Donnerstag, 16. Juni 2016

Keinkind-Tage, Herzsprung und Panda-Augen - Alleinerziehend studieren. Erster Teil.

Ich knie mich hin, so bin ich auf Augenhöhe mit dem Kind. Es drückt sich an mich, als würde es in mich hineinkriechen wollen, enger und näher rückt es, macht sich ganz klein, rollt sich ein, verschwindet zwischen meinen Oberschenkeln und dem Oberkörper. Einen kurzen Moment lang muss ich dem Reflex widerstehen, jetzt hier auf dem Kindergartenflur einfach mein T-Shirt über seinen Kopf zu ziehen und es mit mir wieder nach draußen zu tragen.
"Mama", nuschelt Marek in meine Jeans, "ich will wieder in deinen Bauch!".
Ich weiß, Kind. Da war vieles viel leichter. Abgesehen von meinem Körper natürlich.

So sitzen wir noch unendliche 120 Sekunden. Ich streichle den kleinen Kinderrücken, in der Kita-Küche riecht es nach Kakao und frischen Brötchen. Dann rutscht der Zeiger der Marienkäfer-Uhr auf fünfvoracht. Ich versuche mich eher halbherzig aus der festen Umklammerung zu lösen. Die Krippenkinder marschieren geschlossen zum Händewaschen in den Waschraum. Als sie uns passieren, bleibt Mareks gleichaltrige Freundin neben mir stehen. Verständnisvoll legt sie mir die Hand auf die Schulter: "Der Marek will heut einfach nicht...", sie überlegt, "...ein Großer sein!"
Empört wickelt sich der Betroffene aus meinem T-Shirt. Tschüß Kind.

Wie jeden Morgen springt die Ampel an der Kreuzung auf rot, als ich gerade im Begriff bin, in den zweiten Gang zu schalten. Scheißmistverdammter. Wie jeden Morgen schalte ich den Motor ab (10 Minuten Rot-Phase, 2 Sekunden grün) und betrachte das Kindergartenhaus im Rückspiegel. Routiniert atme ich Luft in den diffus krampfenden Schmerz in der Brustgegend. Schalte das Radio ein. Tausche Kinderlieder-CD gegen Alice Phoebe Lou. Atmen. Kratze ein bisschen Kinderrotze von meiner Schulter.

Grün.

Wieder zu knapp. Aggressiv fahre ich jeden Gang bis Anschlag, außerorts Tempo 150. Singe mein morgendliches Duett mit der Alice im Radio.
And time is all so golden
If only it could be frozen
But you took it away from me
Oh society, you took it away from me

Den Kindergarten habe ich am Ortsausgang stehen lassen. Erst als das kleine Auto mit Schwung in meine Stamm-Parklücke vor dem Discounter (alias billiger Pendlerparkplatz) rutscht, ist wieder Platz im Kopf. Rucksack. Autoschlüssel. Sturmschritt.

Zwischen Parkplatz und Bahnhof verläuft der Fluss. Räumliche Trennung. Symbolische Trennung. Als Mutter komme ich an, als Studentin reise ich weiter. Allmorgentliche Metamorphose. Ich betrete die Brücke, die diese beiden Orte doch miteinander verbindet und beginne mich zu verwandeln. Von 30 auf 20. Erwachsen auf jugendlich. Alt auf jung. Spießig auf alternativ. Jeden Tag aufs neue.
Über die Brücke führt ein schmaler Fußweg, vor langer Zeit hat man ihn asphaltieren und mit senfgelber Farbe überziehen lassen. Mittlerweile ist diese Asphaltschicht nur noch in unzusammenhängenden Stücken vorhanden, die Bruchteile ziehen sich über den ganzen Weg. Darunter ist schmutzig grauer Beton, abgetreten und löchrig.


Mehrere Meter hinter dem ersten Brückenpfeiler, an der Stelle, an der die Brücke nicht mehr über dem Ufer, sondern frei über dem Fluss hängt, ist der Asphalt fast völlig abgetragen. Nur an einer einzelnen Stelle hat er sich hartnäckig gehalten. Zweimal täglich passiere ich diesen Fleck. Und jedes Mal macht mein Herz einen Sprung dabei. Laufe ich morgens vom Pendlerparkplatz hinüber zum Bahnhof, rutscht irgendwas aus meinem BH ins trübgrüne Flusswasser. Herzsprung, schmerzhaft. Trennungsschmerz, schmerzliche Sehnsucht nach dem Kind, komisch nackiges Gefühl. Habe mit dem Kind in der Kita meine Verantwortung temporär abgegeben. Bin auf einmal wieder zwanzig. Leichtes Herz. Halbes Herz. Schon wenige Schritte später denke ich vorwärts. Wochentag. Keinkindtag.

Über mir fährt der Zug in den Bahnhof. Ich renne die letzten Meter durch die Unterführung, an der Treppe nehme ich zwei Stufen mit einem Mal. Im leicht verspiegelten Glas der Zugtüren sehe ich mich selbst verschwommen. Schwarze Schatten in meinem Gesicht nach 6 Stunden Schlaf. Panda-Augen.
Einsteigen.
Tür schließt.
Sitzplatz.
Vorwärts denken. Im Kopf plane ich meinen Tag, krame nebenbei nach der Pflichtlektüre im Rucksack. Erstmal einen Schluck Wasser. Gegessen habe ich noch nichts.
Ich lese und weiß nicht was. Ganz still ist es im Abteil. Diejenigen die nicht schlafen, lesen oder dösen mit Kopfhörern über ihren Smartphones. Ganz schwer sind diese Pandaaugen, nach ein paar Minuten fällt der Vorhang. Dahinter baut mein Kopf das Bühnenbild um. Tschüß Dialekt. Hallo elaborierte Jugendsprache. Alter.