Montag, 16. Januar 2017

malobeo - linksalternativ mit Charme und Tee


Stell dir vor es ist Prüfungszeit und alle gehen hin. Und wohin gehst du, wenn die Bibliothek schon am frühen Morgen übervoll ist (Ersti-Tip: Jacke auf den Stuhl ist wie Handtuch auf Strandliege im Freibad - am besten schon von weiten werfen, wenn man den Ort des Geschehens betritt. Wer zielen kann ist König.), wenn du dort auf den Sofas im Kellerbereich zwischen fremden Menschen mit offenem Mund einschläfst und die Club Mate-Flasche in der Cafeteria soviel kostet wie eine Portion Nudeln? Wohin? Nach Hause? Wo das Internet schnell ist, der Schreibtisch mal wieder aufgeräumt werden könnte, keiner doof guckt, wenn man Bionella aus dem Glas löffelt? Echt? Nee.



Die Dresdner Neustadt hat mich und ich habe Neustadt. Es ist meine Hood, ohne dass ich da wohne. Ich lebe und tanze und liebe und esse (vor allem das!) so oft  in diesem wunderbaren Teil Stadt, dass ich mich schon eingeboren fühle ohne es zu sein. Ein Pseudo-Native ganz ohne Gentrifizierung. Und wenn die Bibliothek mich nicht haben will, empfängt sie mich mit offenen Armen, streicht mir sanft übers Haar und füllt für mich Soja-Joghurt aus dem Foodsharing-Kühlschrank in eine Schüssel. Auf der Kamenzer Straße 38.




Das malobeo ist meine Zuflucht. Wochentags zwischen 12 und 18 Uhr darf ich hier sein und linguistische Projekte bearbeiten. Selbst versteht es sich als "offener Treffpunkt und Arbeitsraum für Menschen, die zusammen Gesellschaft neu gestalten wollen. Er steht postmigrantischen Organisationen, politischen Gruppen und allen Menschen offen, die die Stadtgesellschaft und ein selbstbestimmtes Zusammenleben organisieren möchten".
Und für mich. Ich will mein Studium organisieren und Mate gegen Spende trinken.



In Friedrichshain passierte ich eine Reihe ultra schicker Co-Working-Spaces. Nette Orte zum arbeiten in schöner Atmosphäre, mit gleichdenkenden motivierten Menschen und wo du dich nicht heimlich unter den Tisch bücken musst, um von deinem belegten Brot abzubeißen. Und wo kein Wäschekorb die freie Sicht behindert. Sowas in Dresden! Sowas ohne fies teures Miet-Abo und Man-Bun in Kombination mit gekrempelten Hosenbeinen und Herschel-Rucksack (nichts gegen diese Menschen, nur verunsichert mich deren Zielstrebigkeit und analytisches Gespür für den Puls der Zeit so sehr, dass ich mich schwer auf Grundschulmathe konzentrieren kann...)




Dabei will das malobeo das gar nicht sein: Ein nicht-hipper Co-Working-Space für junge Antifaschisten. Eher ein Ort des Treffens und Kennenlernens und der Vernetzung. Ein Raum für Vorträge oder Informationsveranstaltungen, für gemeinsames Kochen und Essen (Dienstag und Freitag ist Küfa - Küche für alle. Manchmal lässt jemand* die Nudeln anbrennen, weil sie der Meinung ist, 3 kg Spaghetti gehen in einem kleinen Topf schon klar. Ähm.). Als kino liberecano zeigt es Abends regelmäßig Filme, die nie auf Kino-Leinwänden laufen und die sich inhaltlich um Utopie und herrschaftsfreies, antiautoritäre Lebensentwürfe drehen oder gesellschaftliche Problemstellungen beleuchten. Als Bibliothek steht Neugierigen einiges an Literatur, überwiegend auch aus diesem Bereich zum Leihen zur Verfügung.



Es ist kein alternatives Zentrum, dafür ist es nun mal auch zu klein. Eher ein Ort des Sein-Dürfens. Ein Ort jenseits von (Kaffee-)Konsumzwang. Liebenswertes meet-and-greet mit Offenheit und Toleranz und Menschen mit neuen Ideen. Ein Ort, wo du hingehen kannst, wenn es keinen Ort gibt wo du hingehen kannst. Egal wie viel Geld du hast und welcher Nationalität du angehörst, nur Pegida-Sympathisanten gegenüber ist man intolerant. Aber das ist okay. Es gibt eine separate Küche mit Elektroherd und Teetassen, einen Tischkicker und einen Schaukelstuhl (Ja! Einen echten!).
In dem dennoch ziemlich geräumigen Ladengeschäft kann man nichts wirklich kaufen und bekommt trotzdem ganz schön viel: Seit kurzem steht in einer Ecke ein großer Kühlschrank als Foodsharing-Verteiler. Nicht mehr benötigte oder nah am Haltbarkeitsdatum befindliche Lebensmittel dürfen hier mit allen geteilt und auch mitgenommen werden, vorausgesetzt sie sind vegan. Völlig unentgeltlich, für alle und gegen Lebensmittelverschwendung.
Im neuen Jahr füllt mir jemand Sojajoghurt in eine Schüssel, während ich auf der Couch das ewig lange WLAN-Passwort eintippe. Mein Nicht-Co-Working-Space hat alles was ich brauche: PC-Arbeitsplätze, bequeme Sofas, auf denen es okay ist mit offenem Mund zu schlafen und Internet, das nicht das beste ist um prokrastinierend Prime-Serien zu streamen.

Ja - es ist linksalternativ mit radikalen Stickern auf dem Fliesentisch (naja, doch ziemlich ironisch-hippes Interieur, okay). Aber soll nicht nur Leute ansprechen, die sich damit voll und ganz identifizieren. Das malobeo ist kein abgeranzter Szene-Treff, keine schmutzige Punk-Bude. Es ist sauber, hell und freundlich. Die Atmosphäre ist offen und warmherzig, lädt zu Gesprächen ein. Fast schon hat es was von einem Abgeordneten-Büro der Grünen, ohne Sterilität und Formalia.


Nach dieser, meiner, Entdeckung des Jahres könnte die Prüfungszeit eigentlich super easy laufen. Warum sie das nicht tut, liegt... Am Co-Working mit lieben Menschen. "Soll ich dir auch noch einen Tee machen?" - "Mh, ja. Hast du schon gehört, dass....?" - ... - "Uh. So spät schon? Jetzt muss ich aber mal was lernen..."
Co-Working ist no working, ob die Working-Space nun ein hippes Interieur hat und in Friedrichshain liegt oder eigentlich ein alternativer Info-Laden in Dresden ist. Gut, dass ich kein Arbeits-Abo zahlen muss.




Das malobeo ist trotzdem einen Besuch wert. Egal ob zum versuchten arbeiten, zum quatschen oder zum essen. Und Essen fairteilen. Ihr habt meine wärmste Bloggerin-Empfehlung und das völlig ohne Sponsoring. Wir sehen uns!


Nochmal alle Infos auf einen Blick:    malobeo Dresden-Neustadt
Kamenzer Straße 38

Öffnungszeiten:
wochentags 12-18 Uhr

Homepage:
und ein Like auf Facebook hat es auch verdient. Einfach hier lang.

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