Freitag, 3. Juni 2016

Operation Windelfrei zwopunktnull, Frühsommeraggression und Held im Zelt - der Mai in Hinterkaffhausen.

Ich zähle die Kinderschlüpfer auf dem Wäscheständer. Es sind zweiundzwanzig. In sieben Tagen. Sieben. Dreiundzwanzig Schlüpfer besitzt das Kind, das sind mehr als doppelt so viel wie Mama.
Wir haben immer noch das Windelproblem, in Anführungszeichen mit einem überbetonten, pseudofreundlichem Zwinkern in der Stimme der überaus um Verständnis bemühten Erzieherin.

Im August feiert das Windelkind seinen dritten Geburtstag und denkt ja nicht daran, am Status quo irgendetwas zu ändern. Wir gehen uns gegenseitig auf die Nerven damit. "Musst du mal pullern?", frage ich einhundertneunundneunzig Mal am Tag und einhundertneunundneunzig Mal lautet die immergleiche Antwort ein kurzes Kopfschütteln. Fünfundzwanzig Mal am Tag sage ich "Komm, wir gehen jetzt noch einmal schnell aufs Töpfchen" und fünfundzwanzig Mal lautet die immergleiche Antwort ein kurzes Kopfschütteln, begleitet von einem zur Faust geballtem Kindergesicht, begleitet von einem wütenden NEINICHMUSSNICHT, begleitet von einem Rumpelstilzchen-Aufstampfen.
Mhpf.


Ich versuche "auf die Kindsignale zu achten" (Danke, Erziehungsratgeber-Abteilung der Kleinstadtbibliothek!), so gut es eben geht:
Pullert er gleich ein oder tagträumt er nur? - "Marek, musst du mal...?"
Jetzt drückt er aber gerade heimlich in der Ecke! Oder bemüht er sich nur, mit dem Kinder-Akkuschrauber das Schaukelgestell zu demontieren? - "Marek, musst du mal...?"
War das jetzt ein "Pullergesicht" oder konzentriert er sich nur auf seine Sandburg? - "Marek, musst du mal...?"
Das Gefrage geht nicht nur uns, sondern auch allen anderen Eltern auf dem Spielplatz auf den Zeiger. Wir meiden diesen Ort nun. Schon um uns nicht der Scham eines öffentlich nass gewordenen Schlüpfers auszusetzten. Nass ist er nämlich. Aber NEINICHMUSSNICHT,

Ich statte den Klo-Platz, die Puller-Ecke, das Geschäftsarreal mit den Lieblingsbüchern und frischen Schlüpfern aus. Es hilft nicht. Marek besucht dieses Örtchen nur selbstständig, um heimlich seinen Schlüpfer zu wechseln. Manchmal, ich überprüfe gerade die Uni-Sachen im Rucksack auf Vollständigkeit, ruft ein fast schon triumphierend stolzes Kind ein "Aaaaabputzen!" aus Richtung Klo. Und da macht das Mama-Herz einen freudestrahlenden Hüpfer. Wird er doch nicht etwas endlich allein...? Auf den Topf...?
Ich öffne die Badezimmer-Tür, halte die Luft an und spähe um die Ecke.
Und dann verlässt mich der Mut.
Jedes Mal aufs neue.
Stimmungskeller.

Häufchen im Schlüpfer. Häufchen auf den Bodenfließen. Häufchen auf dem Badewannen-Vorleger. Häufchen auf dem Teppich vor dem Töpfchen. Hübsch mit siebzehn Blatt Klopapier belegt.
NEINICHMUSSNICHT.


Irgendetwas entgleitet. In mir drin. Es fühlt sich an, als hätte jemand mit Kraft eine Tür zugeschlagen. Lauter Knall. Und ich stehe plötzlich draußen, vor mir selbst. Ich sehe durch die Milchglasscheibe meinen eigenen Körper interagieren, kann meine eigene Stimme hören, aber nicht eingreifen. Mein Kopf denkt "So ein Schwachsinn! Lass das!", während mein Körper sich, von einem cholerischen Anfall geschüttelt, aufbäumt und ein Stimmvolumen beweist, bei dem Adele vor Neid erblasst.

Ich brülle. Dann brüllt das Kind. Dann wieder ich. Dann das Kind. Mit spitzen Fingern entferne ich das Häufchen von woauchimmer, schimpfe, mache Vorwürfe, kann mich schwer beruhigen. Das Kind weint, ich weine auch.

Später sitze ich am Küchentisch, sterbenselend. Ekel mich selbst an. Bin mir zuwider. Die Wut ist ein Klumpen Kohle, an dem ich mich verschlucke. Muss husten. Habe Bauchschmerzen.


Straßenverkehr.
Ich bin spät dran, der Überland-Pendlerverkehr stoppt und geht in unregelmäßigem Rhythmus, meine Finger auf dem Lenkrad begleiten ihn. Vor mir drosselt ein Skoda abrupt das Tempo vor einem Ortseingangsschild. Wieder schlägt die Tür zu. Meine Aggressionsschwelle ist nicht höher als eine Bordsteinkante. Ich wechsele auf den Beifahrersitz und beobachte die mir vertraute Fahrerin dabei, wie sie andere Verkehrsteilnehmer beleidigend angreift. Erschrocken.

Erschrecke mich auch vor ihr, als sie im Campus-Bus Nachrichten verfasst, die gegen jedes Höflichkeitsgebot verstoßen. Versuche die Finger davon abzuhalten, fieskalte Antworten an Kleinanzeigen-Selbstabholer zu versenden, die mich ein- oder zweimal versetzt haben. "Kann doch mal vorkommen...", flüstere ich durch das Milchglas, aber ich höre mich auf der anderen Seite nicht. Drin brüllt es: "Nichtmal absagen! Erwachsene Menschen! Geht ja gar nicht!".
Später lese ich beschämt den Chatverlauf. Bin das ich? Kann ich so aggressiv sein?

Wieder Bauchschmerzen am Küchentisch. Wie lange dauert es, bis ich handgreiflich werde? Brauche ich Hilfe?


Trotzdem kommt der Sommer. Verhalten. Aber immerhin. Wir packen euphorisch Zelt, Wasserkanister und Sandspielzeug in das Auto und beehren das Nachbarland mit unserer Anwesenheit. Mal wieder Land sehen. Weg. Raus. Zeitig im Zelt kuscheln und morgens mit der Yoga-Matte am Strand, während das Kind Kleckerburgen mit See-Wasser baut. Instagramfilter-Happy Lifestyle-Momlife-Sommer-Stimmung.

In der Theorie.


In der Praxis klemme ich gerade noch den Fuß in die Aggressionstür, als mir nach Einfahrt auf den vertrauten tschechischen Campingplatz eine Horde bierseliger Mittdreißiger mit "Wir sind das Pack"-Shirts* entgegenlärmt. Willkommen Zuhause.
Kurz denke ich über eine Heimreise nach, beschließe dann aber, mit Audiolith-Pulli und bunten Haremshosen gegen die Verbraunung vorzugehen. Subtil zumindest. Lass mir doch von euch nicht meinen Strand vermiesen.


Der erste Zelt-Morgen beginnt um halb fünf. Langsam wird es hell draußen. Und hell heißt Tag heißt Aufstehen. Kinderlogik. Eine Stunde lang hören wir Mama Muh auf dem geliehenen iPod. Bis 6 Uhr lese ich einmal quer durch alle Kindergeschichten, auch wenn mir dabei immer wieder die Augen zufallen. "Mamaha!!", bohrt mir das Kind seine Finger ins Augenlid. Aua.

Draußen ist es furchbar kalt. Der Waschraum hat keine Türen. Ich breite meine Yogamatte in der Sonne aus und turne ein bisschen herum. Danach hat das Kind nasse Füße.



Der Herrgott lässt sich an diesem Pfingstwochenende zu einem politischen Statement herab und schenkt unseren Zeltnachbarn mit allerhand Montagsdemo-Fahnen eine gehörige Portion Regen und schneidend kalten Wind.

Uns leider auch. Wir brechen in einem Hagelschauer verfrüht das Zelt ab, als das Kind vor lauter Klamottenschichten ständig über die eigenen Füße in den matschigen Sand stolpert.


Als ich nach Pfingsten die Uni betrete, ist Sommer. Logisch. Ich schimpfe und fluche im Auto aggressiv über das Wetter. Dann essen wir Eis. Viel und ständig.

Nebenbei vertrödele ich meine Zeit mit Kuchen, mit dem Tablet an der Arbeitsplatte, mit kannmankaumsonennen-Gärtnern. Schlafe in der Vorlesung heimlich ein und gebe mich fachkompetent. Brülle hin und wieder herum, wasche Kinderschlüpfer und schlafe zu wenig.

Im Osten nichts Neues.
Hallo Juni.


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* "Als "Pack" hatte am Montag SPD-Chef Sigmar Gabriel diejenigen bezeichnet, die in den vergangenen Tagen gegen Flüchtlinge und ihre Unterkünfte randaliert hatten. Er war bereits am Montag vor Ort und hatte die rechtsradikalen Angreifer scharf verurteilt und die volle Härte des Rechtsstaats gegen sie gefordert." - WELT vom 26.08.15
- Daraufhin wurde die empörte Parole "Wir sind das Pack" als Alternative zum missbrauchten "Wir sind das Volk!" von Pegida-Anhängern und Menschen aus rechten Kreisen etabliert und auf deren rassistischen Demos mit Freude skandiert. Buäh. Anm. d. Autorin.