Mittwoch, 29. November 2017

Vegan Pumpkinspice-Cheesecake für alle!


Ich häufe die Fotos auf meiner Festplatte an als wäre es meine Altersvorsorge. Andauernd werde ich um Rezepte für diesen und jenen Kuchen gebeten und bete dann freundlich lächelnd die URL zum mittippen herunter. Bis mir einfällt, dass ich das Rezept noch gar nicht geteilt habe.
Oh. Naja, aber schaus dir an, ist trotzdem nett. Äh.

"Du darfst die besten Rezepte gar nicht teilen! Stell dir mal vor, du eröffnest dann doch noch dein Café. Dann muss es auch sowas wie Geheimrezepte geben!", sagt jemand und nimmt sich noch ein Stück Kürbischeesecake, gleich mit den Händen von der Tortenplatte. "Ja, aber...", will ich aus Prinzip widersprechen, irgendwas von sharing ist doch caring und OpenSource und Rezeptwissens-Hierarchien abbauen. Dann fällt mir ein, dass das Argument sich ganz gut als Ausrede fürs Nicht-bloggen eignet, klappe den Mund zu und nicke zustimmend kauend.

Ach, alles Quatsch! Natürlich ist sharing = caring und würde es keinen Feedfeed und andere Vegan-Foodporn-Internetgeburten nebst geteilten Rezepten geben, ich hätte schon längst meine Überlebens-Motivation in dieser tristen grauen Welt verloren. Das schöne an Rezepten: Sie werden nie weniger, obwohl man sie teilt. *Herz-Emoji hier einfügen*

Damit: Vegan Pumpkinspice-Cheesecake für alle!
Kürbis-Käsekuchen ist mit Abstand die beste Idee, die ich jemals hatte. Dieser Kuchen ist nicht von dieser Welt. Ich möchte... eine lebenslange Partnerschaft mit ihm eingehen. Seit ich zum ersten Mal liebste Menschen mit zartorangenen Stücken segnete, ist mein Gruppen-Ansehen im Bereich "vegane Süßspeisen" um hundertfünfzig Prozentpunkte gestiegen. Pumpkinspice-Cheesecake wird alle deine Sorgen in Luft verwandeln. Zumindest ein Kuchenstück lang. Und vorausgesetzt, du magst Kürbis.

Montag, 27. November 2017

Anspruch "Biovegangenderlesssüßkramfrei-Adventskalender" vs. Wirklichkeit

Ey Dezember, ich seh dich schon. Ich weiß. Und dieses Jahr kann ich deine Ankunft fast ohne Emotions-Extremismus hinnehmen. Habe gelernt: Alles hat seine Zeit. Habe gelernt: Es ist gut so, wie es ist. Habe gelernt: Nur weil der Herbst eine Auszeit nimmt und dann das Bedürfnis hat, mit Menschen auf der Südhalbkugel Zeit zu verbringen, hat er mich nicht weniger gern. Und wird zurückkommen. Nach vagen Berechnungen noch so... mindestens 63 mal. Okay, Herbst. Keep going. War sehr schön mit dir.

Jetzt also Dezember aka (Vor)Weihnachtszeit. Sie hat mir Spekulatius mitgebracht, geholfen die dicken Wollpullis an den Gaderobenhaken zu hängen und Kinderpunsch in die Vorratskammer gestellt. Seit Tagen, pardon: Wochen! erübrigen sich endlich wieder einige Disziplinarmaßnahmen, "Pass auf du, der Weihnachtsmann sieht das ganz genau!" und "Die Wichtel schreiben sich das auf, ich würde jetzt besser nicht... falls du einen Adventskalender..." sei Dank.

Noch 3,5 Tage bis zur ersten Nachtschicht am 30. November. Der Dezember aka die Vorweihnachtszeit und ich waren schon einkaufen. Wie jedes Jahr besteht ein meterhoher Anspruch an den Inhalt der 24 Säckchen, die dem blauen Farbkonzept unserer Küche zuwider knallrot und in Euro-Laden-Ästhetik trotzdem paradox Weihnachtsstimmung verbreiten werden. Hat das was mit Psychologie zu tun?
Jedenfalls, der Anspruch. Der Adventskalender meines Kindes soll

Samstag, 28. Oktober 2017

Say yes to...


Hallende Schritte auf dem groben Pflaster der Querstraße
Meine schmerzenden Füße noch immer im Rhythmus
taptaptaptaptaptaptaptaptaptaptaptaptaptaptaptaptaptaptaptaptaptaptaptap
Die rechte Hand in der Tasche
schiebt mit dem Rest Aufgedrehtheit die Kappe des Lippenstifts
auf und zu und auf und zu
klickklickklickklickklickklickklickklickklickklickklickklickklickklick

Donnerstag, 19. Oktober 2017

Grounded and so humbled and so one with everything.


Es rauschen die Tage, so herbstlich und warm (frei nach Schubert, Deutschlandradio Kultur im Auto schafft die Illusion eines wohlgeordneten, verantwortungsbewussten Erwachsenenlebens) und ich kann behaupten, dass ich gerade und endlich halbwegs begriffen habe, worauf es zumindest in meinem Leben ankommt und worauf nicht. Es kommt zum Beispiel darauf an, Freunde zu haben, bei denen frau* nachts verheult an der Tür klingeln kann und die mit einem dann die andere Hälfte Nacht Tee trinken, während frau* unwichtigen Weltschmerz nuschelnd auf die Couchdecke kippt. Oder die einem sagen "Augenringe stehen dir" aber auch "Weißt du was ich scheiße bei dir finde...?". Reicht schon zwei davon zu haben. Und es kommt drauf an, solche Freundschaften zu pflegen. Zurückgeben, was man bekommt. In Form von... (Hallo N., du wirst es verstehen) Verzicht, zum Beispiel.

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Kochen mit dem Saisonkalender, neunzehn - Buchweizen-Pfanne mit Pak Choi und Mangold.


Wenn Foodsharing dir einen großen Berg grüner Blätter und Stängel schenkt, dann...

1. identifiziere (Aha, Mangold. Aha, Petersilie und Schnittlauch. Aha... äh, Pak Choi?) und
2. verkoch das. Zusammen. Möglichst schnell. Und essbar. Und wenn möglich noch sättigend.

Samstag, 2. September 2017

Tage mit Goldstaub.


Der Sommer stirbt, in dem er sich ein letztes Mal aufbäumt. 32°C auf einem österreichischen Berggipfel, Regen und kalte Füße zur Geburtstagstorte in einem Münchner Café einen Tag später. Die Gehwege an der Isar sind braun beblättert und im Edeka an der U-Bahn gibts keine Himbeeren mehr. Aber Glühwein im Angebot.

Das Kind und ich betrachten von einem geborgten Bett aus den Balkon in Thalkirchen, auf dem wir am Beginn des Sommers mit Aquarellfarben die Fliesen gesprenkelt haben, die ersten richtig warmen Sonnenstrahlen im Nacken. Herzmomente, in der Erinnerung kleine warme Großereignisse. Wir haben uns unser Gesamt-Sommerglück aus solchen Momenten zusammengepuzzelt, zwischen selbstgemachtem und fremdbestimmtem Stressgestein die winzigen Edelmetalle rausgefischt, spontan Vorhandenes dekonstruiert und in neue Kontexte geworfen. Goldstaub macht Alltag lebendig.

Donnerstag, 24. August 2017

Overnight Katerzucchini.


Wir sitzen im Vorgarten auf der Picknickdecke, das Kind und ich, essen Salat und altbackenes Schwarzbrot. Es ist Sonntagabend und ich bin schrecklich viel müder als sonst. Kindfreie Samstagnacht. Kein Schlaf. Müde getanzte Füße und leichter Katerkopf. Eigentlich möchte ich nichts anderes als schlafen, aber ich weiß, dass da oben im Kühlschrank noch eine Zucchini aus Omas Garten ganz dringend verarbeitet und danach portioniert eingefroren werden muss. An der Pflanze hängen schon vier Folgemodelle gigantischen Ausmaßes.

Wir sitzen also so, ich seufze etwas wehleidig in mich hinein. Unser Nachbarn beginnt die Johannisbeer-Sträucher zu gießen und seine Frau erntet drei große Zucchinis. Ich seufze noch einmal. Sie dreht sich um, winkt, dann steht sie vor uns: "Hier. Ihr müsst eine Zucchini abnehmen, wir schaffen das nicht allein." Ich lache, gequält. Öh, danke.

Jo, Johannisbeeren-Torte!


Das war der Sommer: Ein paar heiße Tage, stundenlange Prokrastination vor viel zu viel Uni-Content, halbherziges gemeinnütziges Engagement und... Kuchen. Denke ich in den nächsten Jahren an den Sommer 2017 zurück, wird auf einmal meine Spucke im Mund süßklebrig. Ganz sicher.

Eins der schönsten Exemplare war die Johannisbeerentorte a la Ich-muss-den-Garten-meiner-Eltern-pflegen-weil-sie-im-Urlaub-sind-und-weiß-nicht-wohin-mit-der-Ernte-Spontaneinfall. Ausgedachtes Schnellrezept mit umwerfender Außenwirkung. Und auch noch universell übertragbar auf anderes (Beeren)Obst.

Montag, 24. Juli 2017

Kindertiramisu on a budget.


Ich töte für Tiramisu.
Also - nicht wirklich. Aber sprichwörtlich schon. In der nicht-veganen Vergangenheit war Tiramisu ungefähr das perfekteste Mir-ist-es-zu-heiß-um-in-der-Küche-den-Herd-zu-heizen-aber-ich-muss-trotzdem-was-mitbringen-Dessert auf allen erwachsenen Happenings, ein zeitloser Klassiker ohne viel Drumrumundgedöns. Wie Zupfkuchen, bloß mit Kaffee und Amaretto. Und damit ein winziges bisschen besser. Wegen dem Kaffee natürlich.

Eine vegane Variante scheiterte bis vor Kurzem am Problem Löffelbiskuits. Die ohne Tier... Mh, schwierig. Aufwendig. Oder teuer. Oder beides.
Im Winter überkam mich zum ersten Mal das dringende Bedürfnis nach Kaffee mit Alkohol und viel Zucker (in der Prüfungszeit, wer hätte das vermutet?). Ich bemühte ein wenig meinen neuen Eco-Browser und fand: Milchfreier Zwieback statt Löffelbiskuits wäre der Shit. Na dann, bitte. Die Firma BURGER führt zum Beispiel explizit veganen in ihrer Produktliste. Und was soll ich sagen? Dreimal Ja! für diese Idee. Ordentlich mit Kaffee eingeweicht ist der Unterschied nur ein geringeres Maß an Zucker. Und das ist - im Ausgleich mit süßem Sojaquark - kein Verlust. Außerdem: Den Sojaquark am Monatsende auch noch mit Kaufland-Eigenmarke-Sojajoghurt ersetzt, ist die Zwiebackvariante ein absolutes Low-Budget-Ding. Verbraucht nicht mal Strom zur Herstellung. Jackpot studierende Menschen!

Sonntag, 23. Juli 2017

Gut Kirschen essen - Zupfkuchen mit Verspätung



Merkt ihr was? Wir haben Juli. Ende Juli. Mittlerweile haben sich auf der Festplatte einige Essensfotos angesammelt, deren Deko erkennbar nicht aus dem Sommer stammt. Weil ich zugehörige Rezeptpostings vor mir hergeschoben habe wie gerade das Schreiben einer Hausarbeits-Einleitung. Oh. Mh.

Andererseits ist es dem Rezept ja gerade wurst, wann es hier erscheint. Wer sucht, findet. Unabhängig vom Datum. Und welche Blumen in der Deko wieder nicht in den Juli passen... Such a good drama, singt Leslie Clio, oh oh oh... I couldn't care less, thats all I care about.

Äh.
Jedenfalls. Zupfkuchen! Universeller Alleskönner immer dann, wenn es schnell verlässlich lecker werden muss. Und Menschen mitessen, die vegane Kuchen manchmal schon aus Prinzip nicht lecker finden können. Dann ist er die ideale Geheimwaffe für jede Familienfeier, jeden Kuchenbasar, jedes Kita-Fest. Beliebt seit Jahrzehnten. Besonders mit Kirschen. Und die gibts auch noch im Juli.

Montag, 10. Juli 2017

Ungesund frühstücken mit Buchweizen-Blaubeerkuchen!


Wieder ist Blaubeerzeit in Hinterkaffhausen und in diesem Jahr kann mein Mitbewohner schon allein auf seinem eigenen Fahrrad vor mir her zum Blaubeerwald radeln. Selbstbestimmt. Selbstständig. Ich staune. Die Zeit!
Wir sammeln Blaubeeren um die Wette und fahren kurz nach sechs am Abend nochmal ins Nachbardorf, weil das Sonnenblumenöl leer ist. Das mit dem Kuchen war seine Idee und rühren kann er auch schon selbst. In alltäglichen Struggels um Pünktlichkeit beim Kita-Ausflug und ob der rosa Haargummi nun ausschließlich und nur was für Mädchen ist (Nein!) und dass man nach jedem Toilettengang die Klospülung drückt... da übersehe ich glatt, wie groß das Kind schon ist. Was es schon kann. Alles! (wenn man es persönlich fragt). Oft vergesse ich zu bemerken und zu befreuen, welche krassen Entwicklungsschritte dieser fast vierjährige Bezopfte schon zurückgelegt hat und jeden Tag Schritt um Schritt zurücklegt.

Manchmal leben wir tatsächlich weniger wie Mutter und Sohn, sondern nähern uns unserem tatsächlichen Alter gegenseitig an, sind zwei Teenager in Wohngemeinschaft, die beschließen, morgens mit Kuchen in den Tag zu starten. Um die kleinen Dinge des Lebens zu feiern (Blaubeeren). Und die großen (das Kind, das Kuchenstück des Kindes in Relation zum Kinderteller).

Samstag, 8. Juli 2017

Violence, Nachtrag.

Okay, same story different day.

Bis gestern Nacht konnte ich Gewalt gegen Gegenstände noch ganz gut rechtfertigen. Also nein – zumindest erklären und verstehen: 


...at the boiling point...

Ich konnte die Wut spüren, in meinem viel zu großen zweimalzweimeter Bett in einem Berg Kissen sitzen und nachfühlen, was sie fühlen. Wut. Wut auf willkürliche Zustände. Wut über Repression und Einschränkung von Freiheit, Wut über Eskalation und Polizeigewalt, hilflosen, ohnmächtigen Ärger. Und ich konnte auch verstehen, was sie antreibt, nicht nur im Regierungsviertel teure Autos anzuzünden sondern den Blumenladen von nebenan in Brand zu stecken. Ja – es muss wehtun! Ja, es braucht Zeichen und es braucht deutliche, schmerzhafte, laute und qualmende und stinkende Zeichen. Dass wir gehört werden.  Vieles hat nichts mehr mit dem G20-Gipfel zu tun, aber er bietet Gelegenheit für Kritik, die weiter geht als Kritik an dieser selbsternannten „Institution“. Gesellschaftskritik. Kritik am System. Kritik an kapitalistischen Herrschaftspraktiken, an von ökonomischen Interessen und der Wachstum bringt Wohlstand-Logik geleiteten Politik.
Ohja, ich konnte sie verstehen.

Violence. Nur ein Statement.


Es ist Prüfungszeit und das Weltgeschehen darf mich nur peripher tangieren. In sauberem, ignoranten Egoismus gehe ich jeder G20-Berichterstattung weitestgehend aus dem Weg, meide Diskussionsabende und nicht-oberflächliche Gespräche. Kriege Verabschiedungen gen Hamburg in meinem Umfeld kaum mit, versunken in prokrastinatorische Tasty-Kuchenvideos im großen Lesesaal der Universitätsbibliothek.

...kann ich begründen...

Natürlich reden wir darüber, kurz, nachts nebeneinander im Auto, als wir zu viert spontan einen ebay-Boxsack im angrenzenden Stadtviertel abholen. Kurz, als ich an seinem Türrahmen lehne und ihn von hinten am Schreibtisch beobachte. Kurz, als mir das Kind schon am Arm zieht. Ja, meine diffuse Ablehnung gegen das Machtelite-Treffen kann ich begründen:

Freitag, 23. Juni 2017

Irrational.

Disclaimer: Dieser Text ist in Teilen wortwörtlich so unter meinen letzten beiden Instagram-Fotos erschienen und hat einen winzigen Shitstorm ausgelöst. Das Thema, nein, die Gefühle beschäftigen mich schon eine Weile. Schon seit über zwei Jahren, um genau zu sein. Wenn Zeit Wogen glättet, dann sprechen wir von großen Einheiten. Gefühle sind übrigens irrational, unvernünftig, mal objektiv betrachtet größter, gemeiner Blödsinn. Bei positiver Irrationalität beschwert sich niemand. Bei Abneigung dann schon eher. Hey, warum? Ich darf doch doof finden, wen und was ich möchte. Das wollte ich nur sagen. Was auch noch wichtig ist: Das hier ist ein literarischer Text. Irgendwo zwischen fiktionalen Übertreibungen, blumigen Metaphern und Mimimi hat sich die Wahrheit versteckt. Aber wo, sag ich nicht. Peace.



Und jetzt gehts los:
Esse im Stehen an der Arbeitsplatte, Blick auf stinkige Papa-Sachen vom Kind und einen sagenhaft hässlichen Plüschleoparden, den ich noch nie gesehen habe.
Trauerwut. Das Kind hat mich angeschrien, als ich es auf dem Spielplatz vor dem Papa-Wohnblock abholen wollte, zwischen kaputten Bierflaschen und herumfliegendem Gummibärchenpapier.
Mit hochrotem Gesicht ICHWILLNICHTZUDIRICHWILLZUMEINEMPAPA gebrüllt. Strampelkreisch. Anschnallen darf ich es nicht. PAPIIIIIII.
Sehe sein ekelhaft überheblich grinsendes Gesicht im Rückspiegel, ist das Erleichterung darin? Vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein. Nicht eingebildet: Das dumpfdrückende Gefühl, gleich brechen zu müssen, im Strahl übers Lenkrad. Kann nicht erklären warum. Bin ich...eifersüchtig?

Mittwoch, 24. Mai 2017

Hier gibt es nichts zu... Moment.


Verlasse die Vorlesung eher, wie immer, draußen die Abendsonne und es ist plötzlich so warm, dass die Wiese hinter der Bibliothek voller Menschen ist. Die Rushhour ist vorbei, ich kann die mehrspurige Straße überqueren, ohne 10 Minuten den Mittelstreifen entlang geschlendert zu sein. Im Wohngebiet steht das Auto, gleich nach der Kirche. Jemand grillt. Meine Füße schalten in den ersten Bummelgang. Nicht heim. Nicht Spülmaschine. Nicht Schreibtischablage, nicht Kühlschrank-To-Do-Liste. Nicht schlafen. Sein.
Vor der Fahrertür krame ich nach dem Autoschlüssel. Ganz unten im Rucksack. Lege ein paar Bücher auf das Autodach. Im Strecken, unter meiner Achsel hindurch sehe ich diese beiden Menschen. Vielleicht sehe ich sie gar nicht mal richtig, registriere nur ihr Auftauchen in meinem Sichtfeld. Einen Mann und eine Frau, ein Paar vielleicht, beide in ihren Siebzigern und sie tragen zwei Einkaufstaschen so vorsichtig wie ein Neugeborenes.

Klingt wie der Aufhänger dieser super tiefsinnigen Poetry-Slam-Texte, in denen immer gleich am Anfang irgendein metaphorisches Schlüsselereignis wahrgenommen wird, über das im Folgenden mehr oder weniger pointiert witzig philosophiert werden muss. Und meistens ist es ein altes Ehepaar und dann geht es um Liebe und Treue und das Früher und das Heute und Generation Polyamorie und um sprunghafte, verantwortungslose Tinder-Liebschaften und... Naja, vielleicht mehr ein Vice-Artikel als ein Poetry-Slam-Text. Jedenfalls: Man kennt das.

Sonntag, 30. April 2017

April, April, ich weiß ja was ich will: Streuselkuchen mit Kaffee und sonst nur leben.


Nach dem vermurksten März-Praktikum beginnt der April tröstlich monoton in langen Uni-Fluren und überfülltem Campus-Nahverkehr.
Nur draußen und im Kopf ist April. Morgens ist es grau und windig, ich male einen bunten Farbkreis aus Schul-Patina und bin so sagenhaft pädagogisch motiviert, dass ich in der Pause die Telefonnummer der Freien Alternativschule Dresden googele, um nach einem freiwilligen Praktikum zu fragen. Mittags bricht die Sonne durch die Wolken. Ich höre Perspektivrahmen und Bildungsstandarts und Unterrichtsplanung und bin so schrecklich müde, dass ich mir im einschlafen den Stift in die Wange bohre. Huch, aua. Im prallen Sonnenschein wechsel ich das Gebäude, die Fakultät, mich. Halte Augenringe ins Frühlingslicht, am Fenster des Seminarraums im Germanistik-Gebäude. Habe mit einem mal das Gefühl, hier richtig zu sein. Hier hin zu gehören, zur angewandten Sprachwissenschaft, zur Theorie der Wörter. Das ist meins, denke ich. Genau das. Spreche es aber nichts aus. Sprache schafft Wirklichkeit.

Samstag, 29. April 2017

Rucksackkind - Chapter 3: Gränskontroller, Herzrhythmus, Schnee.


Nach Christiania in Kopenhagen sehen wir noch folgendes: überfüllter, aber schrecklich gut organisierter U-Bahn-Verkehr in der Nachmittags-Rush Hour. Irritierte bis entsetzte bis faszinierte Blicke übertrieben schöner Menschen auf das schlafende kleine Großkind in der Ergobaby-Trage auf meinem Rücken. Ständig dreht man sich nach uns um. Sehe auch keine anderen Eltern(teile), die ihre Kinder in Tragevorrichtungen bei sich haben. Kinder gibt es ausschließlich zu Fuß oder in futuristischen - oder betont Retro-chicen! - Wagen. Ob die Dänen so etwas einfach nicht kennen?
Mit dem schlafenden Kind auf dem Rücken dann noch die Straßen rund um Københavns Universitet. In Reiseführern werden Rathaus, Tivoli und die Strøget-Shoppingmeile ausführlich erwähnt. Viel schöner ist es aber abseits von Allerwelts-Marken, zwischen (mh, teuren) kleinen Restaurants, Boutiquen, Plattenläden!, Kopfsteinpflaster und schmalen Häusern auf schmalen Gassen.

Freitag, 21. April 2017

Sofa-Talks.


Ich klappe das Buch zu. Es ist kurz vor 8, Schlafenszeit. Zwei kleine kalte, nackte Kinderfüße suchen unter der Decke auf der Wohnzimmercouch noch Platz zwischen meinen Oberschenkeln. Völlig aus dem Gute-Nacht-Geschichten-Zusammenhang gerissen sagt das Kind: "Stimmts Mama, als du klein warst... Da warst du in meinem Bauch?" - "Nee", korrigiere ich grinsend, "ich war da in Omas Bauch, als ich ein kleines Baby war."
Etwas ungläubig schaut Marek mich an. "Wo war ich dann?", will er wissen, "Ich war da doch schon in deinem Bauch drin?!"
Ich überlege einen Moment. "Du...", sage ich, "Du warst... da noch Quark im Schaufenster." Korrigiere dieses komische Sprichwort dann aber schnell selbst: "Äh. Du warst da noch im Himmel, bei den Engeln. Du warst da ein kleiner Engel und bist erst in Mamas Bauch gekommen, als die Mama dann groß war."
Na, das klingt doch nach etwas. "Und dann bin ich aus deinem Bauch rausgekrabbelt und war da!", triumphiert das Kind. So ist das gewesen. Logisch.

Freitag, 14. April 2017

Rucksackkind - Chapter 2: Love, Peace, Christiania. Begegnungen mit der Utopie.

Hier: Chapter 0 und Chapter 1


Weiß nicht so richtig wohin mit uns. „Ein-stei-gen!“ zieht das Kind am Gurt der Ergobaby-Trage, da halte ich noch den Stadtplan umklammert und studiere die wenigen Metro-Stationen von oben nach unten nach oben. Daheim habe ich Reiseblogs gelesen: "What to see in Copenhagen!" - und so, was man halt so liest, nachts, im Bett, auf dem Tablet.
Aber hier, inmitten übertrieben schöner Menschen in übertrieben sauberer U-Bahn-Station bin ich auf einmal orientierungslos entdeckungsfreudig. Entscheide mich aus dem vagen Eindruck heraus, darüber gelesen zu haben, für zwei Stationen M2 „towards Lufthavnen“.

Dienstag, 11. April 2017

Auferstanden aus Ruinen, oder: Waschmaschinenwetter und Curry.


Irgendjemand hat das stille, beschauliche Hinterkaffhausen-Leben in die Waschmaschine gesteckt. Pflegeleicht, 40 Grad, intensiv spülen, doppelter Schleudergang. Ich hab hier schon so oft emotionale Befindlichkeiten formuliert und zwischen den Zeilen meine manchmal schwierigen, wackeligen Schritte durch die Welt thematisiert. War ehrlich und war es auch nicht: Hinter guten und schlechten Phasen, Stress und weniger Stress steckt auch mein Problem mit der Welt. Manchmal bin ich unfähig, mich einzufügen und an ihr teilzunehmen. Dann schleudert der Waschgang Stimmungen im Stundenrhythmus durcheinander, ich bin himmelhochjauchzendzutodebetrübt, habe eine geringe Aggressionsschwelle (im Auto!) und überhaupt fällt alles viel schwerer als es das eh schon tut. Die Waschmaschine hat einen anerkannten medizinischen Fachnamen und ich lerne, damit umzugehen.
In zeitlichen Engpässen, unter Druck, in fremdbestimmten engen Zeitplänen drückt immer irgendwer oder irgendetwas ungefragt auf den Anschaltknopf. Das ist Mist. Im Praktikum-Stundenplan an der Grundschule sehe ich meine Umwelt nur verschwommen durch das Bullaugen-Glas des Frontladers.

Samstag, 18. März 2017

Don't think twice.


Das Leben ist komisch schwer in diesen Tagen. Es dreht sich so schnell, dass mir schlecht wird. Trotz Kotzphobie speie ich Phrasen in stumpfe Gesichter und hoffe, sie klingen ernst gemeint höflich. Schalte "Lebensmotto Tarnkappe" auf meinem Handy in der Hälfte weg, um besser rückwärts auf dem Mitarbeiter-Parkplatz der Grundschule einparken zu können und gähne hinter vorgehaltenem Sachkunde-Arbeitsblatt gegen den Kopfschmerz an. "Heute isser aber kräftig, der Kaffee" im Lehrerzimmer, dabei kann ich davon gerade so wieder geradeaus gehen, lächeln, nicken, in Freundebüchern das Faultier in die Lieblingstier-Spalte eintragen und bei "mein Vorbild" die Person mit der größten Selbstdisziplin in meinem Umfeld.

Ich schlafe zu wenig und esse zu viel, oft wische ich mir heimlich eine Träne von der Wange und weiß nicht, ob das eine allergische Reaktion auf die neue Mascara oder das Leben ist. Vielleicht alles. Vielleicht Schlafentzug. 
Dann ist es Dreiundzwanzig Uhr und das gleichmäßige Auf- und Wegblinken des Cursors macht mich nervös und aggressiv gleichzeitig. Noch nie fiel es mir so schwer zu existieren. Zu produzieren. Ein produktives Glied der Gesellschaft sein. Eine Mutter sein. Eine Studentin sein. Eine kompetente Lehrerin sein.

Und während ich mit einer Geschwindigkeit von 1 Satz/30 Minuten pseudo-wissenschaftlichen Pädagogik-Müll auf weißen Untergrund tippe läuft Bob Dylan im Spotify-Player. Don't think twice. Denn bald it's alles over, Baby Blue. Vielleicht sogar das Lehramts-Studium. In jedem Fall aber die Blog-Pause. Bis dahin: Abwarten und Mate trinken. Overandout.

Donnerstag, 2. März 2017

Rucksackkind - Chapter 1: Hej København!

Hier: Chapter 0


Kopenhagen, prime-time. Ohne dänische Kronen und ohne Plan für die nächsten zweieinhalb Stunden. Unser Couchsurfing-Host Fernando arbeitet bis 22:45 Uhr und wird uns erst dann am Flughafen abholen. Wir fahren die Rolltreppen hinauf in die Bahnhofshalle und das erste was mir von Dänemark auffällt: Nur schöne Menschen. Überwiegend und überall. Menschen aus der IKEA-Werbung und fashionabled people vom H&M-Plakat. Es ist gruselig.
Stehe in der architektonisch umwerfend elegant-charmanten Bahnhofshalle, mit dem Kind an der Hand und befürchte, in ein Filmset geraten zu sein. In Johnossis neues Musikvideo zum Beispiel.* Verstohlen schaue ich mich um. Es ist alles sehr hip, sehr artsy, sehr scandinavian. Und schön.
Aber vielleicht kommen wir auch einfach nur vom Dorf. 

Samstag, 25. Februar 2017

Rucksackkind - Chapter 0: Auf dem Weg nach Kopenhagen.


Vorgeschichte: Gibt es nicht. Ich wollte weg, raus, ins Graue. Habe die Idee, als ich in der Unibib sitze und zwei Studentinnen neben mir ihre Planung für die Vorlesungsfreie Zeit erörtern. Vorlesungsfrei, schnaube ich innerlich und lasse den Kopf auf meine Arme sinken (dabei übrigens mit dem Hintern den Bib-Stuhl auf Rollen vom Tisch wegschieben und geräuschvoll seufzen: Der SLUB-Move. Jeder Insider beherrscht ihn, spätestens nach dem 2. Semester).

In der Vorlesungsfreien Zeit schrieb Ich Klausuren und hielt Referate. Danach eine Projektarbeit, an der ich immernoch arbeite. Zwischen Pflichtanwesenheit-Intensiv-Arbeitsphase und Beginn eines Praktikums an der Grundschule den ganzen März über bleibt mir genau eine Woche. Eine. Woche. Das ist doch nicht fair. Zwischen Klausur und Referat hoste ich eine amerikanischen Couchsurfer und lasse mich anstecken. Warum sollte ich das eigentlich nicht mal versuchen? Selbst Couchsurfen? Mit Kind? „Du bist ja wahnsinnig!“, zeigt mir die O-Mama den Vogel quer über den Kaffeetisch. Aber da ist es schon zu spät. Weil der Facebookfreunde-Cast nach Travelcompanions fehlschlägt, buche ich spontan Sparpreis-Tickets nach Kopenhagen.

Dienstag, 21. Februar 2017

Mitten im Leben ohne Apfelkuchen. Gedankenquatsch ohne Erklärungen. Eine Ankündigung.

Das Leben geht weiter. Immer. Isso. Auch in der Prüfungszeit. Der Staub auf dem Regal vermehrt sich ungeachtet der Lektüreberge daneben, ignorant piept die Waschmaschine zwischen meine Tschechisch-Vokabel-Lernmonologe. Die Klausurenphase macht mich zum Morgenmenschen. Morgen, nicht heute. Heute streame ich Indiefilme, allgemeinbilde mich mit Vicenews über Pornomessen und scrolle in der Bib meinen Facebook-Feed bis ganz nach unten. Und wieder hoch. Aktualisiere dreimal in einer viertel Stunde Instagramstories ohne selbst auch nur ein Wort in die virtuelle Welt zu setzen. Ich konsumiere und konsumiere. Vor allem Kollemate in Litern pro Stunde. Und ich lebe. Hier und jetzt und zwischen Krümeln.
Direkt proportional zu meinem Hintern im malobeo-Couch-Polster sinkt meine kreative Begabung und nähert sich dem Nullpunkt an. Statt in meinem noch nicht wie eine Hausarbeit aussehendem Worddokument zu Hate Speech bei Pegida blinkt der Cursor auf der Blogbeitrag-Oberfläche. Neue Wörter gibt es nirgendwo. Mein Kopf ist leerer als mein Kühlschrank.

Montag, 16. Januar 2017

malobeo - linksalternativ mit Charme und Tee


Stell dir vor es ist Prüfungszeit und alle gehen hin. Und wohin gehst du, wenn die Bibliothek schon am frühen Morgen übervoll ist (Ersti-Tip: Jacke auf den Stuhl ist wie Handtuch auf Strandliege im Freibad - am besten schon von weiten werfen, wenn man den Ort des Geschehens betritt. Wer zielen kann ist König.), wenn du dort auf den Sofas im Kellerbereich zwischen fremden Menschen mit offenem Mund einschläfst und die Club Mate-Flasche in der Cafeteria soviel kostet wie eine Portion Nudeln? Wohin? Nach Hause? Wo das Internet schnell ist, der Schreibtisch mal wieder aufgeräumt werden könnte, keiner doof guckt, wenn man Bionella aus dem Glas löffelt? Echt? Nee.

Samstag, 14. Januar 2017

Kein' Bock-Auflauf mit Hirse.


Es ist Prüfungszeit und keiner hat Bock. In der Uni-Bib ist um 9 Uhr alles überlaufen. Zu Hause hängt Wäsche von letzter Woche an der Heizung. Ich will schlafen. Oder Harry Potter-Filme sehen und Eis löffeln, wahlweise Mango-Curry-Aufstrich mit dem Finger aus dem Glas lecken.
Irgendwie ist da dieses Kind, es ist meins und ich muss es versorgen. Das Leben ist komisch schwer in diesen Tagen. Sogar am Wochenende.

Donnerstag, 12. Januar 2017

Eingefroren




Das Autoradio spielt gerade Simon & Garfunkel, als ich am Kindergarten parke. Meine Hände hängen taub am Lenkrad, irgendwie scheint die Heizung nicht richtig zu funktionieren. Und die Frostschutz-Flüssigkeit ist leer. Der Tank auch, beinahe. Wenn ich morgen tanke, habe ich kein Geld mehr für das Jennifer Rostock-Ticket. Draußen 10 Grad unter dem Nullpunkt.

Mittwoch, 4. Januar 2017

Ingwertee, Fernweh, Schnee.


Es gibt Tage, in denen ertrage ich das Leben nicht. Also... mein Leben. Tage, an denen ich stundenlang aus dem Küchenfenster stiere, mit dem Aufwasch-Lappen in der Hand und vergesse den Tisch abzuwischen.

Erste Tage in einem neuen Jahr fallen in diese Kategorie. Moin 2017 - was hast du zu bieten? Ingwertee gegen Schüttelfrost und Ach-nee-ich-brauche-jetzt-nicht-erst-eine-Jacke-um-den-Müll-zur-Mülltonne-zu-bringen-Erkältung. Vor dem Küchenfenster schneit es. Neben mir hängt ein neuer Janosch-Kalender und das Prüfungs-Rot der unteren Hälfte erkenne ich sogar aus den Augenwinkeln. Ich weiß, dass es sich im Februar fortsetzt. Dann kommt der März, komplett gefüllt mit einem Schulpraktikum. Dann das Sommersemester. Täglich grüßt das Murmeltier, Henna-rote Haare, ein Hamstergesicht und die Pegidafahne an dem oberhalb unseres Hauses gelegenen Dreiseitenhof-Giebel im Badezimmerspiegel. Es ist 2017 - hat sich was geändert? Eigentlich nicht wirklich....

Montag, 2. Januar 2017

Jahreswechsel für Kinder - prokrastinatorische Gedanken zur kognitiven Entwicklung eines Dreijährigen

(Anmerkung: Bisher unveröffentlichte Entwurf-Leiche von vorvorvorgestern. Hupsi.)


Eigentlich türmt sich ein Stapel linguistischer Fachlektüre auf dem Schreibtisch. Meine Gedanken sollten sich zwischen Weihnachten und Neujahr um Hate Speech, Pejoration und Korpuspragmatik drehen. Oder zumindest tschechisch sprechen. Oder didaktische Überlegungen tätigen.
Eigentlich. Sollten.

Stattdessen knie ich auf dem Wohnzimmerteppich und trage Zahnarzttermine in den neuen Janosch-Kalender ein, dabei esse ich Dominosteine - die veganen, von Lidl. Queen of Procrastination mit einem Körperfettanteil oberhalb meines Schwangerschaftsniveaus. Während ich so zwischen den Jahren hin und her blättere, überlege ich mir, wie ich dieses Silvester-Gefeiere dem Kind erklären soll. Warum es am 31. Dezember von 7 Uhr an draußen in regelmäßigem Stundentakt knallt und scheppert und ab und zu mal zischt und ploppt.
Na... weil eben ein neues Jahr anfängt. Aber was ist denn bitteschön ein Jahr?
Die Spanne Winter bis Winter, Schnee bis wieder-Schnee?
Nach-Weihnachten bis wieder Nach-Weihnachten?
Ist mein dreieinhalbjähriger Wespenpo kognitiv dazu überhaupt in der Lage, das zu begreifen?