das die Cashews aus dem Rezept in samtweiche Creme verwandelt. In der Theorie. Für den Praxistest öffnet mir ein Freund Wohnung und Küche. Juhu!



Die Zutaten in der Übersicht:

Boden:

  • 2 Tassen Mandeln (süße!) - da sie gemahlen werden, gehen an dieser Stelle auch einfach zwei Tüten gemahlene (je 150 g)
  • Datteln, nach Gefühl. Etwa eine Handvoll.
  • 2 TL Kokosöl, geschmolzen
  • 1 TL Zimt
  • 1/2 TL Vanille - nicht ganz klar: Echte? Aroma? Gemahlene? Die Entscheidung fiel auf eine echte Schote, weil das Vanille-Schote-auskratzen aus den Kochshows eine First time-Experience war, die auch unbedingt gemacht werden wollte. Vergesst es. Nehmt das Pulver. Es ist nie so einfach wie in einem youtube-Video!
"Creme":
  • 2 Tassen Cashews, über Nacht in Wasser eingeweicht
  • 2 Tassen dieser ominösen Coconut Cream - es ist das dickflüssige Zeug für die Cocktails. Das gibt es in Dosen im Asia-Laden, gleich neben 10 Sorten Kokosmilch.
  • Flieder! Ganz viel Flieder! Und zwar eine Tasse voller Blüten - so viel wie reingeht. Ruhig etwas stopfen.
  • ein Schluck Pflanzenmilch
  • 2 TL geschmolzenes Kokosöl
  • nochmal Vanille - eine Schote oder einen TL
  • eine Drittel Tasse Agavendicksaft. Wie viel ist das? 
  • Saft einer Zitrone
  • eine Handvoll Blaubeeren
In Summe belaufen sich die Zutaten auf etwa 35-40 €. Und da habe ich mangels Zeit und Budget überwiegend konventionell und nicht im Bioladen gekauft. Kurz vor Monatsende. Muss ich noch mehr dazu sagen?

Zur Zubereitung:
Die ist wirklich sehr simpel. Kann man von den Zutaten ja nicht gerade behaupten. Im Grunde wird eigentlich alles nur miteinander in dieses super High End-Mixgerät geworfen und am Knopf gedreht.
Zuerst die Bodenzutaten. Die Masse dann wie Knetteig in eine Springform drücken.
Dann die Creme. Alles rein, Deckel drauf, mixen. Ich bin fasziniert ob dieser Ästhetik!
Die Smoothie-ähnliche Masse wird auf den Boden gekippt und das ganze wandert dann in den Kühlschrank. Oder in das Kühlfach? Das Rezept lässt das offen. Ich und der Mixer-Besitzer sind ratlos. Schnell mal den Kühlschrank auf 4°C runtergedreht. Wird wohl reichen.

Wartezeit: Eine Nacht. 8 Stunden.



Das Ergebnis.
Sieht vielversprechend aus, so lange der Kuchen sich im Kühlschrank befindet. Ich öffne die Tür und zerfließe vor Glück und Verlangen. Ein zartlila Träumchen! Alles einigermaßen schnittfest, toller Fliederduft, bezaubernde Optik.

Ich beginne den Kuchen zu schneiden und größere Teile meines vorgegriffenen Selbstlobs ziehen aus dem gekippten Fenster davon. Schon sehr... cremig... Kann mich aber an mein erstes und einziges Roh-Kuchenstück erinnern: war ähnlich cremig. Alles schön.
Noch.
Ich drapiere die Deko, das Stück auf den Teller, das Arrangement auf den Tisch und beobachte besorgt die Metamorphose von festcremig zu wabbelig. Unglücklicherweise muss ich vor dem Food-Fotoshooting nochmal eben nach Nebenan. Als ich wiederkomme, ist da schon ein Teil der Kuchencreme auf den Tisch gestürzt (siehe Foto oben). Ungünstige Bedingungen. Jeder, der schonmal Essen bei ganz trübem Morgenlicht (6 Uhr, vor der ersten Uni-Stunde!) so gut wie möglich fotografieren wollte, weiß: Dauert. Lange. Wie Kuchen essen kann man es aber trotzdem noch, nach einer halben Stunde. Nach einer Stunde ohne Kühlung, da habe ich gerade das Hörsaalzentrum erreicht, hat sich der "Kuchen" in Brei verwandelt. Wir löffeln ihn aus der Kuchenform. Ganz toll. Nicht.

Geschmacklich... den Flieder, aber auch die Mandeln und den Kokos kann man nicht leugnen. Das ist toll und aufdringlich zugleich. Ich liebe Flieder. Aber in Masse ist der dann doch ganz schön bitter. Für unentwöhnte Menschen fehlt eindeutig Süße. Pluspunkt? Die Creme ist also eher so lala. Schmeckt, aber nicht überragend. Und für den Allerweltsgaumen eher unkonventionell bis sonderbar.
Dagegen ist der Boden der absolute Kracher. Nicht nur Konsistenz-technisch hält er bis in den Nachmittag aus, auch geschmacklich ist er eindeutig das beste am ganzen Kuchen. Vielleicht das nächste Mal einfach ohne Creme....?



Damit wären wir dann auch schon bei der Fehlerbetrachtung:

  • Roh war der Kuchen doch nicht. Reden und mixen und Kokosöl schmelzen klappt nicht immer gleichzeitig: "Hier qualmt was...?!" - "Oh."
  • Mehr Agavendicksaft! Aber was ist schon eine "Drittel Tasse"?
  • Der Kühlschrank scheint vielleicht nicht der richtige Ort für den Kuchen zu sein. Besser ist wohl ein Gefrierfach und ein kurzes Antauen im Kühlschrank vor dem Servieren.
Dinge, die ich dabei gelernt habe:
  • Rohe Kuchen sind keine Kaffeeklatsch-Deko. Mehr achtsam essen: Raus aus dem Kühlschrank, ein Stück herausschneiden (bei dem Nuss/Dattel/Kokosfett-Gehalt deckt das meinen Tagesbedarf), rein in den Kühlschrank, Stück bewusst genießen. Und zügig.
  • Rohe Kuchen sind nicht transportabel. Aus nahe liegenden und oben angedeuteten Gründen.
  • Rohe Kuchen sind keine Sommer-Kuchen. Siehe oben.
  • Aus dem Boden kann man immer noch kleine Pralinen rollen!
  • Rohe Kuchen sind nichts für mich. Dies war der erste und letzte Versuch.