Freitag, 17. Juni 2016

Keinkind-Tage, Herzsprung und Panda-Augen - Alleinerziehend studieren. Zweiter Teil.

Dass ich ein Kind habe vergesse ich schon im Uni-Bus, während ich den Turnbeutel-Vans-und-Bart-Studenten neben mir betrachte. Als dem Stadtbus mal wieder die Vorfahrt geschnitten wird und er unsanft bremst, stolpere ich in seinen Rücken. Hätte ihn gern geküsst. Vielleicht.
Im Gebäude flattert mir eine Club-Werbung entgegen, ich überfliege die DJs und befinde die Auswahl für betanzenswert. Stopfe den Zettel in meine Hosentasche und mich selbst zwischen die Hörsaal-Klapptische. Zu spät kommen ist Konsens. Habe wieder die Aufgaben nicht vollständig. Öffne meine Mate und den Browser im Tablet.

So langsam entgleitet mir alles. Meine Dauer-Müdigkeit lähmt jegliche Motivation. Ich kann nicht zuhören und mitreden schon gar nicht. Schreibe verlegen die Anmerkungen an den ausgedruckten Skripten bei meinem Nebenmann ab. Weiß eigentlich gar nicht, worum es hier überhaupt geht. Stelle alles in Frage und finde wiederholt alles "übelst sinnlos". "Fick die Uni, fick die Uni!", skandieren wir und essen Kuchen in der Vorlesung. Ich muss reden. Alles in mir braucht diese soziale Interaktion mit Gleichaltrigen. Schwimme im Lärm der Stadt über den Campus und fühle mich gut dabei. Frei und leicht. Rede und rede. Sauge das Stimmengewirr auf wie ich Wasser drinke, wenn ich durstig bin. Sehen und Gesehen werden. Bei rot über die Ampel und keiner kümmert sich darum.

Je länger sich ein Keinkindtag in meine Lebenszeit frisst, desto stabiler wird das Bühnenbild. "Alter", sage ich und "Nice, der Typ". Ich schenke dem Seminar-Nachbarn eine Kirsche und nehme mir vor, den Text zur Spekulativen Poetik und Acceleration umgehend zu lesen, weil die politische Philosophie mich mehr interessiert als meine Lehramts-Bildungswissenschaften. Ihn auch. Wir lachen uns an und ich denke dabei, wie nett es wäre, mit ihm im Park Jaques Ranciere zu diskutieren. 

Auf der Toilette fällt mir beim Anziehen die Club-Werbung auf den Boden. Vor dem Spiegel halte ich kurz inne. Panda-Augen. Heute mal zeitig schlafen, verspreche ich meinem Spiegelbild. "Vergiss es", antwortet es spöttisch und schaut von der Wand auf mich herunter, "du musst den Text noch lesen. Und Mareks Jacken waschen." Mist. Ich blinzele mit den Panda-Augen, aber das Bühnenbild schwankt. Club-Flyer im Mülleimer. Kann doch eh nicht weg von zu Hause.


Später Nachmittag. Um 16 Uhr schließt der Kindergarten. 16:30 Uhr verlasse ich die letzte Lehrveranstaltung des Tages.
"Alles gut geklappt", schreibt die O-Mama, die mein Kind in der Kita in Empfang genommen hat, auf mein Handy. Ich lese das, antworte nicht und schlage in der Straßenbahn die Pflichtlektüre auf. Das Handy summt noch einmal. Gegen Pegida auf die Straße?, fragt die Freundin und ich tippe eine Absage ins Nicht-Smartphone. Zuhause wartet die Bügelwäsche.
Bahnhof. Zug. Einsteigen. Türe schließt. Sitzplatz. Neben mir telefoniert eine Mittvierzigerin: "Ja, genau, hab ich ja hingestellt. Musste nur noch schälen und auf'n Ofen setzen. Und die Möhren kannste auch schonmal kochen... Bis gleich, nu. Ich dich auch". Meine letzte warme Mahlzeit ist drei Tage her. Keinkindtage sind Nichtkochtage sind Butterbrot-und-Obst-Tage. Halte mein Handy umklammert. Niemand wird anrufen, um mir zu sagen, dass das Essen schon kocht.

Vom Zug auf den Bahnhofsvorplatz. Es riecht nach Abendhimmel, Kleinstadt und Döner. Am geöffneten Imbissfenster husche ich schnell vorbei. Und führe mich nicht in Versuchung...
Monatsmitte, Geld-Ende. Da vorn ist schon die Brücke.

Elektrisiert, aufgekratzt und müde marschiere ich über den Fluss ans andere Ufer. Kurz bevor die Brücke auf Land trifft, vor dem letzten Brückenpfeiler... der Fleck. Und da macht mein Herz einen Sprung. Einen freudigen. Mitten im Sprung krachen plötzlich drei Container-Ladungen Verantwortung von der Straßenlaterne, das Herz landet am Boden. Aber mit beiden Beinen. Strahlt wie ein Castortransport und schleppt das Verantwortungspaket bis zum Auto. Ein bisschen schleift davon auf dem Beton entlang und verursacht doch ein leichtes Brennen in der Schürfwunde. Ein wehmütiges. Ein 20 auf 30-Brennen. Werde das mit dem Bügeleisen betäuben.

Den Text für das Seminar lese ich wieder nicht. Dafür dreivierfünf schlecht recherchierte Vice-News-Artikel gegen halb 12 vor dem PC. Kind schläft, ich höre aus dem offenen Schlafzimmer seine regelmäßigen Atemzüge. Eigentlich ist es doch ganz schön so, sage ich zu meinem Schweinehund, der stumm auf der Couch hockt und Soja-Eis isst. 
Werde mir wohl auch noch eins aus dem Gefrierschrank nehmen.