Montag, 3. Oktober 2016

"Einheit" - Gedanken zum Tag.


Irgendetwas stößt mir am "Tag der deutschen Einheit" unangenehm auf. Erst weiß ich gar nicht, was es ist. Dass die Straßen in der Innenstadt gesperrt sind, vielleicht. So ein Chaos. Viele Menschen. Buäh.
Aber das nicht. Auch nicht, dass es keine DDR mehr gibt. Wie meine Omi. Etwas verächtlich schnaubt sie am Freitagabend ins Telefon: "Ach, am Wochenende ist ja diese Einheitsfeier. Freuen sich die Wessis wieder drüber, dass sie sich unsere Sachen einverleibt haben!"
Ich schweige dazu. Weil.. ach, Omi.

Nein, was mir nicht gefällt, sind diese schwarz-rot-goldenen Wimpelketten überall. Dieses Fan-Merchandise wie bei einem Sport-Großereignis. Überall. Wir feiern einen Nationalstaat. Heute ist es ausnahmsweise mal völlig okay, stolz auf sein Land zu sein. Ohne Hintergedanken, unreflektiert und fröhlich im Karohemd und Kunstlederhose am Biertisch eines abgekupferten Oktoberfestes. Verzeihung: Einheitsfestes.
Dürfen uns heute mal selbstbewusst auf die Schulter klopfen: Was doch alles geleistet wurde seit der Wiedervereinigung! So als Nation. Großartig. Deutschland, du tüchtiges Land.

Auf dem Küchentisch meiner anderen Großeltern liegt die Tageszeitung-Sonderbeilage zum Festwochenende. Ich blättere ein bisschen darin herum und fühle mich unwohl. Bei den schwarz-rot-golden unterlegten Rubrik-Überschriften spult mein Kopf ein "Deutschland den Deutschen!" ab, ohne dass ich ihn darum gebeten hätte. Bei dreifarbig gestreiften Wimpeln fallen mir die Hawaiketten-behängten Mitläufer der Pegida-Demonstration ein....

1989 ist für mich auch Ausgangspunkt für einen neuen, stärkeren deutschen Nationalismus. Germany great again. Einheit für alle. Mit deutschem Pass. Tatsächlich ist hier nämlich nichts einheitlich. Ausgrenzung, Diskriminierung. Angriffe auf Nicht-Deutsche. Brennende Flüchtlingsheime. Eine beängstigende "Pegida-Movement", von der sogar der Couchsurfer aus Kopenhagen gehört hat, neuer Nationalstolz, "Festung Europa"-Baumaßnahmen: "Wir" gehören zusammen - weil wir die gleichen Traditionen haben und die gleiche Sprache sprechen und die gleiche Kultur haben. Aber "ihr" gehört hier nicht hin. Aus Gründen. Weil Kopftuch. Oder so.

- Und das macht Sinn? Echt?

Der 3. Oktober heute ist der 3. Jahrestag des Unglücks vor Lampedusa. "Dieses Jahr findet das zentrale Event der Einheitsfeierlichkeiten unter dem Motto „Brücken bauen“ in Dresden statt.", schreibt das Bündnis "Solidarity without limits" auf ihrer Seite. Und weiter: "Brücken sind eine gute Sache. Sie machen eine sichere Reise möglich. Man könnte viele Brücken bauen, z.B. über das Mittelmeer, und damit das Leben von zehntausenden Flüchtenden und Migrant*innen retten."
Gute Idee. Nur leider spricht darüber keiner. Weil die Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit zwischen Deutschen und Deutschen heute irgendwie wichtiger ist.
Nicht nur heute. Ständig.
Vielleicht ist es angebracht, statt Bier-trunken unter schwarz-rot-goldenen Wimpeln die Wirtschaft zu feiern, mal tatsächlich Brücken zu bauen. Echte. Stabile. Zu allen. Nicht nur innerhalb einer "Kulturnation".
Denn Einheit... Einheit finde ich ja schön. Echt. Einigkeit, Recht und Freiheit klingen wunderbar, so völlig unvoreingenommen und vom Kontext gelöst betrachtet. Aber ich hätte das doch bitte gern für alle.

Eine Einheit - eine Welt.