Mittwoch, 24. Mai 2017

Hier gibt es nichts zu... Moment.


Verlasse die Vorlesung eher, wie immer, draußen die Abendsonne und es ist plötzlich so warm, dass die Wiese hinter der Bibliothek voller Menschen ist. Die Rushhour ist vorbei, ich kann die mehrspurige Straße überqueren, ohne 10 Minuten den Mittelstreifen entlang geschlendert zu sein. Im Wohngebiet steht das Auto, gleich nach der Kirche. Jemand grillt. Meine Füße schalten in den ersten Bummelgang. Nicht heim. Nicht Spülmaschine. Nicht Schreibtischablage, nicht Kühlschrank-To-Do-Liste. Nicht schlafen. Sein.
Vor der Fahrertür krame ich nach dem Autoschlüssel. Ganz unten im Rucksack. Lege ein paar Bücher auf das Autodach. Im Strecken, unter meiner Achsel hindurch sehe ich diese beiden Menschen. Vielleicht sehe ich sie gar nicht mal richtig, registriere nur ihr Auftauchen in meinem Sichtfeld. Einen Mann und eine Frau, ein Paar vielleicht, beide in ihren Siebzigern und sie tragen zwei Einkaufstaschen so vorsichtig wie ein Neugeborenes.

Klingt wie der Aufhänger dieser super tiefsinnigen Poetry-Slam-Texte, in denen immer gleich am Anfang irgendein metaphorisches Schlüsselereignis wahrgenommen wird, über das im Folgenden mehr oder weniger pointiert witzig philosophiert werden muss. Und meistens ist es ein altes Ehepaar und dann geht es um Liebe und Treue und das Früher und das Heute und Generation Polyamorie und um sprunghafte, verantwortungslose Tinder-Liebschaften und... Naja, vielleicht mehr ein Vice-Artikel als ein Poetry-Slam-Text. Jedenfalls: Man kennt das.

Als ich da unter meiner Achsel hindurch diese zwei Menschen wahrnehme, denke ich gerade nicht an Poetry-Slam-Texte und auch mal nicht an Vice-Artikel. Für den Bruchteil einer Sekunde registriere ich sie und dieser kurze Moment reicht aus, um zu bemerken, dass sie ihre Einkaufstaschen ungewöhnlich vorsichtig tragen. Wie ein Neugeborenes. So sanft. Und dann beginne ich sie auch zu sehen. Zu beobachten. Dass sie laufen wie alle alten Menschen laufen, ein wenig gebückt, und schlurfend. Wenig kreative Poetry-Slam-Artists würden hier einfügen: Die Last der Lebensjahre auf ihren Rücken tragend. Ich bin keine von ihnen, ich kann Poetry Slam nicht und ich finde, dieser Vergleich wird der Wirklichkeit nicht gerecht. Sie laufen eben.. Na, wie alte Menschen laufen. Dann diese Einkaufstaschen, dieses gedämpfte Schwingen der Taschen gegen ihre Schienenbeine! Daran denke ich auch noch, als ich endlich den Autoschlüssel im Zündschloss drehen kann.

Und...? Nein. Keine Begegnung mit metaphorischer Bedeutsamkeit, nichts, was sanftes Taschen-Getrage in irgendeiner Form in meinem Leben verändern könnte. Ist ja auch kein Poetry Slam hier.
Aber ich habe diese Menschen sehen können.
Die Tage kullerten das Jahr herunter wie auf der Plastikmurmelbahn bei Oma - krachklapperpingklapperholperknack - und ich hätte nicht teilnahmsloser sein können an der Welt. Dinge berühren mich tangential, aber ich registrierte sie mehr, als dass ich sie sah. Bis zu den neugeborenen Einkaufstaschen. Die sehe ich.
Das kann ich also noch - Menschen nicht nur an-registrieren, sondern an-sehen. Dinge sehen. Die Welt sehen. Begreifen. Handeln!

...und ein besserer Schluss ist mir nicht eingefallen.

Sonntag, 30. April 2017

April, April, ich weiß ja was ich will: Streuselkuchen mit Kaffee und sonst nur leben.


Nach dem vermurksten März-Praktikum beginnt der April tröstlich monoton in langen Uni-Fluren und überfülltem Campus-Nahverkehr.
Nur draußen und im Kopf ist April. Morgens ist es grau und windig, ich male einen bunten Farbkreis aus Schul-Patina und bin so sagenhaft pädagogisch motiviert, dass ich in der Pause die Telefonnummer der Freien Alternativschule Dresden googele, um nach einem freiwilligen Praktikum zu fragen. Mittags bricht die Sonne durch die Wolken. Ich höre Perspektivrahmen und Bildungsstandarts und Unterrichtsplanung und bin so schrecklich müde, dass ich mir im einschlafen den Stift in die Wange bohre. Huch, aua. Im prallen Sonnenschein wechsel ich das Gebäude, die Fakultät, mich. Halte Augenringe ins Frühlingslicht, am Fenster des Seminarraums im Germanistik-Gebäude. Habe mit einem mal das Gefühl, hier richtig zu sein. Hier hin zu gehören, zur angewandten Sprachwissenschaft, zur Theorie der Wörter. Das ist meins, denke ich. Genau das. Spreche es aber nichts aus. Sprache schafft Wirklichkeit.

Samstag, 29. April 2017

Rucksackkind - Chapter 3: Gränskontroller, Herzrhythmus, Schnee.


Nach Christiania in Kopenhagen sehen wir noch folgendes: überfüllter, aber schrecklich gut organisierter U-Bahn-Verkehr in der Nachmittags-Rush Hour. Irritierte bis entsetzte bis faszinierte Blicke übertrieben schöner Menschen auf das schlafende kleine Großkind in der Ergobaby-Trage auf meinem Rücken. Ständig dreht man sich nach uns um. Sehe auch keine anderen Eltern(teile), die ihre Kinder in Tragevorrichtungen bei sich haben. Kinder gibt es ausschließlich zu Fuß oder in futuristischen - oder betont Retro-chicen! - Wagen. Ob die Dänen so etwas einfach nicht kennen?
Mit dem schlafenden Kind auf dem Rücken dann noch die Straßen rund um Københavns Universitet. In Reiseführern werden Rathaus, Tivoli und die Strøget-Shoppingmeile ausführlich erwähnt. Viel schöner ist es aber abseits von Allerwelts-Marken, zwischen (mh, teuren) kleinen Restaurants, Boutiquen, Plattenläden!, Kopfsteinpflaster und schmalen Häusern auf schmalen Gassen.

Freitag, 21. April 2017

Sofa-Talks.


Ich klappe das Buch zu. Es ist kurz vor 8, Schlafenszeit. Zwei kleine kalte, nackte Kinderfüße suchen unter der Decke auf der Wohnzimmercouch noch Platz zwischen meinen Oberschenkeln. Völlig aus dem Gute-Nacht-Geschichten-Zusammenhang gerissen sagt das Kind: "Stimmts Mama, als du klein warst... Da warst du in meinem Bauch?" - "Nee", korrigiere ich grinsend, "ich war da in Omas Bauch, als ich ein kleines Baby war."
Etwas ungläubig schaut Marek mich an. "Wo war ich dann?", will er wissen, "Ich war da doch schon in deinem Bauch drin?!"
Ich überlege einen Moment. "Du...", sage ich, "Du warst... da noch Quark im Schaufenster." Korrigiere dieses komische Sprichwort dann aber schnell selbst: "Äh. Du warst da noch im Himmel, bei den Engeln. Du warst da ein kleiner Engel und bist erst in Mamas Bauch gekommen, als die Mama dann groß war."
Na, das klingt doch nach etwas. "Und dann bin ich aus deinem Bauch rausgekrabbelt und war da!", triumphiert das Kind. So ist das gewesen. Logisch.

Freitag, 14. April 2017

Rucksackkind - Chapter 2: Love, Peace, Christiania. Begegnungen mit der Utopie.

Hier: Chapter 0 und Chapter 1


Weiß nicht so richtig wohin mit uns. „Ein-stei-gen!“ zieht das Kind am Gurt der Ergobaby-Trage, da halte ich noch den Stadtplan umklammert und studiere die wenigen Metro-Stationen von oben nach unten nach oben. Daheim habe ich Reiseblogs gelesen: "What to see in Copenhagen!" - und so, was man halt so liest, nachts, im Bett, auf dem Tablet.
Aber hier, inmitten übertrieben schöner Menschen in übertrieben sauberer U-Bahn-Station bin ich auf einmal orientierungslos entdeckungsfreudig. Entscheide mich aus dem vagen Eindruck heraus, darüber gelesen zu haben, für zwei Stationen M2 „towards Lufthavnen“.

Dienstag, 11. April 2017

Auferstanden aus Ruinen, oder: Waschmaschinenwetter und Curry.


Irgendjemand hat das stille, beschauliche Hinterkaffhausen-Leben in die Waschmaschine gesteckt. Pflegeleicht, 40 Grad, intensiv spülen, doppelter Schleudergang. Ich hab hier schon so oft emotionale Befindlichkeiten formuliert und zwischen den Zeilen meine manchmal schwierigen, wackeligen Schritte durch die Welt thematisiert. War ehrlich und war es auch nicht: Hinter guten und schlechten Phasen, Stress und weniger Stress steckt auch mein Problem mit der Welt. Manchmal bin ich unfähig, mich einzufügen und an ihr teilzunehmen. Dann schleudert der Waschgang Stimmungen im Stundenrhythmus durcheinander, ich bin himmelhochjauchzendzutodebetrübt, habe eine geringe Aggressionsschwelle (im Auto!) und überhaupt fällt alles viel schwerer als es das eh schon tut. Die Waschmaschine hat einen anerkannten medizinischen Fachnamen und ich lerne, damit umzugehen.
In zeitlichen Engpässen, unter Druck, in fremdbestimmten engen Zeitplänen drückt immer irgendwer oder irgendetwas ungefragt auf den Anschaltknopf. Das ist Mist. Im Praktikum-Stundenplan an der Grundschule sehe ich meine Umwelt nur verschwommen durch das Bullaugen-Glas des Frontladers.

Samstag, 18. März 2017

Don't think twice.


Das Leben ist komisch schwer in diesen Tagen. Es dreht sich so schnell, dass mir schlecht wird. Trotz Kotzphobie speie ich Phrasen in stumpfe Gesichter und hoffe, sie klingen ernst gemeint höflich. Schalte "Lebensmotto Tarnkappe" auf meinem Handy in der Hälfte weg, um besser rückwärts auf dem Mitarbeiter-Parkplatz der Grundschule einparken zu können und gähne hinter vorgehaltenem Sachkunde-Arbeitsblatt gegen den Kopfschmerz an. "Heute isser aber kräftig, der Kaffee" im Lehrerzimmer, dabei kann ich davon gerade so wieder geradeaus gehen, lächeln, nicken, in Freundebüchern das Faultier in die Lieblingstier-Spalte eintragen und bei "mein Vorbild" die Person mit der größten Selbstdisziplin in meinem Umfeld.

Ich schlafe zu wenig und esse zu viel, oft wische ich mir heimlich eine Träne von der Wange und weiß nicht, ob das eine allergische Reaktion auf die neue Mascara oder das Leben ist. Vielleicht alles. Vielleicht Schlafentzug. 
Dann ist es Dreiundzwanzig Uhr und das gleichmäßige Auf- und Wegblinken des Cursors macht mich nervös und aggressiv gleichzeitig. Noch nie fiel es mir so schwer zu existieren. Zu produzieren. Ein produktives Glied der Gesellschaft sein. Eine Mutter sein. Eine Studentin sein. Eine kompetente Lehrerin sein.

Und während ich mit einer Geschwindigkeit von 1 Satz/30 Minuten pseudo-wissenschaftlichen Pädagogik-Müll auf weißen Untergrund tippe läuft Bob Dylan im Spotify-Player. Don't think twice. Denn bald it's alles over, Baby Blue. Vielleicht sogar das Lehramts-Studium. In jedem Fall aber die Blog-Pause. Bis dahin: Abwarten und Mate trinken. Overandout.

Donnerstag, 2. März 2017

Rucksackkind - Chapter 1: Hej København!

Hier: Chapter 0


Kopenhagen, prime-time. Ohne dänische Kronen und ohne Plan für die nächsten zweieinhalb Stunden. Unser Couchsurfing-Host Fernando arbeitet bis 22:45 Uhr und wird uns erst dann am Flughafen abholen. Wir fahren die Rolltreppen hinauf in die Bahnhofshalle und das erste was mir von Dänemark auffällt: Nur schöne Menschen. Überwiegend und überall. Menschen aus der IKEA-Werbung und fashionabled people vom H&M-Plakat. Es ist gruselig.
Stehe in der architektonisch umwerfend elegant-charmanten Bahnhofshalle, mit dem Kind an der Hand und befürchte, in ein Filmset geraten zu sein. In Johnossis neues Musikvideo zum Beispiel.* Verstohlen schaue ich mich um. Es ist alles sehr hip, sehr artsy, sehr scandinavian. Und schön.
Aber vielleicht kommen wir auch einfach nur vom Dorf. 

Samstag, 25. Februar 2017

Rucksackkind - Chapter 0: Auf dem Weg nach Kopenhagen.


Vorgeschichte: Gibt es nicht. Ich wollte weg, raus, ins Graue. Habe die Idee, als ich in der Unibib sitze und zwei Studentinnen neben mir ihre Planung für die Vorlesungsfreie Zeit erörtern. Vorlesungsfrei, schnaube ich innerlich und lasse den Kopf auf meine Arme sinken (dabei übrigens mit dem Hintern den Bib-Stuhl auf Rollen vom Tisch wegschieben und geräuschvoll seufzen: Der SLUB-Move. Jeder Insider beherrscht ihn, spätestens nach dem 2. Semester).

In der Vorlesungsfreien Zeit schrieb Ich Klausuren und hielt Referate. Danach eine Projektarbeit, an der ich immernoch arbeite. Zwischen Pflichtanwesenheit-Intensiv-Arbeitsphase und Beginn eines Praktikums an der Grundschule den ganzen März über bleibt mir genau eine Woche. Eine. Woche. Das ist doch nicht fair. Zwischen Klausur und Referat hoste ich eine amerikanischen Couchsurfer und lasse mich anstecken. Warum sollte ich das eigentlich nicht mal versuchen? Selbst Couchsurfen? Mit Kind? „Du bist ja wahnsinnig!“, zeigt mir die O-Mama den Vogel quer über den Kaffeetisch. Aber da ist es schon zu spät. Weil der Facebookfreunde-Cast nach Travelcompanions fehlschlägt, buche ich spontan Sparpreis-Tickets nach Kopenhagen.

Dienstag, 21. Februar 2017

Mitten im Leben ohne Apfelkuchen. Gedankenquatsch ohne Erklärungen. Eine Ankündigung.

Das Leben geht weiter. Immer. Isso. Auch in der Prüfungszeit. Der Staub auf dem Regal vermehrt sich ungeachtet der Lektüreberge daneben, ignorant piept die Waschmaschine zwischen meine Tschechisch-Vokabel-Lernmonologe. Die Klausurenphase macht mich zum Morgenmenschen. Morgen, nicht heute. Heute streame ich Indiefilme, allgemeinbilde mich mit Vicenews über Pornomessen und scrolle in der Bib meinen Facebook-Feed bis ganz nach unten. Und wieder hoch. Aktualisiere dreimal in einer viertel Stunde Instagramstories ohne selbst auch nur ein Wort in die virtuelle Welt zu setzen. Ich konsumiere und konsumiere. Vor allem Kollemate in Litern pro Stunde. Und ich lebe. Hier und jetzt und zwischen Krümeln.
Direkt proportional zu meinem Hintern im malobeo-Couch-Polster sinkt meine kreative Begabung und nähert sich dem Nullpunkt an. Statt in meinem noch nicht wie eine Hausarbeit aussehendem Worddokument zu Hate Speech bei Pegida blinkt der Cursor auf der Blogbeitrag-Oberfläche. Neue Wörter gibt es nirgendwo. Mein Kopf ist leerer als mein Kühlschrank.